463 ARBEIT UND dritt, ja bis vor wenigen Monaten bis zu sechs miteinander. Für die geistlichen Pflegerinnen gibt es auch jetzt noch Schlafsäle. Kein Wunder, daß manche Pflegerin zu Schlaf¬ mitteln greift. (Auch die Rauschgiftsucht, die als Berufs¬ krankheit des Pflegepersonals nicht sehr selten ist, und die relativ hohe Selbstmordziffer des Pflegepersonals hängen mit dem Nachtdienst und der Wohnungsmisere eng zu¬ sammen.) Die Kompensation für den Nachtdienst besteht vorläufig nur darin, daß nach zehn Dienstjahren ein sechswöchiger Urlaub gegeben wird. Dieser sechswöchige Urlaub wird von Stellen, von denen man mehr Verständnis für seine Notwendigkeit verlangen könnte, angefeindet und bekämpft. Eine Kompensation, die sich im Gehalt auswirkt, müßte mit Vorsicht aufgenommen werden, da dies ein Ansporn zur Mehrleistung von Nachtdienst sein könnte. Hingegen ist als Entschädigung für den Nachtdienst die Verkürzung der Gesamtdienstzeit unbedingt notwendig. Eine auf¬ fallend geringe Anzahl von Pflegerinnen geht mit vollen Dienstjahren in Pension, trotz der strengen Auswahl, der dieser Beruf unterliegt. Sophie Brandt Schwangerenfürsorge und Doppelleistung der Frau. Eine Fürsorgetagung der österreichischen Gesellschaft für Bevölkerungspolitik und Fürsorge hat diese für die arbei¬ tenden Frauen so wichtigen Fragen auf ihre Tages¬ ordnung genommen. Die Referate waren wohl etwas matt, um so anregender die Diskussion. Ärzte, Universitätspro¬ fessoren und Fürsorgerinnen bemühten sich, die gesund¬ heitlichen und sozialen Aufgaben der Schwangerenfürsorge zu beleuchten. Der Frau Bundesrätin Pichl freilich, die in klagendem Ton über den verderblichen Geburtenrück¬ gang und den Verlust der „seelischen Werte der Mutter¬ schaft" sprach, mußte erst von unseren Genossen Fried- jung und Leichter vorgehalten werden, daß erst die wirtschaftlichen und sozialgesetzgeberischen Voraus¬ setzungen geschaffen werden müßten, um den arbeitenden Müttern diese seelischen Werte zu vermitteln. Uber die Doppelleistung der Frau in Familie und Erwerb brachte Frau Z a g 1 i t s viel richtiges Material, aber zu einer klaren Schlußforderung kam es nicht. Wohl aber fanden sich Stimmen — ein Universitätsprofessor und eine Für¬ sorgerin waren darunter —• die bereit waren, die weibliche Berufstätigkeit, die „auf Kosten des Fortpflanzungswillens" geht, in Grund und Boden zu verdonnern. Es war erfreu¬ lich, daß unsere Genossinnen diesen Auffassungen scharf entgegentraten. Käthe Leichter betonte, daß die Frauen¬ arbeit nicht ein Problem der Fürsorge, sondern der gewerk¬ schaftlichen Macht sei, Mathilde Eisler zeigte, daß die Berufsarbeit der Frau eine notwendige Entwicklung ist. Olly Schwarz, Olga Osenacek und Marie Köstler berichteten aus ihrer Praxis in Berufsberatung und Für¬ sorge, wie oft berufstätige Frauen trotz aller Schwierig¬ keiten Beruf und Mutterschaft zu vereinigen wissen. Wil¬ helmine M o i k verlangte statt der schönen Worte Taten für die Mütter. Die regeAnteilnahmederGewerk- schafterinnen hat zweifellos das Niveau der Tagung wesentlich gehoben. LEHRMÄDCHENWESEN UND BERUFS¬ BERATUNG Eine Diskussion über Frauenberufe und Berufsberatung. Die Funktionärinnenkonferenz der gewerkschaft¬ lichen Frauensektion hat sich zwei Abende mit dieser wichtigen Frage beschäftigt. Eingeleitet wurde die Diskussion durch zwei Referate: die Leiterin der weib¬ lichen Abteilung des Berufsberatungsamtes Olly Schwarz sprach über weibliche Berufsberatung. Sie verwies ganz besonders darauf, daß in Deutschland Frauen Leiterinnen der weiblichen Abteilungen für Berufsberatung und Arbeitsvermittlung sind und daß es eine programmatische Notwendigkeit sei, die Berufsberatung und Arbeitsvermittlung der Frauen durch Frauen auch an leitender Stelle vornehmen zu lassen. Schwester Erika V i e 1 h a b e r berichtete über den Krankenpflegerinnenberuf als einen Beruf, der nicht überfüllt sei und proletarischen Nachwuchs brauche. Hier ist ein Beruf, der wohl anstrengend ist, viel Vorbildung und Opfermut erfordert, aber dafür auch imstande ist, innere Befriedigung zu gewähren und dank der gewerk¬ schaftlichen Tätigkeit auch schon günstigere Berufs¬ bedingungen hat: geregelte Arbeitszeit, Freizeit und Urlaub. Es wäre wünschenswert, daß mehr Proletariermädchen um WIRTSCHAFT 464 die Aufnahme in die Krankenpflegerinnenschulen ansuchen. Nach einer Reihe von speziellen Anfragen über den Pflegerinnenberuf wurde die Diskussion über das Referat Schwarz abgehalten. Genossin Krasa (Buchbinder) wünscht, daß das Berufsberatungsamt mehr Kontakt mit den Gewerkschaften und der Arbeitsvermitt¬ lung habe. Die Uberfüllung im Buchbinderberuf sei beson¬ ders groß. Zwei Drittel der Freiwerdenden wandern ab. Darum sei den Frauen nur mit Vorsicht zu dem Beruf zu raten. E11 n e r (Psychotechnisches Institut) verweist auf das gute Zusammenarbeiten von Arbeitsämtern, Berufs¬ beratung und Gewerkschaften in Deutschland. Mangelnde Berufsberatung führt zu der~heutigen planlosen Berufs¬ verteilung. Z u 11 (Landarbeiter) meint, daß auch auf dem Lande die Berufsberatung wichtig ist und zeigt, wie stark überall die Tendenz vorherrscht, die Frauen aus dem Berufsleben zu verdrängen. Leichter (Arbeiterkanimer) spricht von den Schwierigkeiten der Berufsberatung in der Wirtschaftskrise. Wenn sich jeder Beruf gegen den Zuzug von Lehrmädchen sperrt, vermehren wir die ungelernte Hilfsarbeit, die wegen des häufigen Berufswechsels auch die gewerkschaftliche Erfassung der Frauen erschwert. D i p a u 1 i (Schuharbeiter) spricht von der Ungerechtigkeit, die darin liegt, daß ausgelernte Stepperinnen das Gewerbe nicht selbständig ausüben dürfen. Die Arbeitslosigkeit der Frauen in der Schuhindustrie ist heute sehr groß, die Zahl der Apgelernten steigt. Leider bringen oft die Frauen selbst nicht den Mut auf, höhere Löhne zu verlangen. Rauscher (Buchbinder) meint, daß zum Beispiel in der Stickerei auch Lehrmädchenmangel herrsche. Schitten- h e 1 m (Textilarbeiter) antwortet, daß auch die Stickerei heute überfüllt ist, daß wir aber ganz allgemein trachten müssen, den Mädchen die Möglichkeit gelernter Berufe zu sichern. Behringer (Hutarbeiter) zeigt auch die bedenkliche Zunahme der Hilfsarbeiterinnen. Um 19 S Wochenlohn wird Arbeit angenommen. Scherl (Schneiderinnen) erzählt, daß oft ausgelernte Arbeiterinnen als Hilfsarbeiterinnen gehen müssen. Die Einschränkung der Lehrlingszahl fördert die viel gefährlicheren Schulen. Das Fehlen von Frauen macht sich in den Ver¬ waltungskommissionen der Arbeitsämter sehr fühlbar. Rief ler (Textilarbeiter) wünscht mehr Kontakt der Berufsberatung mit Gewerkschaften und Genossenschaften. Olly Schwarz verweist in ihrem Schlußwort auf die eifrigen Bestrebungen der Berufs¬ beratung, mit Gewerkschaften, Genossenschaften und Arbeitsvermittlung zusammenzuarbeiten, auf die Möglich¬ keiten, den Frauen neue Berufe zu erschließen und zu einer planvollen, richtigen Berufsauslese zu gelangen. Die Vorsitzende Bosch ek faßt die aufgezeigten Schwierigkeiten und Möglichkeiten zusammen und ver¬ spricht, daß sich die Frauensektion um die Fragen weib¬ licher Berufsberatung kümmern werde. Die Aussprache war nützlich und reich an Anregungen. BÜCHER- UND ZEITSCHRIFTENSCHAU Menschenökonomie und Rationalisierungspolitik. Jede in der Gewerkschaftsbewegung tätige Frau wird viel interessantes Material über die Auswirkungen der Ratio¬ nalisierung auf Arbeiter und Angestellte überhaupt, auf die Frauen im besonderen in der vom Bund der Industrie¬ angestellten herausgegebenen, von Hans Mars und einer Reihe von Mitarbeitern, unter denen auch die Genossin Dr. Ausländer ist, verfaßten Schrift „Grundlagen und Richtlinien gewerkschaftlicher Rationalisierungspolitik" finden. Die Forderungen, die zur Abwehr von Schädigun¬ gen der Reproduktion menschlichen Lebens für die Frauen erhoben werden, seien hier wörtlich angeführt: „Die Frauen bedürfen besonderen Schutzes, denn sie können im allgemeinen eine noch stärkere Belastung, als ihnen schon auferlegt wurde, nicht mehr vertragen. Es darf ihnen keine Intensivierung zugemutet werden, nur weil sie arbeitsgeduldiger sind. Denn dadurch werden nicht nur die Frauen selbst, sondern auch der Nachwuchs gefährdet. Durch Änderung der Erziehungs- und Lebensgewohnheiten, durch bessere Berufsschulung und Abnahme oder Er¬ leichterung der Haus- und Erziehungsarbeit und der Nebenerwerbsarbeit muß den Frauen, die auf eigenen Erwerb angewiesen sind, ermöglicht werden, ihre Arbeits¬ qualitäten voll zu entwickeln und ihre Kräfte als Teil der organisierten Reserve der Gesellschaft zu schonen." Eigentümer, Verleger, Herausgeber: Anton H u e b e r, Sekretär. — Verantwortlicher Redakteur: Eduard S t r a a s, Redakteur, beide Wien 1. Ebendorferstraße 7. — Druck: «Vorwärts", Wien V. Rechte Wienzelle #7.