879 ARBEIT UND WIRTSCHAFT 880 Laufe des Jahres 1931 etwa anderthalb Millionen Frauen in den Wirtschaftsprozeß ein¬ bezogen werden sollen, das bedeutet beinahe eine Verdoppelung der Zahl der arbeitenden Frauen. Diese Erweiterung des Anteils der Frau am Wirtschafts¬ leben könnte sicherlich ein gewaltiger Faktor in bezug auf die tatsächliche Befreiung der Frau sein; da aber keinerlei Hoffnung besteht, daß diese Einbeziehung der Frau von einem entsprechenden Ausbau der Kinderheime, Krippen, Kindergärten und Speiseanstalten, in denen die Arbeiterin zu einem erschwinglichen Preis ihre Mahlzeiten einnehmen könnte, begleitet wird, steht es unzweifelhaft fest, daß die Frau noch sehr große Opfer auf dem Altar der Industriali¬ sierung und der „Generallinie" wird darbringen müssen. Die Sowjetgesetzgebung schützt die Frauen¬ arbeit sowohl in bezug auf das Verbot der Nachtarbeit als auch in bezug auf die Beschränkung der Arbeitszeit und das Verbot der Frauenarbeit in besonders gesundheits¬ schädlichen Industriezweigen. Aber schon seit 1925 sind immer häufiger „Durchbrechungen" auf diesem Gebiet zu verzeichnen, immer häufiger gibt es Kon¬ flikte zwischen den Arbeitsschutzbehörden und den so¬ genannten „Frauenabteilungen", die gegen die „Gleich¬ stellung" der Frau mit dem Manne in bezug auf Nacht¬ arbeit, Arbeit unter Tag usw. protestieren; die Funktionäre des Volkskommissariats für Arbeit finden sich immer häufiger mit den Anordnungen der Betriebsleitungen ab, die die Frau auf diese Weise dem Manne „gleichstellten", und sie begründen ihre Zurückhaltung mit der Befürchtung, daß ein besonderer Schutz der Frauenarbeit zu einer end¬ gültigen Hinausdrängung der Frau aus der Produktion führen könnte. Besonders stark waren diese Stimmungen in der Zeit der NEP, als es in der Sowjetunion eine starke Arbeitslosigkeit gab und jeder mit Zähnen und Klauen seine Arbeitsstelle verteidigen mußte. Anders ist es heute: Es gibt gegenwärtig keinen Mangel an Arbeits¬ gelegenheit in der Sowjetunion, es herrscht im Gegenteil eine große Arbeiterknappheit. Und nun zwingen „staatspolitische Erwägungen" erneut zu einem Kampf um die Einbeziehung der Frau in die Produktion, aber die gleichen Erwägungen veranlassen die Behörden, ihre Augen zu verschließen vor der erzwungenen Rekordarbeit der Frau, vor ihrer Teilnahme am „sozialistischen Wett¬ bewerb", die häufig eine endlose Verlängerung der Arbeitszeit zur Folge hat, vor der Beschäftigung der Frau unter Tag (im Donezbecken) und vor allen mög¬ lichen anderen Verletzungen der Arbeitsgesetzgebung. Eine Reihe von Erhebungen hat gezeigt, daß die Frauenarbeit in mancher Beziehung rentabler ist als die Männerarbeit: Die Frauen haben größere Ausdauer bei der Arbeit, finden sich leichter mit allen Un¬ bequemlichkeiten der Arbeitsbedingungen ab und sind von der „Fluktuation der Arbeitskräfte", das heißt von dem Hinüberwechseln aus einem Betrieb in den anderen, was gegenwärtig ein sehr akutes Problem ist, weniger an¬ gesteckt. Die Fluktuation stellt sich zum Beispiel in den Roten Putilowwerken bei den Männern auf 50 Prozent, bei den Frauen aber nur auf 7'2 Prozent! In den Kolotnna- werken, wo Tausende von Arbeitern beschäftigt sind, be¬ trägt die Fluktuation bei den Männern 55'3 Prozent, bei den Frauen nur 27 Prozent usw. Auch in bezug auf Arbeitsdisziplin erscheint die Frau den Betriebsleitungen als zuverlässiger: Verletzungen der Arbeitsdisziplin sind bei nur 22'5 Prozent der beschäftigten Frauen festzustellen, während sich der entsprechende Prozentsatz bei den Männern auf 62'3 Prozent stellt! Das gleiche ist auch in bezug auf das Nichterscheinen zur Arbeit usw. festzustellen. Das alles führt dazu, daß die Frau ein gern ge¬ sehener Arbeiter ist. Nichtsdestoweniger bleibt die Entlohnung der Frauenarbeit hinter der der Männer¬ arbeit zurück. Im Durchschnitt „bleibt der Verdienst der Frauen hinter dem Verdienst der Männer im gleichen Berufe um nicht weniger als 11 bis 13 Prozent zurück. Freilich gilt dies am meisten für die Textilindustrie. Aber dieser Industriezweig zeigt nicht nur den höchsten Prozent¬ satz der Teilnahme der Frauen, sondern absorbiert auch 53'2 Prozent aller in der großen und mittleren Industrie der Sowjetunion beschäftigten Arbeiterinnen." (W. Borodin, „Die Frauenarbeit in der Textilindustrie", in „Statistitsche- skoje Obosrenije", 1929.) Noch größer ist die Differenz in der Ent¬ lohnung der männlichen und weiblichen Angestell- t e n. Der Prozentsatz der weiblichen Angestellten ist sehr hoch, die Gesamtzahl der weiblichen Angestellten betrug 1928 156.645 beziehungsweise 14'4 Prozent der Gesamtzahl der Angestellten. Seitdem ist der Anteil der Frau an den Angestelltenberufen weiter gestiegen. Die Differenz im Arbeitsverdienst entspringt auch der verschiedenen Gestaltung der Tarife, obgleich hier die Unterschiede nicht sehr groß sind, in der Hauptsache aber der Tatsache, daß die Frauen vorwiegend bei schlechtbezahlten Arbeiten be¬ schäftigt werden: so beträgt der Anteil der Frauen unter dem Büro- und Aufwartepersonal 90 Prozent. Allgemein läßt sich sagen, daß, je bedeutender nach Funktion und Umfang die Tätigkeit, um so größer der Prozentsatz der beschäftigten Männer ist. Darüber hinaus ist aber die Be¬ zahlung der gleichen Arbeitsverrichtungen nicht immer dieselbe. In den einzelnen Berufen stellen sich die Monats¬ gehälter wie folgt: Männer Frauen R u b e 1 Buchhalter .... 103'2 66 6 Kontoristen .... 69 61'6 Kassierer 80 4 50 2 Kanzleiangestellte 48 414 Büroboten .... 31 28 Das gleiche ist auch in der Industrie der Fall. Die voll- kommenere Technik und die größere Mechanisierung der Arbeit müßten eigentlich eine weitergehende Verwendung der Frauenarbeit ermöglichen, „aber bis jetzt liegen die Dinge so, daß die Frauenarbeit mehr in den weniger qualifizierten Berufen verwendet wird, — die Frauen arbeiten als Ungelernte und Hilfsarbeite¬ rin n e n, in Berufen also, die eine größere körperliche Anstrengung erfordern als die qualifizierten Berufe und für den weiblichen Organismus infolgedessen schädlicher sind". (Marschewa, „Die Frauenarbeit 1931", in „Woprosy Truda", Nr. 1.) Lydia Dan WEIBLICHE BERUFSBERATUNG UND LEHRMÄDCHENFRAGEN Die Inanspruchnahme des Lehrlingsschutzes durch die Lehrmädchen. Wirtschaftskrise und Mangel an Lehrstellen, Abwanderung der weiblichen Jugendlichen von den ge¬ lernten Berufen zur Hilfsarbeit, aber auch geringer Glaube an Selbsthilfe bei den Mädchen haben im Jahre 1930 die Zahl der Lehrmädchen, die bei den Lehrlingsschutzstellen der Wiener Arbeiterkammer Rat und Schutz gesucht haben, sinken lassen. 558 Wiener und 82 niederösterreichi¬ sche Mädchen wären es im Vorjahr, 474 und 64 im Jahre 1930. Iii stärkerem Maß haben nur die Schneider- und Modistenlehrmädchen den Lehrlingsschutz in Anspruch ge¬ nommen, bei allen anderen Berufen sind Abnahmen zu ver¬ zeichnen — besonders stark bei den Wäschewaren¬ erzeugerinnen. Die Inanspruchnahme verteilt sich fol¬ gendermaßen: Wien Niederösterr. Kleidermacherinnen 195 33 Wäschewarenerzeugerinnen . . . .. 77 6 Praktikantinnen 63 10 Modistinnen 60 2 Friseurinnen 10 Wirkwarenerzeugerinnen 20 2 Chemischputzerinnen, Buchdrucke¬ rinnen, Miedererzeugerinnen, je . 3 — Kürschnerinnen, Färberinnen, je . 2 — Hutmacherinnen, Industrie¬ malerinnen, Photographinnen, je . 1 1 Bei den drei Buchdruckerinnen handelt es sich um aus¬ gelernte Hilfsarbeiterinnen. Bei den Beschwerden weib¬ licher Lehrlinge stehen ungesetzliche Arbeitszeit und Be¬ schäftigung zu nichtgewerblichen Arbeiten an der Spitze. Es wäre sehr zweckmäßig, wenn die Lehrlingsschutz¬ stellen in ihren Berichten durch Trennung des statistischen Ausweises nach Geschlechtern ein genaueres Bild der Schäden, denen Lehrmädchen ausgesetzt sind, ermöglichen würden. Eigentümer Verleger. Herausgeber- Anton H u e b e r, Sekretär. — Verantwortlicher Redakteur: Eduard S t r a a s. Redakteur, beide Wien I. Eben- üorterstrnfle 7 - Druck ..Vorwärts". Wien V. Rechte Wienzeile «7.