459 ARBEIT UND WIRTSCHAFT 460 Genau so wie der Mann in der Regel nur dann einer Nebenbeschäftigung nachgeht, wenn ihn seine Verhältnisse dazu zwingen, ist es mit der verheirateten Frau. Ks wäre hier noch zu unterscheiden, was die Betreffende als Neben¬ beschäftigung auffaßt, den Maushalt oder den erlernten Beruf. Je größer die Not der Arbeitslosen ist, desto öfter wird der Ruf „Weg mit den Doppelverdienern" laut, desto öfter hört man, die verheiratete Frau solle aus dem Erwerb gehen. Nur zu oft sind solche Forderungen in die Tat umgesetzt worden, und nicht immer zeigte sich der Erfolg. Mancher Mensch, gleichgültig ob Mann oder Frau, ist auf diese Art um den Verdienst gebracht worden, ohne daß für den Arbeitslosen eine Stelle frei wurde. Besonders trifft es bei den Frauen zu. Man müßte nur genaues, stati¬ stisches Material darüber haben, wie groß die Zahl der abgebauten Frauen zur Zahl der Neueingestellten in den einzelnen Berufszweigen ist. Wäre eben genug Arbeit für alle Menschen da, würde auch die Frage der Berufsarbeit ?der verheirateten Frau eine geringere Rolle spielen. Man sucht nach „Maßnahmen" und beginnt natürlich den Kampf mit den wirtschaftlich, organisatorisch und politisch schwächeren Frauen. In einem Staate, wo alle Bürger gleich sind, muß doch auch der Frau volle E n t- w i c k 1 u n g s tn ö g 1 i c h k e i t gegeben sein, unbekümmert ob sie verheiratet ist oder nicht. Von dem Gesichtspunkt der vollen Gleich¬ berechtigung in der Berufstätigkeit aus drängt sich nun eine zweite ungleich wichtigere Frage auf. Die berufliche Ausbildung der Frau ist vielfach davon abhängig, ob das Mädchen die Möglichkeit des „Heiratens" hat oder nicht. Viele Eltern begehen an ihren Mädchen schwere Unterlassungssünden, weil sie für die berufliche Ausbildung ihrer Töchter viel z u wenig Sorgfalt verwenden. Der überwiegende Teil der Frauen, die berufstätig sind, sind Arbeiterinnen und von diesen die Mehrzahl angelernte Hilfsarbeit e- rinnen. So zeigt die Berufsstatistik aus dem Jahre 1923 ungefähr folgendes Bild: Von 100 Unselbständigen männ¬ lichen Geschlechts waren: 56 Arbeiter, 28 Beamte, 9 Lehr¬ linge. 6 Werkführer. Von 100 Unselbständigen weiblichen Geschlechts waren: 70 Arbeiterinnen, 19 Beamtinnen, 5 Lehr¬ mädchen, 2 Werkführerinnen. Hier sehen wir deutlich: der überwiegende Teil der weiblichen Berufstätigen sind Arbeiterinnen, Arbeiterinnen mit geringerer beruflicher Ausbildung, mit ungenügender Lernzeit. Verschwindend klein ist die Zahl derer, die es zu einer gehobenen Stellung bringen. Von 100 Werkführern und Beamten waren: 70 Männer, 30 Frauen. Von 100 Lehrlingen: 74 Männer, 26 Frauen. Viel seltener gelingt es den Frauen, ge¬ hobene Stellungen zu erlangen, als den Män¬ nern. Viel größer ist die Zahl der männlichen Lehrlinge im Verhältnis zur Zahl der Lehrmädchen, und ist ein Beweis mehr dafür, wie notwendig die berufliche Ausbildung der Mädchen ist, und andererseits, wie schwer es später wird, den einmal erlernten Beruf einfach deswegen, weil man heiratet, aufzugeben. Vergleichen wir noch die männlichen mit den weib¬ lichen Selbständigen: Seit 1910 ist die Zahl der männlichen Selbständigen um 9"8 Prozent gewachsen, während die Zahl der weiblichen Selbständigen um 3 3'6 Pro¬ zent gefallen ist. Die Männer verdrängen die Frauen in allen Berufsklassen, ohne Unterschied, wo es sich um selbständige Stellungen handelt, während die Frauen nur in den unselbständigen Stellungen die Männer teilweise verdrängen. Die wirtschaftliche Entwicklung bedingt ein Anwachsen der Frauenarbeit. Die Frauenarbeit kann heute nicht mehr aus der Wirtschaft herausgerissen werden. Das Fortkom¬ men im Leben ist aber nur dann möglich, wenn man gute Schulen und genügende berufliche Ausbildung hat. Das gilt sowohl für den Burschen als auch für das Mädchen. Je größer die Sorgfalt ist, die für das Mädchen, für ihre berufliche Ausbildung aufgewendet wird, um so un¬ möglicher erscheint es, den einmal erlernten Beruf aufzu¬ sehen. Dazu kommt noch, daß sich die Kosten, die für die berufliche Ausbildung von den Eltern ausgegeben wurden, niemals amortisieren würden und alle Mühe und Zeit nutz¬ los verschwendet wäre. Die Berufsarbeit der verheirateten Frau zu verbieten Tiedeutet also nichts anderes, als jedes weibliche Wesen dazu verurteilen, entweder in ewiger Abhängigkeit von ihren Angehörigen oder ihrem Manne zu leben, um damit die Kosten für die Ausbildung in einem Beruf zu sparen. Oder einen Beruf ergreifen mit dem Bewußtsein, daß man ja nur so lange im Beruf bleibt, bis mau verheiratet ist. Dies trägt aber kaum dazu bei, die Arbeitsfreudigkeit zu steigern. Be¬ rufstätig sein wäre ja dann gleichbedeutend mit einem zölibatären Leben. Unser Bestreben muß darauf gerichtet sein, den Frauen nicht nur die volle Gleichberechtigung im Be¬ ruf zu sichern, sondern wir müssen auch danach trachten, für die Frauen die gleiche berufliche Ausbildung zu erreichen. Anna Zanaschka Die Metallarbeiterinnen an der Spitze ihrer Organi¬ sation. Die Wiener Bezirksleitung des Metallarbeiterver- baudes bringt in ihrem Bericht für das Jahr 1928 Tat¬ sachenmaterial, das alle Gewerkschafterinnen mit Stolz erfüllen kann. Die Frauenarbeit hat in diesem Jahre in der Wiener Metallindustrie große Fortschritte gemacht. Von 100 Be¬ schäftigten der Wiener Metallindustrie waren 1927 177 Frauen, 1928 aber schon 19'49, also rund ein Fünftel Frauen. 10.160 waren es im Vorjahr, 11.540 im letzten Jahre. Am größten ist die Steigerung in der Schwach¬ stromindustrie, die heute schon mehr Frauen als Männer beschäftigt, 2303 im ganzen. In der MetallWarenerzeugung halten sich Männer und Frauen das Gleichgewicht, in der Glühlampenindustrie sind fast viermal soviel Frauen als Männer. Aber auch in der Kabelindustrie und in der Stark¬ stromindustrie finden wir viel Frauenarbeit. War früher der Bereich der Frau der Kleinbetrieb, so wurzelt sie heute noch stärker als der Mann im Gro߬ betrieb. In den Kleinbetrieben sind kaum ein Zwölftel, in den Großbetrieben fast ein Viertel der Beschäftigten Frauen. 9294, das sind fast 80 Prozent der Metall¬ arbeiterinnen, sind in Betrieben mit mehr als 100 Arbei¬ tern beschäftigt. Die Maschine, die Zerlegung des Arbeits¬ prozesses fördert die Einstellung von Frauen. In den klei¬ neren, den genossenschaftlichen Betrieben finden wir sie vorwiegend bei den Gürtlern und Bronzearbeitern, den Juwelieren, Gold- und Silberschmieden. Die Ursachen der Zunahme der Frauenarbeit? Der Bericht beantwortet diese Frage am deutlichsten. 73 Gro¬ schen ist der durchschnittliche Stundenverdienst der Wiener Metallarbeiterin im Akkord, 59 Groschen im Lohn. Nur zu oft verrichtet sie Leistungen, für die sie die Hälfte des Männerlohnes bekommt. Die Gewerk¬ schaft bemüht sich freilich, diese Spanne zu verkleinern. Für 10.494 Frauen wurden im letzten Jahr Zulagen erkämpft. Wurden erkämpft? Die Metallarbeiterinnen erkämpfen sich zum großen Teil selbst ihre besseren Lebensbedin¬ gungen. Die Arbeit im Großbetrieb, die Arbeitsanspannung, die Umwälzung des Arbeitsprozesses — sie revolutionieren auch die Arbeiterin und weisen ihr den Weg zur Organi¬ sation. Von 100 Wiener Metallarbeitern sind 88'9, v o n 100 Metallarbeiterinnen aber 9 1"5 organi¬ siert — ein Beispiel dafür, wie unrecht man tut, über die Indifferenz, die schlechte Organisationsfähigkeit der Frauen zu jammern. „Organisatorisch marschieren die Frauen an der Spitze", sagt der Bericht, und von dem heroischen Gruhner-Streik, bei dem 80 Prozent der Streikenden Frauen waren, heißt es: „Ein Streik der Frauen, aber männlich geführt." Freilich: in der Gewerkschaft sind die Frauen schon, bei der Übernahme von Funktionen fehlt es noch oft an Frauen. Von den Wiener Metallarbeitern sind ein Fünftel, von den Betriebsräten nur ein Dreizehntel Frauen. Immerhin zählt die Wiener Metallindustrie 265 B e- triebsrätinnen, darunter 97 aktive. In regelmäßiger Schulungsarbeit faßt sie der Verband zu allmonatlichen Betriebsrätinnenkonferenzen zusammen. Die Frauenbeilage im „Metallarbeiter" soll ihnen die Möglichkeit der Aus¬ sprache geben. Wer hätte noch vor wenigen Jahren geglaubt, daß die Frauen in der Metallindustrie und in der Metallarbeiter¬ organisation eine solche Rolle spielen würden? Der Kapi¬ talismus, der die Frau zu immer neuen Arbeitsverrich¬ tungen stellt, weist ihr auch den Weg zum Zusammen¬ schluß und damit zu ihrer Befreiung. Die Frauenarbeit auf dem Buchbinderverbandstag. Am 12. und 13. Mai hielt der Verband der Buchbinder seine Reichsgeneralversammlung ab. Auf der Tagesordnung stand unter anderem als Hauptreferat „Die Frauen¬ arbeit und die Gewerkschaften!"