53/ ARBEIT UND WIRTSCHAFT 532 Nervenreize und Geschäft eingestellt, uns die besten Energien der proletarischen Jungmannschaft zu ent¬ fremden drohte. Erlebten und erleben wir nicht die Fälle, daß sich ein Fabrikant in eine Fußballmannschaft einkauft in der Form, daß er sie in seinem Betrieb unterbringt und sie sich damit hörig macht, oder daß ein Bankier „seine" Fußballproleten mit Aktien be¬ schenkt, ein dritter sie mit Wirkwaren ausstattet, ein vierter mit — Alkohol und so fort, ganz abgesehen von den offiziellen Formen des Berufssports, der ganz auf „Werksgemeinschaft" und gelbes Gewerk- schaftlertum zugeschnitten ist? Nicht zuletzt die freien Gewerkschaften waren es, die sich rechtzeitig der Gefahren des von der Bour¬ geoisie so bewußt geförderten neuen Volksvergnü¬ gens „Sport" bewußt wurden. So hat sich etwa der Metallarbeiterverband oder der Zen¬ tralverein der Kaufmännischen Ange¬ stellten oder die Gewerkschaft der Kaffee- und Gasthausangestellten und manche andere Gewerkschaft damit geholfen, daß sie selber Sportabteilungen gegründet und unter ihrer proletarischen Kontrolle behalten hat. Der eigentliche Fortschritt ist aber dem vereinten Wirken aller proletarischen Institutionen zuzuschreiben. Dieses Wirken findet seinen Ausdruck in dem neuen Kraft¬ zentrum unserer Gesamtbewegung, im „A s k ö", dem „Arbeiterverband für Sport- und Körperkultur", einer neuen Komponente unseres Machtbereiches, einer Komponente wohlgemerkt, also einer Teil¬ richtung, die nur in und mit der gesamten Arbeiterbewegung existieren, nur durch sie und im Zusammenhang mit ihr sein kann. Der bürgerliche Sportbetrieb hat den sporttreiben¬ den Menschen aus jeder Verknüpfung mit höheren Gesichtspunkten herausreißen, ihn nichts als Sport¬ ler, nichts als eine seelenlose Körpermaschine sein lassen wollen. Der proletarische Sport hingegen führt den jungen Sportler wieder zurück zu den Quellen der Kultur. So wie sich unser gewerkschaftliches Prinzip von heute abhebt und unterscheidet von dem seelenlosen Tradeunionismus und gewerkschaftlichen Syndikalismus von einst dadurch, daß auch der kleinste und bescheidenste Lohnkampf nicht als Selbstzweck, als engherzig egoistisches Streben nach ein paar Lohnkronen mehr aufgefaßt wird, sondern allimmer im Zusammenhang mit höheren Zielen — wir möchten sagen geistiger Natur — erscheint, vor allem mit dem höchsten Ziel der über die Berufs¬ solidarität hinausgehenden Klassensolidari¬ tät, so unterscheidet sich auch das proletarische Sportprinzip vom bürgerlichen, daß es mehr ist als Sport, daß es eingebettet erscheint in der großen Tat der proletarischen Kultur. Was kann ein bürger¬ licher Sportler gewinnen? Die Fußballmeisterschaft und den Schwimmrekord. Was kann ein proletari¬ scher Sportler gewinnen? Die Ehre seiner Klasse. Daß wir auch das Arbeiter-Turn- und Sportfest als ein Klassenfest feiern können, gibt ihm seine Weihe, gibt ihm das historische Format. Das mit Sportsensationen wahrlich verwöhnte Wien hat der¬ artiges, wie dieses Arbeiter-Turn- und Sportfest, doch noch nicht gesehen. Vielleicht das letzte Gebiet, auf dem das Zeichen der roten Fahne in Wien noch nicht sieghaft aufgepflanzt worden ist, wird uns nun ebenfalls erobert: das Gebiet des Massensports. Er, der im Leben und der Erziehung unseres Nach¬ wuchses eine so wichtige und an Wichtigkeit ständig noch zunehmende Rolle spielt, er wird nun von der Arbeiterklasse als ein Kulturgut sanktioniert. Und weil der Sport ein Kulturgut ist, an dessen Gedeihen und Pflege alle Einrichtungen der Arbeiterklasse ein gleich starkes Interesse haben, begrüßen auch wir Gewerkschaften mit Freude und Anerkennung diese proletarische Sportolympiade auf Wiener Boden, wir heißen die lieben Gäste aus allen Gauen Europas willkommen und sind voll Stolz erfüllt, daß es ge¬ werkschaftlich organisierte, klassenbewußte Men¬ schen sind, die da nach Wien strömen, um Zeugnis abzulegen für die körperliche Leistungsfähigkeit des internationalen Proletariats und das ganze aus¬ zugestalten zu einem großen Ehrenfest der-inter¬ nationalen Brüderlichkeit und Solidarität. STAAT UND BEAMTE Von Karl Renner Es gibt Gesellschaftsverfassungen, die - — ver¬ schieden von der unsrigen — das Institut der gegen Ge¬ halt angestellten öffentlichen Beamten überhaupt nicht kennen. Die mittelalterliche, die Lehensgesell¬ schaft, die ständische Gesellschaft kennt solche öffent¬ liche Beamte nicht. Es ist erst die beginnende Neuzeit, welche an Stelle der anderen Verfassungen in der Ordnung der öffentlichen Dinge die öffentlichen Angestellten ein¬ geführt hat. Vor allem war es das aufsteigende Fürsten¬ tum, die Monarchie, welche sich der öffentlichen Beamten bediente, um alle Schichten der Gesellschaft zu be¬ herrschen und durch die öffentlichen Beamten über die streitenden Klassen, über den Widerspruch der einzelnen Stände hinweg eine einheitliche öffentliche Gewalt auf¬ zurichten. Selbstverständlich war die Schicht dieser öffentlichen Angestellten sehr klein — wie ja auch die Aufgaben des Staates nicht weitreichend waren. Der Fürst bediente sich der Angestellten als Instrumente seiner Herrschaft und er nahm sie. während die ganze Gesell¬ schaft damals noch auf den Vorrechten des Adels auf¬ gebaut war, in der Regel aus bürgerlichen Kreisen. Was war nun das Wesentliche dieses Standes vom Hofratsbeamten, von der Hofcharge, die unmittelbar um den Fürsten, um den absoluten Monarchen bedienstet waren, bis zum Amtsdiener? Die Tätigkeit der öffentlich Angestellten wurde nicht als Arbeit empfunden, nicht als nützliche gesellschaftliche Arbeit, sondern als Dienst der Person des Angestellten für die Person des Fürsten. Dieses persönliche Dienstver¬ hältnis brachte auf der einen Seite zwar einen etwas geringeren Gehalt. Aber das Fürstentum belohnte seine Beamten durch Ehren und Auszeichnungen. Das war eine Währung, die den Fürsten sehr billig kam. Wer jedoch durch den öffentlichen Dienst durchging, war, auch wenn er vermögenslos und nur aus bürgerlichem oder klein¬ bürgerlichem, nach der Befreiung der Bauern auch aus bäuerlichem Stande kam, sicher, daß der öffentliche Dienst eine Durchgangslinie war hinauf zu den herrschenden Klassen. Das war in Wahrheit die Bezahlung, die das Fürstentum den öffentlichen Bediensteten gewährt hat. Die höchsten Bediensteten wurden in den Adelsstand erhoben und wurden dadurch denen gleichgestellt, die von den Vätern her seit alten Zeiten, seit Raubritterszeiten mit Burgen und Schlössern ausgerüstet waren. Das war der sogenannte Briefadel neben dem Grundadel. Die öffent¬ lichen Diener wurden in den mittleren und unteren Rängen, nachdem sie eine Zeitlang dem Fürsten gedient hatten, in der öffentlichen Verwaltung versorgt. Sie wurden ver¬ sorgt, indem sie bei den Hof- und Staatsgütern in ver¬ schiedenen Rängen Anstellungen erhielten, und was die Hauptsache war, sie wurden dadurch versorgt, daß die ganze bürgerliche Welt es sich immer zur Ehre anrechnete, öffentliche Bedienstete durch das Mittel der Einheirat in ihre Klasse zu bringen. So ging immer ein wesentlicher Teil der damals der Zahl nach überhaupt nicht so mäch¬ tigen Schicht in die herrschenden Klassen über. Das Fürstentum war die revolutionäre Gewalt im Atisgange des Mittelalters und der beginnen¬ den Neuzeit, welche die alte Feudalität niedergezwungen, die Ritterburgen geschleift und einen bürgerlichen Staat hergestellt hat. Bei dieser Arbeit haben sich die öffentlichen Bediensteten in manchen Schichten großen