723 ARBEIT UND WIRTSCHAFT 724 Wir wollen darum eine Werbeaktion für die freien Gewerkschaften veranstalten, die ganz im Dienste des internationalen Gewerkscliaftsgedankens stehen soll. Das Jubi¬ läum der Internationale soll der Anlaß sein, während des kommenden Monats in stiller, aber reg¬ samer Agitation in allen Berufen und Industrien, in allen Fabriken, Werkstätten, Kanzleien, Ver- kaufsläden, unter den Berufskollegen und den Mitbewohnern im Hause, unter den Freunden in Stunden der Geselligkeit, bei Sport und Unterhaltung und wo immer sonst, neue Streiter zu werben. So soll in Osterreich das Jubiläum der Internationale praktisch begangen werden. Arbeiter und Angestellte, rüstet zur gewerkschaftlichen Werbeaktion. Die Gewerkschaftskomniission, DIE ARBEITSKONFERENZEN IN GENF Von Karl Weigl Vom 26. Mai bis 24. Juni 1. J. tagten in Genf die achte und neunte Internationale Arbeits¬ konferenz des Völkerbundes. Beide Konferenzen be¬ faßten sich der Tagesordnung gemäß mit Fragen der See¬ schiffahrt. Wenn sie trotzdem auf Allgemeininteresse An¬ spruch erheben dürfen, so deswegen, weil ihr Verlauf so recht zum Bewußtsein bringt, wie weit die Welt noch davon entfernt ist, der arbeitenden Menschheit Gerechtig¬ keit widerfahren zu lassen. Es wird die nun schon zur Binsenwahrheit gewordene Tatsache neuerdings be¬ stätigt, daß dem Arbeiter, welchen Berufes er immer sei, wo immer und in welcher Lebenslage immer er sich be¬ finde, nur so viel gegeben wird, als er sich im Kampf erobert; mehr nicht. Der achten Tagung der Internationalen Arbeits¬ konferenz war eigentlich nur eine Frage gestellt: „Die Vereinfachung der Aufsicht über die Aus¬ wanderer an Bord der Schiffe." Eine kuriose Tagesordnung. Kurios deshalb, weil es sich in Wirklichkeit nicht um eine „Aufsicht über die Auswanderer...", sondern um das Gegenteil, um eine Aufsicht über die Reeder, die den Auswanderertransport besorgen, und ihrer Kapitäne handelt. Man kann nur vermuten, daß der irre¬ führende Titel gewählt wurde, um die Reeder nicht zu verletzen und damit um Himmels willen nicht das Prestige der Regierungen der schiffahrttreibenden Länder am Ende eine Beule erhält. Nach dem Kriege haben es verschiedene Länder, die ein starkes Kontingent von Uberseeauswanderern stellen, für nötig befunden, zum Schutze ihrer auswandernden Landsleute sogenannte Aufsichtsbeamte an Bord der Aus¬ wandererschiffe zu schicken, damit diese dort das Inter¬ esse der ihrer Obhut anvertrauten Menschen bei jeder Gelegenheit wahren. Es soll sich auch ereignet haben, daß auf Schiffen, die Auswanderer verschiedener Nationen an Bord hatten, mehrere solcher Aufsichtsbeamten er¬ schienen sind. Diese mußten auf Grund von Abkommen mit den Reedern auf deren Kosten befördert und ver¬ pflegt werden. Die Reeder behaupten nun, es seien Zwistigkeiten mit diesen Beamten unvermeidlich, weil jeder etwas anderes wolle und öfter versucht werde, in die Rechte des Kapitäns einzugreifen. Das paßt den Schiff¬ fahrtsunternehmungen und, wie es scheint, auch den Regie¬ rungen verschiedener schiffahrttreibender Länder nicht. So hat die Internationale Ein- und Auswanderungskonferenz zu Rom im Jahre 1924 den Antrag gestellt, die Beauf¬ sichtigung der Auswanderer an Bord zu vereinfachen. Es hatte sich das Internationale Arbeitsamt mit der Frage befaßt und so gelangte diese auf die Tagesordnung der Konferenz. Eines soll gleich bemerkt werden. Das Arbeitsamt hat die Gelegenheit redlich benützt, um den zur Übung gewordenen, aber nirgends gesetzlich ver¬ ankerten Teil eines Auswandererschutzes — Beistellung eines Aufsichtsbeamten -— zu kodifizieren, um auf dem Wege der „Vereinfachung der Aufsicht" zu einer Festlegung der Aufsicht überhaupt zu kommen. Bei dem Werdegang, den ein solcher Vorschlag des Arbeits¬ amtes nimmt — es müssen den Regierungen der dem Völkerbund angeschlossenen Länder umfangreiche Frage¬ bogen zugesendet werden und auf Grund der einlangen¬ den Antworten muß das Amt seinen Vorschlag an die Konferenz ausarbeiten — kann es natürlich nur ein sehr zahmer Versuch, „etwas" zu machen, sein. Hält man sich noch das Stimmenverhältnis auf der Arbeitskonferenz vor Augen, das so aussieht, daß jede Delegation (Land) vier Stimmen hat, wovon zwei die Regierungsvertreter und je eine der Arbeitgeber- beziehungsweise Arbeiter¬ vertreter hat, so begreift man erst recht, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Denn bei dieser Stimmen¬ verteilung entscheiden immer in Wirklichkeit die Re¬ gierungsvertreter. Trotzdem also, wie angeführt, Vorschläge des Amtes fiir eine Konvention immer nur ein Minimum darstellen können, wendeten sich die Unternehmer dennoch mit aller Schärfe und allen Faxen des Parlamentarismus gegen die Vorschläge des Amtes. Zunächst versuchten sie es, die Internationale Arbeitskonferenz als unzuständig zur Beratung dieser Frage zu erklären und legten eine diesbezügliche Entschließung vor. Ulkig war mitunter die Begründung. So erklärte der Sprecher der Reeder allen Ernstes, der Auswanderer sei vom Standpunkt des Reeders keinesfalls ein Arbeiter, sondern der Arbeitgeber des Reeders, weil dieser ihn in seinem Auftrage befördere. Diesen Standpunkt konnte sich die Konferenz nicht zu eigen machen und lehnte die beantragte Entschließung ab. Es kam schließlich aus den tagelangen Ausschu߬ beratungen ein Entwurf zu einem Ubereinkommen heraus, dessen Inhalt im wesentlichen folgender ist: Die Auf¬ sicht auf einem Auswandererschiff wird nur durch eine einzige Regierung ausgeführt. Diese einzige Regierung ist in aller Regel die des Flaggenlandes, das heißt desjenigen Landes, zu dem das Auswandererschiff ge¬ hört. Das hindert aber nicht, daß ein Land, dem die Aus¬ wanderer angehören, auf seine Kosten einen Be¬ obachter an Bord gibt. Dieser darf aber in die Agenden des Aufsichtsbeamten nicht eingreifen. Es kann auch im Wege eines Abkommens mit der Regierung des Flaggen¬ landes einer anderen Regierung die Bestellung des Auf¬ sichtsbeamten übertragen werden. Der Aufsichtsbeamte darf in keiner Beziehung zu dem Reeder stehen: er darf aber auch nicht in die Gewalt des Kapitäns eingreifen. Er muß nur überwachen, und zwar die Einhaltung der Gesetze des Flaggenlandes und andere anwendbare Gesetze, ebenso die aus den Transportverträgen den Auswanderern zustehenden Rechte. Binnen einer Woche nach Ankunft in dem Bestimmungshafen muß er seiner Regierung Bericht erstatten. Im Zuge der Ausschußberatungen gelang es auch, zwei Bestimmungen in den Entwurf zu bringen, die der Kon¬ ferenz noch große Verlegenheit bereiten sollten. Die eine verlangt, daß, wenn mindestens 50 Auswanderer an Bord sind, welche die Landessprache der Nation des Schiffes nicht sprechen, ein Dolmetsch an Bord sein muß. Die zweite Bestimmung verlangt, daß bei Anwesenheit von mindestens 15 Frauen und Mädchen ohne verant¬ wortliche Begleitung an Bord, eine entsprechend quali¬ fizierte Frau zum Schulze dieser Frauen und Mädchen an Bord genommen werden muß. Während der erste Teil (sieben Artikel) als Entwurf zu einer Konvention von der Konferenz angenommen wurde, beantragte man die beiden Artikel — Dolmetsch und Frauenschutz — nicht als Konvention, sondern nur als Rekommandation zu beschließen. Der Antrag blieb mit wenigen Stimmen in der Minderheit. Nun lehnte die Konferenz den Artikel 8 (Dolmetsch) überhaupt ab, nahm aber den Artikel 9 (Frauenschutz) wieder an. Jetzt war