857 ARBEIT UND WIRTSCHAFT 852 kratie beabsichtigt hat. Diese Stelle scheint, nach den bisher in die Öffentlichkeit gedrungenen Andeutungen, nur die Auf¬ gabe zu haben, ausländisches Vieh von den österreichischen Märkten fernzuhalten und den Auftrieb aus dem Inland so zu regulieren, daß eine Überfüllung der Märkte unmöglich gemacht wird. Nun ist es zweifellos auch im Interesse des Konsumenten gelegen, stabile Preise zu haben, statt einem ewigen Aufundab der Preise gegenüberzustehen, von denen er das Auf viel mehr zu spüren bekommt als das Ab. Aber wenn eine solche Stelle wirklich zum Funktionieren gebracht werden sollte, so dürfte sie nicht nur mit der Regulierung der Zufuhren befaßt werden, sondern sie müßte vor allem selbst den Ein- und Verkauf in die Hand nehmen. Mit anderen Worten, sie müßte statt einer Uberwachungs- stelie zu einem wirklichen Monopol werden, das den Zwischenhandel völlig ausschaltet. Bemerkenswerterweise scheinen aber die Bauern nicht darauf eingehen zu wollen, den Handel auszuschalten, obwohl dessen Existenz sie min¬ destens ebenso schädigt wie den Konsumenten. Wahrschein¬ lich ist das auf den Standpunkt des Handelsministers zu¬ rückzuführen, der sich in der gleichen Debatte über die Vorschläge der Sozialdemokratie — ebenso wie übrigens auch der Bundeskanzler Dr. Bu resch — für die Aufrecht¬ erhaltung des freien Handels ausgesprochon hat. Merkwürdig ist nur, daß derselbe Handelsminister im Mai dieses Jahres, als es galt, die verfehlten Spekulationen der Kreditanstalts¬ direktoren aus dem Staatssäckel zu decken, von der Parole des freien Handels kein Sterbenswörtchen verlauten ließ. Aper es ist im übrigen ziemlich gleichgültig, wie sich die österreichischen Minister zur Frage der Handelsfreiheit stellen, denn die Entwicklung zwingt ihnen die immer weitergehende Einengung des freien Handels ganz von selbst auf. Eine gewisse Erleichterung wird die österreichische Devisenwirtschaft dadurch erfahren, daß es dem früheren Finanzminister J u c h in Paris geglückt ist, über die von der Bank für Internationale Zahlungen und von der Bank von England bewilligte Verlängerung der am 1.5. Oktober fälligen Kredite in der Höhe von 190 Millionen Schilling hin¬ aus einen Devisenkredit von 60 Millionen Schilling zu er¬ halten, der von französischer Seite auf dem Weg über die Bank für Internationale Zahlungen an die Nationalbank ge¬ leitet wird. Aus der ersten offiziellen Meldung über den Abschluß dieser Kredittransaktion, die allein bei Nieder¬ schrift dieser Zeilen vorliegt, ist nichts Näheres über die Dauer des Kredits zu entnehmen. Man muß jedoch nach der Art der Veröffentlichung vermuten, daß es sich wiederum nur um einen kurzfristigen, also auf einige Monate gewährten Kredit handelt. Immerhin bedeutet es eine wertvolle Auf¬ füllung des Devisenschatzes gerade im gegenwärtigen Augen¬ blick und die Nationalbank wird dadurch eher in die Mög¬ lichkeit versetzt, die notwendigen Einfuhren von Rohstoffen und Halbfabrikaten zu finanzieren. Für die Vorbereitung und Bearbeitung des Bundesvor¬ anschlages 1932 ist es von wesentlicher Bedeutung, daß der Ubergangszustand im Finanzministerium endlich beendet worden ist. Nach dem Rücktritt Dr. Redlichs hat zu¬ nächst der Bundeskanzler selbst das Finanzministerium übernommen. Dieser Zustand konnte nicht lange dauern und es war äußerst unerwünscht, daß kein voll verantwort¬ licher Vertreter des Finanzministeriums vorhanden war. Dr. J u c h war wochenlang in Paris und der Ministerial¬ direktor Dr. Q r i m m, der höchste Beamte des Ministeriums, ist gerade in diesen Tagen aus unbekannten Gründen zu¬ rückgetreten. Nunmehr haben sich die Regierungsparteien auf Dr. W e i d e n h o f f e r geeinigt, der Berichterstatter für das Budget geworden ist, nachdem der frühere Bericht¬ erstatter Dr. Heini Handelsminister geworden war. Weidenhoffer ist zweifellos ein sachkundiger Abgeordneter, dem man kaum Gehässigkeit gegen die Sozialdemokratie nachsagen kann, obwohl er sein Abgeordnetenmandat der Tatsache zu verdanken hat, daß er Sekretär des steirischen Industriellenverbandes ist. Seine erste Tat war die Einbringung des Voranschlages für das Jahr 1932. Es hält sich im Rahmen der in Genf getroffenen Abmachungen, da die Ausgaben 1999'7 Millionen, die Einnahmen 2002 Millionen Schilling ausmachen. In den Ausgaben sind 100 Millionen Schilling Rückzahlung kurz¬ fristiger Verpflichtungen enthalten, so daß die laufenden Aus¬ gaben 1900 Millionen Schilling betragen. Die Investitionen sind auf ein Minimum herabgedrückt worden, indem für die Post nur 6, für die Eisenbahnen .38 Millionen, zusammen also 44 Millionen gegenüber 136 Millionen im Vorjahr ver¬ anschlagt wurden. Weiter kommt im Budget die Kürzung des Aufwandes für Gehalte und Pensionen zum Ausdruck, während trotz der Einführung neuer Steuern die Einnahmen aus öffentlichen Abgaben niedriger vorgesehen sind. In der sozialen Verwaltung ist eine Erhöhung der Ausgaben um 61 Millionen Schilling eingesetzt, der jedoch eine Einnahmen¬ steigerung um 63 Millionen Schilling gegenübersteht, so daß eine Verminderung der Ausgaben für den Staat eintreten soll. Auch bei den Monopolen und Betrieben ist eine Er¬ sparnis aus der Gebührenkürzung veranschlagt, während eine Einnahmenerhöhung nur beim Tabakmonopol aus der Erhöhung der Verkaufspreise erwartet wird. Die Einzelheiten des Voranschlages sind aus der folgen¬ den Hauptübersicht zu ersehen: Ausgaben1) Einnahmen Gliederung des Bundesvoranschlages Millionen Schilling 1931 1932 1931 1932 Laufende Gebarung. A. Hoheitsverwaltung: Oberste Volkorgane .... 4'31 3'73 O'Ol O'Ol Gerichte öffentlichen Rechtes 0'8 071 0 01 O'Ol Rechnungshof 0'65 0"58 O'Ol 0 01 Staatsschuld 218*46 306'78 105'2 10457 Leistungen an Länder .... 27'04 26'2 Pensionen 22604 206'46 7"9 7 Bundeskanzleramt 9'44 6'93 1 0*94 Äußeres 7'74 6 0'36 0*34 Inneres 114 15 9576 3 84 3'23 Justiz 60"93 49'99 4'86 456 Bundesministerium für Unter¬ richt 1'63 1*39 0*03 0*02 Unterricht 71'48 55*43 5*6 4 13 Kunst 5*67 3*51 0*52 0*39 Kultus 18*97 15*70 0*45 0*42 Soziale Verwaltung .... 355*97 416*91 177*54 240*15 Finanzverwaltung 64*18 57*02 10*25 8*30 Öffentliche Abgaben .... 30*84 3*52 1018*31 863*67 Kassenverwaltung ..... 4*13 3*99 26*9 26*01 Land- und Forstwirtschaft . . 121*64 44*2 5*01 4*71 Bundesministerium für Handel und Verkehr 7*65 6*83 0*83 0*8 Handel, Gewerbe und Indu¬ strie 22*44 19*38 5*63 4*66 Bergwesen 1*13 0*93 0*34 0*29 Bauten 47*88 35*78 3*94 3*42 Verkehr (Hoheit) 6*27 6*02 0*04 0*03 Heereswesen 110*36 82*7 2*9 2*7 Staatsvertrag von Saint- Germain 4*24 2*40 0*18 0*05 Zuschuß an die Postsparkasse 5*5 3 Summe A . . . 1549*92 1461*85 1381*66 1280*42 B. Monopole: Tabak 160*12 132*52 336*35 352 Salz ; 18*07 15*2 33'1 29*7 Staatslotterien 42*27 40*52 56*8 58*16 Schieß- und Sprengmittel ? . 8*25 6*48 8*76 6*8 Summe B . . . 228*71 19472 465 446*66 C. Bundesbetriebe: Post- und Telegraphenanstalt 267*37 237 267*6 237'5 Österr. Bundesforste .... 24*61 19*81 22*33 12*37 Montanbetriebe 4*47 3*87 3*40 3*22 Kartographisches Institut . . 1*57 1*3 1*59 1*44 St3atsdruckerei 9*13 7*9 9*39 8 Hauptmünzamt 2*21 2*01 2*26 2*04 Bundestheater 13*21 11*39 8*71 7*04 „Wiener Zeitung" 2*01 1*93 2*36 2*23 Bundesapotheken . . . . . ? 1 1*04 1*04 1*0') Summe C . . . 325*6 286*25 319*3 274*93 D. Eisenbahnen: Bundesbahnen 7*71 40*39 Südbahn, Lasten aus dem Ab¬ kommen 9 87 9*65 Übrige Bahnen . 8*5 6*85 0*05 0*06 Summe D. . . 26*09 56*89 0*05 0*06 Gesamtsumme (A bis D) . . . 2130*32 1999*71 2166*01 2002*06 *) Einschließlich Investitionen (ohne jene der Post und Bundesbahnen). Artikel III des Bundesfinanzgesetzes 1932: „Für Investitionen der Post- und Telegraphenanstalt werden 6 Millionen Schilling und für Investitionen der Bundesbahnen 38 Millionen Schilling unter der Bedingung bewilligt, daß ihre Bedeckung aus Uberschüssen der laufenden Gebarung (aus Kassenbeständen) sichergestellt ist."