ARBEIT UND WIRTSCHAFT HERAUSGEGEBEN VON ANTON HUEBER UND FRANZ DOMES REDAKTEURE: EDUARD STRAAS, VIKTOR STEIN, DR. EDMUND PALLA UND DR. J. HANNAK V. JAHRGANG 15. NOVEMBER 1927 HEFT 22 ZEHN JAHRE SOWJETRUSSLAND Von Wilhelm Ellenbogen Wir österreichischen Sozialdemokraten sind der russischen Revolution vor allem aus einem Grund zu Dank verpflichtet. Ihr Vorläufer, die vorüber¬ gehende Erhebung von 1905, das erste Gewitter¬ anzeichen der sich ankündigenden Umwälzung, hat unsere Wahlrechtsbewegung zum Sieg geführt, sie war die Geburtshelferin dieser gewaltigen politischen Errungenschaft, die ihrerseits Erzeugerin der künftigen Umwälzungen im alten Österreich war. Die große russische Revolution aber, die in den ersten Novembertagen 1917 ihr Haupt erhob, ist, wie verschlungen auch ihre Pfade von diesen Ursprüngen bis zum heutigen Tage waren, wie viele Enttäuschun¬ gen sie auch gebracht, wie viele Irrwege sie auch eingeschlagen haben mag, doch eine gewaltige histo¬ rische Tatsache von unabsehbarer Tragweite. Sie ist unverständlich, wenn sie nicht mit marxistischen Augen gesehen wird. Wer sich aber bei ihrer Prüfung dieser Methode bedient, dem enthüllt sie nicht nur die volle Rätselhaftigkeit ihres Wesens, dem festigt sie auch die Erkenntnis, wo ihre Bedeutung für die Zu¬ kunft liegt, und welche Fehler sie zu vermeiden hat, wenn sie dieser Zukunftsaufgabe gerecht werden soll. Das, was im Jahre 1917 sich erhob, war die anti- feudale Revolution. Bürger und Arbeiter zusammen erhoben sich und stürzten die zaristische Macht. Es war das russische 1789 und diese längst reife Frucht fiel spät, aber endgültig. In dreijährigen Kämpfen von gewaltiger Wucht wurde nicht nur das absolutistische System, sondern die ganze feudale Ordnung unter Expropriation des Grundbesitzes und Neuverteilung des Bodens mit der Wurzel ausge¬ rottet. Diese Revolution erreichte ihr geschichtliches Ziel in vollkommenstem Maßstab. Aber e i n Unterschied ergab sich gegen die in anderen Ländern vorhergegangenen bürgerlichen Revolutionen (1789, 1830, 1848). Uberall hatte das Proletariat an der Erhebung mitgewirkt, aber nirgends als zielbewußter Faktor mit eigenem historischen Ziel und Endzweck. Erst in Rußland stand an der Spitze des industriellen Proletariats eine Führerschar mit einem klaren Inhalt ihres revolutionären Willens: der Aufrichtung einer sozialistischen Ordnung. Insbesondere die im Herbst 1918 zur Macht gelangte bolschewistische Fraktion war von dem fanatischen Willen beseelt, den Sozialismus sofort zur Wirklich¬ keit werden zu lassen. Und hier beginnt der große ge¬ schichtliche Irrtum, der bei konsequenter Betrachtung der Verhältnisse mit marxistischer Denkweise nicht möglich gewesen wäre. Was die Bolschewiken beabsichtigten, war ein Überspringen des Kapitalismus, eine unmittelbare Überrührung der soeben gestürzten feudalen Ordnung in die sozialistische, also ein Versuch, sich den Kapi¬ talismus zu ersparen. Das aber ist leider unmöglich. Der Versuch mußte denn auch fehlschlagen. Denn was nach der Beseitigung der feudalen Wirtschaft übrig¬ blieb, war eine kleinbürgerliche und kleinbäuer¬ liche Ordnung mit ihren äußerst primitiven Güter- erzeugungsmethoden, mit ihrem auf tiefster Stufe stehenden Wirtschaftsapparat, eine Ordnung, der somit alle Voraussetzungen für eine sozialistische Wirtschaft fehlten, die nur auf der Grundlage eines Produktionsapparates auf höchster Stufen¬ leiter aufgebaut sein kann. Die historische Funktion des Kapitalismus ist es, diesen hochqualifizierten intensiven Produktionsapparat zu entwickeln. Den Kapitalismus ausschalten, heißt somit, sich der unentbehrlichen wirtschaftlichen Basis des Sozia¬ lismus berauben. Daher blieben alle kriegskommunistischen Ma߬ nahmen der Bolschewiki fruchtlos, die Zentralbewirt¬ schaftung, die Nationalisierung des Handels und dgr Industrie, die Schaffung von Zwangsarbeitsarmeen, die Reglementierung der Bauernwirtschaft mit ihren Kontributionen, Naturalsteuern und Requisitionen. Der landwirtschaftliche Anbau ging so stark zurück, daß eine zweijährige Hungersnot ausbrach, die industrielle Produktion versagte vollständig. Und dieses Ver¬ sagen führte zur Ermutigung der Konterrevolution, die dann allerdings — ein Hauptverdienst Trotzkis — durch die großartige geschichtliche Tat der Organisa- tion der Roten Armee niedergeworfen wurde. Der Fehlschlag führte zu einer Umstellung der bolschewikischen Führer. Und für die Größe Lenins sprach nichts so sehr, als dieses Erkennen des Irr¬ tums und die mutige Entschlossenheit, den Irrtum ein- zubekennen und sich sozusagen um 180 Grad zu drehen. Es begann die „Nep", die neue ökonomische Politik. Die Zwangsbewirtschaftung der Bauerngüter wurde aufgegeben, der Bauer wurde wirklich frei; die Privatwirtschaft in Handel, Gewerbe und mittleren Industriebetrieben wurde wieder eingeführt, nur Gro߬ betriebe und Außenhandel blieben staatliches Monopol. Mit anderen Worten, der Privatkapitalismus wurde wieder eingeführt, die notwendige historisch-ökono¬ mische Zwischenstufe wieder eingeschaltet, die Auf-