255 ARBEIT UND WIRTSCHAFT 256 Iin Gegensatz zu den Machwerken, die vor einiger Zeit als neue Bücher Leo Trotzkys ausgegeben worden sind, ist die nunmehr vom Verlag E. Laub herausgebrachte Publikation „Die internationale Revolution und die kom¬ munistische Internationale" (Berlin 1929, 208 Seiten) e i n wirkliches Werk Trotzkys und ein hochinter¬ essantes dazu. Trotzkys wuchtige, erbarmungslose An¬ klage gegen Stalin hat geschichtlich unrecht, aber mora¬ lisch recht. So unheilbar verstrickt in utopischer Revo¬ lutionsromantik das Denken Trotzkys sein mag, an Charakter und kraftvoller Persönlichkeit überragt er turmhoch das ganze armselige Epigonentum, das jetzt inner- und außerhalb Rußlands kommunistische Aben¬ teurerpolitik macht. * ** In der Sammlung „Redner der Revolution" (Neuer Deut¬ scher Verlag, Berlin) erschien als Band 13: „W. 1. Lenin" (ausgewählt und herausgegeben von L. F. Boroß. 128 Sei¬ ten). Es war schwer, aus der übermächtigen Fülle der rednerischen Leistungen Lenins das Richtigste und Zweck¬ mäßigste herauszuheben und untereinander in Einklang zu bringen. Boroß hat sich jedenfalls sehr bemüht, und es bleibt dem Geschmack des Lesers überlassen, zu ent¬ scheiden, mit welchem Erfolg. * ** Theodore Dreiser, von dem man bisher nur große Romane gekannt hat. ist jetzt auch unter die Rußland- Forscher gegangen. Sein neues Buch „Sowjetrußland" (Verlag Paul Zsolnay, Wien 1929, 414 Seiten) kommt zu nicht unfreundlichen Aspekten über die Aussichten des .grandiosen Revolutionsexperiments, das sich da auf der gewaltigen russischen Erde begeben hat. Die breit aus¬ ladende Epik Dreisers hat hier einen Gegenstand gefunden, der ihrer und dessen sie würdig ist. * ** Einer der begabtesten Dichter der jungen Generation, F. C. Weiskopf, der kürzlich auch in Wien eine Vor¬ lesung gehalten hat, legt wieder eine kleine Novelien- sarnmlung auf den Büchertisch: „Wer die Wahl hat, hat die Qual" (Malik-Verlag, Berlin 1928, 200 Reiten). Weis¬ kopf schildert die Schicksale böhmischer Ziegelei- und Holzarbeiter, Zuckersieder, Versicherungsagenten, Engel¬ macherinnen, Lumpenhändler, Dienstmädchen, Aasbuddler, Taschendiebe, Geheimpolizisten, kleiner Gauner und ge¬ waltiger Ehrenmänner: er gibt einen Querschnitt durch lebendiges Volksleben. * ** Durch das jüngst erfolgte Urteil der italienischen Unter¬ suchungskommission gegen Nobile ist die Polartragödie des vergangenen Jahres wieder in den Vordergrund des Interesses getreten. Die Geschichte dieser Unglücksfahrt schildert Otto K a t z' „Neun Männer im Eis" (Neuer Deut¬ scher Verlag, Berlin 1929, 204 Seiten). Das mit sechzig Photographien ausgestattete, journalistisch gut aufgemachte Buch stützt sich fast durchweg auf authentische Doku¬ mente und ist neben Professor Behouneks Buch, das der Verlag F. A. Brockhaus kaum einen Monat nach seinem Erscheinen in zweiter Auflage herauszubringen im Begriff ist, wohl die aufschlußreichste unter allen Publikationen, die bisher über die Nobile-Expedition erfolgt sind. * ** Dem zehnten Geburtstag unserer Republik gewidmet ist das von Erwin R i e g e r herausgegebene Buch „Ewiges Österreich" (Verlag Manz, Wien 1928, 240 Seiten). Die Einstellung des Buches ist national, aber nicht in dem ordinären Sinn, der der Stumpfsinn der Wotawas und Hakenkreuzliöeks ist. Acht Autoren haben an dem Buch .gearbeitet: Gisela Berger, Felix Braun, Josef G r e- sor, Franz Ottmann, Hans P r a g e r. Erwin Riege r, R. Specht und Paul Stephan. Sie schildern die Land¬ schaft und die Musik, die Literatur und das Theater, die bildende Kunst und die Gesellschaft. Allerdings ist der Stil der Autoren manchmal zu „hoch", um nicht zu sagen zu snobbistisch, für das „gewöhnliche Volk". * ** „Spezialführer für Wanderer und Bergfreunde" betitelt sich eine Serie von Bänden, deren erster, das Wander¬ gebiet des Wienerwaldes zwischen Baden und Mödling umfassend, eben im Verlag der „Tagblatt-Bibliothek" er¬ schienen ist. Der Verfasser Ernst Dümel will mit der bisherigen Form der Wanderbücher und Touristenführer brechen. Er versucht ein System, das jedermann, befinde er sich wo immer, befähigen soll, sich sofort zu orien¬ tieren und seine Tour nach jeder gewünschten Richtung fortzusetzen, ohne erst viel im Buche herumsuchen zu müssen. Ob das System richtiger und besser ist als die früheren, muß natürlich erst die Praxis erweisen. * ** Ein Werk ersten Ranges ist das unter der Schrift¬ leitung des Schuldirektors Klemens Dorn im Deutschen Verlag für Jugend und Volk erschienene Heimatbuch von „Favorite n". Der zehnte Bezirk wird da in seinem Zusammenhang mit Wien und als Einzelgebiet von allen möglichen Seiten auf das liebevollste und eingehendste behandelt. Geschichtliches und Kunstgeschichtliches, Volks- und Sagenkundliches, Dialektbetrachtungen, Geographisches und Geologisches, Zoologisches und Botanisches wird in Fülle und Überfülle geboten, und zwar meistens mit größtem Eifer zur Einzelheit. Die Verfasser mancher Kapitel, so Franz H ö ß (Altes Recht und Gericht), Doktor Montessori und Lili Roubiczek (Montessori- Erziehung), Maria Lang (Kinderlied und Kinderspiel). Viktor Maier (So reden s' bei uns), Dr. Ferdinand Strauß (Von der Pflanzenwelt), Klemens Dorn (Flur¬ namen), Franz Strahammer (Statistische Daten), dürfen sich rühmen, weit über den Rahmen des Lokal¬ interesses und der Lokalforschung hinaus mancherlei brauchbares wissenschaftliches Material von Allgemein¬ bedeutung zusammengetragen zu haben. % ** Der Wiener Staatsrechtslehrer Leo Wittmayer be¬ handelt ein ob seiner „Krise" sehr aktuelles Thema: „Demokratie und Parlamentarismus" (Verlag F. Hirt, Breslau 1928, 128 Seiten). Wittmayer erörtert die Pro¬ bleme der öffentlichen Meinung, der Führerauslese, des Wachstums der Demokratie insbesondere durch die Emanzipation der Arbeiterklasse, der politischen Parteien, des Beamtentums und der Diktatur. Der zweite Teil des Buches ist der Darstellung der Mechanik des Parlamen¬ tarismus gewidmet. Die ganze Arbeit stellt zwar eine an¬ regende Studie dar, bringt aber auch nicht ganz den so wünschenswerten klaren Uberblick über die brennend¬ sten Probleme des modernen Staatslebens. * ** Nicht unoriginell ist Hellmuth W o 1 f f s „Einführung in die Zeitungskunde" (Verlag Otto Liebmann, Berlin 1928, 197 Seiten). Der Verfasser hat sich bemüht, alles zu¬ sammenzustellen, was zum Verständnis der Zeitungskunde gehört. Er gibt den Begriff der Zeitung und die Geschichte der Zeitung. Es folgt ein Abschnitt über die Zeitung als gewerbliches Unternehmen, über die Telegraphen-, Korre¬ spondenz- und Annoncenbüros. Ein weiterer Abschnitt be¬ faßt sich mit den Journalisten und der Richtung der Tagespresse, der öffentlichen Meinung und dem Recht der Presse. * *-X- Aus dem reichen Füllhorn der Reclam-Bibliothek seien heute herausgehoben: Theodor Valentiner: „Kant und seine Lehre", eine Einführung in die kritische Philosophie: Thomas Mann: „Zwei Festreden"; Wilhelm Heise: „August Strindberg". eine vorzügliche Analyse der Schöp¬ fungen des schwedischen Dichters; Conrad Ferdinand Meyer: „Die Hochzeit des Mönchs", „Placitus im Nonnen¬ kloster", „Das Leiden eines Knaben", Die Versuchung des Pescara"; Theodor Fontane: „Bilder aus England und Schottland". Die Romane Fontanes werden jetzt übrigens in den prächtigen Helios-Klassikern des Verlages Reclam, sechs Bände stark, mit einer Einleitung von Thomas Mann herausgebracht. * •** Ein später Nachfahre Lavaters und in der jetzigen Zeit verfeinerter psychophysischer und psychoanalytischer Methoden nicht gerade modern, ist Karl N o g h e, dessen Buch „In jedes Menschen Gesichte steht seine Geschichte" (Urania-Verlag, Berlin 1929. 209 Seiten) die Physiognomik wieder einmal aus einem Rätselraten zu einer Wissen¬ schaft erheben will. Das Buch ist ganz amüsant, aber mit der Wissenschaft wird es wohl doch nicht allzuweit her sein. Eigentümer, Verleger. Herausgeber: Anton H u e b e r. Sekretär. — Verantwortlicher Redakteur: Eduard S t r a a s. Redakteur, beide Wien I, Ebendorferstraße 7. — Druck: -Vorwärts". Wien V. Rechte Wienzeile 97.