431 ARBEIT UND WIRTSCHAFT 432 (0. W. R.) Kossier: „Die Nichteinhaltung dieses Planes im vollen Ausmaß würde entweder eine Verminderung der Kapitalreparaturarbeiten, oder eine noch größere An¬ spannung des Betriebskapitals, oder eine noch weiter¬ gehende Anspannung des Kreditsystems zur Folge haben. Das letztere ist mit einer Gefahr der Inflation ver¬ bunden Die Verringerung der Kapitalinvestitionen würde das Wachstum des Warenhungers fördern und die Ver¬ schärfung der sämtlichen Disproportionen, sowie eine Steigerung der Arbeitslosigkeit bedeuten." Die strengste Durchführung dieses Planes ist somit für die Entwicklung der russischen Volkswirtschaft von emi¬ nenter Bedeutung. Wie sollen aber die Produktionskosten herabgesetzt werden? Welche Faktoren kämen da als be¬ stimmende in Betracht? Nach dem ersten Entwurf des Obersten Wirtschaftsrates sollte die Industrie 7 92 Mil¬ lionen Rubel wie folgt ersparen: Summe in Ersparnis Ersparnis in Mill. Rubel in Prozenten Mill. Rubel Rohstoff, landw ? 800 2 56 Industr. Rohstoff 1 000 5 50 Brennmaterial und Strom . 600 10 60 Arbeitslohn 3 000 13 390 Soziale Ausgaben . . . . 800 15 120 Akzise, Steuern . . . . 500 — — Amortisation 800 2 16 Sonstige Ausgaben . . 500 20 100 Insgesamt . . ,. 10.000 7'92 792 Wie uns die Tabelle zeigt, entfallen von den zu er¬ sparenden 792 Millionen Rubel 510 Millionen auf Per¬ son a I a u sg a b e n, und zwar sollen davon 390 Millionen Rubel durch Lohnersparnisse, die restlichen 120 Millionen Rubel durch Verringerung der sozialen Ausgaben hereingebracht werden. Oder mit anderen Worten: der Plan der Herabsetzung der Produktions¬ kosten beruht zum größten Teil auf der Intensivierung der Arbeitskraft. Auch der Sowjetstaat will also seine Indu¬ strialisierungspolitik durch eine stärkere Ausnützung der Arbeitskraft verwirklichen. Nach den Angaben des Obersten Wirtschaftsrates ist die Arbeitsproduktivität im ersten Ouartal des laufenden Wirtschaftsjahres um 17 Prozent, wie es im Wirtschafts¬ plan vorgesehen war, nur um 12 Prozent gestiegen. Die Gestehungskosten wurden infolgedessen anstatt um 7 Pro¬ zent bloß um 2 Prozent herabgesetzt, und zwar hat die Produktionsmittelindustrie ihre Selbstkosten anstatt um 7'5 Prozent nur um 4'04 Prozent herabgesetzt, die Kon¬ sumindustrie anstatt um 6'9 Prozent bloß um 0'9 Prozent. In einer Reihe von Industriezweigen war sogar eine Stei¬ gerung der Produktionskosten zu verzeichnen, wie zum Beispiel in der Baumwollindustrie um 1 Prozent, in der Ztickerindustrie um 5 Prozent, in der Öl¬ industrie um 3 Prozent usw. („Bolschewik", Nr. 7). Wie wir sehen, hat die russische Industrie in den ersten drei Monaten des ersten Wirtschaftsjahres ihren Wirt¬ schaftsplan nicht eingehalten. Zu welchen Folgen dies führen kann, darüber hat, wie bereits oben angeführt wurde, Kossier richtig geurteilt. Welche sind nun die Ursachen dieser Entwicklung? Als eine der Hauptursachen führen die russischen Zeitungen die Senkung der Arbeitsdisziplin an. Die Diszi¬ plinlosigkeit äußert sich in folgenden zwei Formen: „1. Trunksucht, sehr oft auch während der Arbeits¬ zeit. 2. Nichterscheinen zur Arbeit aus unent¬ schuldbaren Gründen. 3. Rowdytum. 4. Zuspät¬ kommen. 5. Einschlafen bei der Arbeit. 6. Tät¬ liche Beleidigung des technischen Personals. 7. Künstliche Herabsetzung der Arbeitsproduk¬ tivität. 8. Nichterscheinen zur Arbeit an den reli¬ giösen Feiertagen. 9. Diebstahl und 10. allge¬ meine Verletzung der Arbeitsdiszipli n." M e 1 o t o w, der Sekretär des Zentralkomitees der kommunistischen Partei, führte auf der Moskauer Partei¬ konferenz einige interessante Beispiele der „Disziplinlosig¬ keit" an. „In der Dresdner Fabrik befindet sich das gesamte technische Personal unter der Drohung von Mißhand¬ lungen. Es gibt bestimmte Stellen, die man nicht be¬ treten kann, ohne Gefahr zu laufen, mißhandelt zu werden. Im Zusammenhang mit diesem Terror der Rowdys wurde die Arbeitsdisziplin besonders geschwächt. Es herrscht in der Produktion ein großes Durcheinander. Arbeiter kommen betrunken zur Arbeit und saufen nicht selten bei den Ma¬ schinen und Werkbänken weiter. Es entsteht eine Atmo¬ sphäre, in der sich die Rowdys auf der Straße und sogar in der Fabrik als Herren der Lage fühlen. Die Stimmung des technischen Personals ist daher gedrückt." So spricht nicht etwa ein sozialdemokratischer Menschewik — ein solcher würde über arbeitenden Menschen wahrscheinlich weniger hart urteilen —. sondern so spricht ein wasch¬ echter kommunistischer Oberbonze. Ein anderes Beispiel: In einem der Betriebe des be¬ rühmten Trusts „Jugestal" ist wegen des Einschlafens des Maschinisten des Wasserturms der g e s a m t e Betrieb stehengeblieben, wodurch ein Schaden von über einer halben Million Rubel entstanden ist. Nach den Berechnungen des Obersten Wirtschaftsrates wurden im Jahre 1927/28 18 Millionen Arbeits¬ tage aus unentschuldbaren Gründen versäumt, was einen Produktionsausfall von 225 Millionen Rubel bedeutet. Man kann zahlreiche Beispiele aus den russischen Zeitschriften anführen, welche zeigen, wie gewaltig die Produktionsverluste sind. So berichtet zum Beispiel die Zeitschrift „Die Wege der Industrialisierung", Nr. 3, 1929 unter anderem folgendes: „In der berühmten Textilfabrik „Trechgornaja Manufaktura" mußten in einem Jahr zehn Millionen Meter Gewebe wegen schlechter Bearbeitung als Ausschuß ausgestoßen werden, was zu einem Verlust von 66 1.0 00 Rubel führte. Wir erfahren ferner, daß wegen öfteren Nichterscheinens zur Arbeit die Leningrader Betriebe einen Arbeiterstand von zehntausend Ar¬ beitern in Reserve halten müssen. Die Zahl der un¬ entschuldbaren versäumten Arbeitstage ist gegenüber der Vorkriegszeit auf das Doppelte gestiegen. Im Jahre 1913 entfielen auf einen Arbeiter 4'6 Tage unentschuldbaren Fernbleibens, im Jahre 1927/28 7'96 Tage. Diese offizi¬ ellen Angaben, die die russischen Zeitungen und Zeit¬ schriften in letzter Zeit in Hülle und Fülle bringen, zeigen, mit welchen großen Schwierigkeiten die russische Industrie zu kämpfen hat. Forscht man nach den Ursachen der Senkung der Arbeitsdisziplin, so kann man sie in folgende fünf Haupt¬ gruppen zusammenfassen: 1. Steigerung des Alkohol¬ verbrauchs. 2. Soziale Änderung des Arbeiter¬ standes. 3. Betriebsstockungen. 4. Verschlechte¬ rung der Versorgung mit Lebensmitteln. 5. Schlechte Wohnungsverhältnisse. Ad 1. Als die Sowjetregierung im Jahre 1924 das Brannt¬ weinmonopol wieder einführte und den Verkauf des Schnapses, des berühmten „Wodka", legalisierte, rechtfertigte sie diese Maßnahme unter anderem damit, daß durch die Einstellung des Branntweinmonopols der Alkoholismus sich nicht verringert habe und die Arbeiter sich nun durch einen starken Konsum des Hausbranntweins, des soge¬ nannten „Samogonka", vergiften. Es wurde damals von Stalin in seiner Unterredung mit den ausländischen Ar¬ beiterdelegationen, darunter auch mit der österreichi¬ schen, folgender Hoffnung Ausdruck gegeben: „Ich glaube, daß es uns in der nächsten Zeit gelingen wird, das Branntweinmonopol ganz abzuschaffen, die Spirituserzeu¬ gung auf das zu technischen Zwecken notwendige Mindest¬ maß herabzusetzen und sodann den Branntweinverkauf vollkommen einzustellen." Wie diese Hoffnung sich verwirklichte, ist aus folgenden Angaben zu ersehen. Der Verbrauch an Alkohol in Moskau stieg im Jahre 1928 gegenüber 1924 auf das Achtfache. Setzt man den Verbrauch an Alkohol für das Jahr 1924 mit 100 Prozent, so ist er im Jahre 1925 auf 300 Prozent, im Jahre 1926 auf 440 Prozent, im Jahre 1927 auf 600 Pro¬ zent und im Jahre 1928 auf 800 Prozent gestiegen. (Revo- luzija i Kultura Nr. 2, 1929). Der Anteil der Ausgaben einer Arbeiterfamilie für Alkohol ist in der gesamten Sowjet¬ union von 1922 bis 1927 auf das Neunfache gestiegen. Die durchschnittlichen Ausgaben für Alkohol einer Arbeiter¬ familie in Moskau betrugen im Jahre 1928 13*7 Prozent oder ein Achtel des gesamten Jahreseinkommens. Ad 2. In der letzten Zeit sind große Verschiebungen in der sozialen Zusammensetzung des russischen Proletariats zu verzeichnen. Wenn auch vor dem Krieg der russische Arbeiter meistens vom flachen Land kam und seine Ver¬ bindung mit dem Dorf nicht aufgab, so wurde er doch in den revolutionären Kampf gegen den Zarismus hineinge¬ zogen und dadurch zu einem klassenbewußten Proletarier erzogen. Von diesem alten Kader der russischen Arbeiter sind wenig übriggeblieben: viele sind im Weltkrieg, viele im Bürgerkrieg gefallen. Neue Schichten der Arbeiter¬ schaft füllen jetzt die russischen Betriebe.