777 ARBEIT UND WIRTSCHAFT 172 DIE ERSTE „PJATILETKA" Von Franz Weinreb Gerade jetzt, wo bereits die Konturen des zweiten Fünfjahrplanes in den Diskussionen und Beschlüssen der XVII. Konferenz der K. P. S. U. (Kommunistische Partei der Sowjetunion) sich abzeichnen, ist es interessant und notwendig, festzustellen, inwieweit der erste Plan in seiner Durchführung die Erwartungen seiner Schöpfer erfüllt oder enttäuscht hat und ob und wodurch er Veränderungen unterworfen wurde. Dafür bieten die Knickerbocke r- sehen Bücher manches geeignete Material*). Der Verfasser hat im dritten, „entscheidenden" Jahr des Planes — nicht zum erstenmal — die Sowjetunion in fast allen wesentlichen Gebieten und dann die Hauptstädte Europas bereist. Er führt uns durch eine Reihe der eben entstandenen oder noch entstehenden Industriegiganten lind untersucht im zweiten Puch die Wechselwirkungen des Nebeneinanderbestehens der „beiden Systeme". Nie vergißt er dabei, daß er Amerikaner ist und daß ihn die Dinge sowohl in der UdSSR, als in Europa, vor allem in ihrer Pe- ziehung zu Amerika, interessieren. Dabei verfällt er manch¬ mal in eine naive Überschätzung der Hilfe, die die ameri¬ kanischen Ingenieure der Sowjetunion leisten und deren Tätigkeit ihn oft zu Begeisterung hinreißt: nicht ein Wort der Kritik oder des Bedauerns findet er dafür, daß sie doch dem „Klassenfeind" Aufbaudienste leisten. Wenn er aber (S. 41) schreibt): „Pei jedem Versuch, die Wahrscheinlich¬ keit eines Erfolges des Fiinf'ahrplanes zu beurteilen, ist es erforderlich, sowohl die Qualität wie die Anzahl der amerikanischen Ingenieure in Betracht zu ziehen die heute der Sowjetrepublik helfen", so ist das ebenso übertrieben wie die gelegentliche Herabsetzung der Tätigkeit nichtamerikanischer. ausländischer Spezialisten. Was berichtet Knickerbocker über die Lebensbedin¬ gungen der Massen, insbesondere der Industrie¬ arbeiter? Diese Frage ist besonders wichtig denn man hört gerade auf diesem Gebiet oft Ansichten, die mit den Tatsachen in großem Widerspruch stehen und die bei der Beurteilung der Fraee. ob die Akkumulation in der Sowjet¬ union zu einem unberechtigt, ja unerträglich großen Maße auf hosten der Werktätigen gehe, zu falschen Schlüssen führen. Mit Pecht hebt Knickerbocker hervor, daß man nicht nach den Beobachtuniren et,va in Moskau und auf den Eisen- bahnbüfetts urteilen darf. GewiR, in Moskau gibt es einer¬ seits fast iipDige Gasthöfe und Geschäftsläden für Ausländer und andere kaufstarke Schichten, andererseits oft Schlangen von Käufern vor halbleeren Genossenschaftsläden. Wichtiger aber sind Tatsachen, wie etwa folgende über das Leben der 10.000 Bauarbeiter in Nishnij Nowgorod (S. 35): Sie leben in einer Barackenstadt, sie haben dort ihre kommunalen Restaurants, in denen eine erheblich bessere Nahrung verabreicht wird als in irgendeinem Moskauer Restaurant, ihre Kinos und Theater, ihre Klubs und Lesesäle, wie das für sämtliche Bauarbeiterlager in ganz Rußland typisch ist. Oder bei der Schilderung einer riesigen Asbest¬ grube im nördlichen Ural (S. 46): Die Pevölkerung von Asbest hat nichts zu lachen, aber es geht ihr doch erheblich besser als den Pewohnern Moskaus. Wenn die ..Asbester" von ihrer sieben- stündisren Schicht nach Hause gehen, erwartet sie eine anständige Wohnung in den Reihen funkelnagelneuer Mietskasernen, die fächerartig von dem See im Zentrum der Stadt ausstrahlen... Ein Krankenhaus mit 120 Betten und eine Poliklinik mit 60 Petten samt einem Stab von Ärzten steht den Leuten heute zur Verfügung, die früher bis nach Swerdlowsk fahren mußten. Ähnliche Mitteilungen, die mit den Beobachtungen anderer durchaus übereinstimmen, finden sich noch wieder¬ holt. (S. 61, S. 71, S. 82. S. 146 usw.) Damit widerlegt Knickerbocker aber auch seine eigene Bemerkung (S. 25). wonach die 30 Millionen Familien der Sowjetunion täglich minimal 60 Millionen Arbeitsstunden durch Anstehen verschwenden. Abgesehen von der von ihm selbst festgestellten Bevorzugung der neuen Industriestädte gegenüber den alten Verwaltungs- *) H. R. K n i c k e r b o ck e r: „Der rote Handel droht" und „Der rote Handel lockt". Ernst-Rowohlt-Verlag, Berlin 1931. Zentren, macht Knickerbocker hier den unverständlichen Fehler, die 80 Prozent Bauernbevölkerung, für die doch ganz andere Bedingungen gelten, mit einzubeziehen. Mit ein¬ leitenden Worten, wie: „Man hat berechnet", ist eine Ent¬ schuldigung für so krasse Unrichtigkeiten nicht zu er¬ bringen. Auch bei der Schilderung der Arbeitsverhält¬ nisse finden sich Widersprüche. Die Bemerkung (S. 36), „daß die Regierung eine Errungenschaft der Revolution, nämlich den Achtstundentag, preisgegeben und den Zehnstundentag wieder eingeführt hat", ist falsch, was Knickerbocker selbst durch seine Schilderung von „Asbest" (siehe oben) und der Manganerzgruben von Chiaturi (S. 119) beweist. Daß von „Stroßbrigaden" und in „Soziali¬ stischen Wettbewerben" oft Überstunden gefordert und geleistet werden, soll nicht bestritten werden. Von der „Zwangsarbeit" weiß Knickerbocker, dem man wohl sollende Gewissenhaftigkeit gegenüber kritischen Behauptungen sonst eben nicht vorwerfen kann, aus eigener Anschauung nichts zu berichten, weder aus Bergbau- noch Holzgebieten. Er gibt (S. 89) lediglich die sowjetbehörd¬ lichen Angaben wieder. Über die Qualität der Arbeit, über die Schwierig¬ keiten. insbesondere im Zusammenhang mit der schlechten Ausbildung der Techniker und Arbeiter, die oft ganz unvor¬ bereitet an die komplizierten Maschinen kommen, findet sich manches richtige Wort, es fehlt aber auch nicht an gegenteiligen Beobachtungen. Charakteristisch ist eine solche aus dem Stalingrader Traktorenwerk, über dessen „Ausschußfabrikation am laufenden Band" viele Tendenzmeldungen in der Auslandpresse zu lesen standen. Knickerbocker schreibt (S. 80): Deutlich traten die Anzeichen eines langsamen Fort¬ schrittes in Erscheinung. Ich erkundigte mich bei R i e s i n g (einem amerikanischen Ingenieur des Werkes, F. W.), wie er darüber dächte. Seine Antwort wog ganze Bücher voller Geschwätz über die Unmöglichkeit auf. daß eine FiinFahrplanfabrik eine Produktion erzielen könnte. „Diese Fabrik", sagte er. „wurde vorzeitig am 15. Juli eröffnet. Sie hätte eigentlich ein paar Monate später er¬ öffnet werden sollen. Die Ford-Fabrik in Kork in Irland zur Herstellung von Traktoren wurde von Amerika nach Kork abmontiert versendet wie ein Automobil. Jeder Teil war numeriert und zur Montage fix und fertig. Fords Ingenieure errichteten sie mit englisch sprechenden Arbeitern, geschulten Arbeitern. Dennoch bedurfte die Korker Fabrik von der Eröffnung an neun Monate, um ihre produktive Leistungsfähigkeit zu erreichen." Wenn man diesen Zeitraum von neun Monaten als Maßstab nimmt und hiezu den für russische Verhältnisse unter allen Umständen notwendigen Zuschlag macht, kann man bestimmt nicht finden, daß das Sowjetwirtschaftssystem als solches in seiner Industrie versagt oder mit unver¬ hältnismäßig höheren „falschen Kosten" arbeitet als der Kapitalismus. Über die Landwirtschaft sind Knickerbockers Mitteilungen spärlich. Von Einzelbauernwirtschaften und Kollektivwirtschaften (Kolchosen) hat er nichts eesehen und begnügt sich mit Perichten über zwei, allerdings riesige Staatsgüter (Sowchosen), Gigant und W e r b 1 u d (S. 95 ff.). Vor allem interessiert ihn hier die Frage, ob die Betriebskosten dieser „Getreidefabriken" den Vorwurf des „Dumpings" rechtfertigen, was er beiaht. Seine Berech¬ nungen wurden allerdings inzwischen von anderer Seite bestritten (P. Oerig. „Sowjethandel und Dumpingfrage", E.-Rowohlt-Verlag. Berlin 1931, S. 81). Die Frage des „Dumping" macht Knickerbocker im übrigen viel Kopf¬ zerbrechen, aber er ist — im Gegensatz zu vielen anderen — ob'ektiv genug zuzugeben (S. 1*9). daß auch ..der ameri¬ kanische Weizen zu Weltmarktpreisen losgeschlagen werden muß, das heißt unter den Gestehungskosten. Sogar sehr tief unter den Gestehungskosten, genau so wie das eben bei dem russischen Weizen dargelegt worden ist". Das zweite der Knickerbockerschen Bücher zeigt vor allem, wieviel Unernst in dem Weltgeschrei über das „Pussische Dumping" steckt und auch, wie unrecht die¬ jenigen haben, die daraus den Zusammenbruch des Fünf¬ jahrplanes ableiten wollten, weil sich die kapitalistischen Länder gegen die Überflutung mit Sowjetwaren absperren