ARBEIT UND WIRTSCHAFT HERAUSGEGEBEN VON ANTON HUEBER UND FRANZ DOMES REDAKTEURE: EDUARD STRAAS, VIKTOR STEIN, DR. EDMUND PALLA UND DR. J. HANNAK IV. JAHRGANG 1. JULI 1926 HEFT 13 DAS ARBEITER-TURN- UND SPORTFEST Von J. Hannak Seit es Gewerkschaften gibt, gibt es auch unz�hlige Gewerkschaftsdefinitionen. Gelehrte wie Praktiker haben bis heute eigentlich immer vergeblich versucht, die Vielheit der Erscheinungen, die sich um den Zentralbegriff der Gewerkschaft sammelt, in die Ein� heit einer theoretischen Formel zu bannen. .Es exi� stieren fast so viele Erkl�rungen des Wesens der Gewerkschaft, wie bei uns �berhaupt Gewerk� schaften existieren. Von der engsten Auslegung eines blo�en Lohnregulators bis zur weitesten eines all� beherrschenden Kulturfaktors bewegen sich in den verschiedensten Variationen und Abstufungen die Interpretationen der Gewerkschaftstheorie. Alle diese Auslegungen mitsammen kranken aber daran, da� sie die Gewerkschaft nicht im Flu� der Geschichte, nicht im Wandel ihrer Funktionen betrachten. Alle die Definitionen haben recht und unrecht zugleich. Es kommt nur auf die Zeitumst�nde an. Die Gewerk� schaft kann alles und die Gewerkschaft kann nichts sein. Sie ist nicht, sie wird. Vom-Instrument der Staatsbeherrschung, wie etwa in Mexiko, bis zu ihrer vollst�ndigen Vernichtung und Nullifizierung, wie etwa in den Balkanstaaten, oder gar noch weiter bis zu jener furchtbaren Sch�ndung ihres Gedankens, wo die Gewerkschaft aus ihrer Natur sozusagen her� ausspringt und umschl�gt in ein Machtorgan gegen die Arbeiterklasse, wie in Italien, zwischen allen die� sen Stadien erf�llt sich der Lebensinhalt der Gewerk� schaft. Je h�her organisiert, je geistig und moralisch h�herstehend die Arbeiterbewegung eines Landes ist, desto gleichm��iger die Entwicklung aller Klassen� organisationen des Proletariats, desto mehr ver� schwinden die Grenzen des T�tigkeits- und Funk� tionsbereiches der getrennt marschierenden, aber vereint schlagenden Formationen der Partei, der Ge� werkschaften, der Genossenschaften, der Kultur� organisationen. Wahrscheinlich l��t sich eine wirklich genaue Definition der Gewerkschaft nur dort geben, v/o eine schwache und wenig vorgeschrittene oder uneinige Arbeiterbewegung besteht, wo die einzelnen Teilorganisationen des Proletariats sich mit Neid, Mi�trauen und Eifersucht betrachten, wo keiner den anderen zur Geltung kommen l��t. Wenn es nicht un� bescheiden klingt, darf wohl gesagt werden, da�, so� fern die eben ausgesprochene Theorie richtig ist, sie nur ein Beweis f�r die Vortrefflichkeit der �sterrei� chischen Arbeiterbewegung w�re, in der man tat� s�chlich von einem Verschwimmen und Verwischen der Grenzen zwischen den verschiedenen Teilorga� nismen des proletarischen Klassenkampfes sprechen darf. Ein Beispiel: Die A r b e i t e r h o c h s c h u 1 e. Eingerichtet wurde sie von der Partei, finanziert von den proletarischen Sparinstituten, geleitet wird sie von den f�hrenden Fachleuten unserer Bildungsorga� nisation und ihre Sch�ler schlie�lich sind � Gewerk� schafter. Oder der M a s s e n a �t m a r s c h, der vor vierzehn Tagen die Herzen der Proletarier h�her schlagen und die Herzen der Bourgeoisie erzittern lassen hat: wie w�re dieses gro�artige Dokument der Macht der Arbeiterklasse � schon rein organisato� risch ein Meisterwerk � je zustande gekommen �der wenigstens so relativ m�helos und mit so souver�neY Schnelligkeit und Exaktheit zustande gekommen, wenn nicht engstes Einvernehmen best�nde zwischen Partei, Gewerkschaft und deren Wehr- und Ordner� formationen? Das neueste Beispiel einer ersch�tternd gro�en gemeinsamen Kundgebung, diesmal im Zeichen prole� tarischer Leibesert�chtigung und proletarischer Kul� tur, ist das Arbeiter-Turn- und Sportfest, das in wenigen Tagen in Wien beginnen und der der� zeit gr��ten proletarischen Hochburg der Welt eine Woche lang Klang und Farbe gebe wird. Vergeblich auch hier die Frage, wem dieses gewaltige Fest �zu� zurechnen" ist. Seine Wirkung ist politischer Natur, seine wirtschaftlichen Voraussetzungen gewerk� schaftlich indiziert, sein positiver Inhalt Geist vom Geiste miserer Kulturorganisati�nen. Wer fragt da noch viel, ob Partei, Gewerkschaft, Genossenschaft oder sonst wer �ainen gr��eren oder geringeren An� teil daran hat? Es ist allen gemeinsam, allen ungeteilt zu eigen. Das ist die eigentliche und tiefere Bedeutung des 'Sportfestes. Der Sport ist heute eine elementare Be� wegung der gaueen proletarischen Jugend, ein wah� res Massenph�nome� � und eines, das wir vielleicht allzulange vernachl�ssigt haben. Viele Jahre sind unsere Kinder und jungen Menschen gerade auf diesem Gebiet; das f�r ihre Gef�hls- und Phantasiebildung und -bindung von nicht gew�hnlicher Bedeutung war, einer in unseren Reihen sonst nicht �blichen Anarchie �berlassen geblieben, und die paar proletarischen Sportvereine, die galten nicht viel. Seither haben wir es alle erlebt, wie die Reaktion sich anschickt, die Seele der Jugend zu verderben und zu vergiften durch einen,, riesenhaften Sportbetrieb, der ganz auf r�lie