173 ARBEIT UND WIRTSCHAFT 174 und damit den Russen die Bezahlung der Maschinenimporte, also auch deren Weitereinfuhr unmöglich machen werden. Knickerbocker schildert auf Qrund eingehender Erhebungen in fast allen in Betracht kommenden Ländern Kuropas, wie Italiener und Holländer, Engländer und Deutsche, Nord¬ länder und selbst Franzosen, ausnahmslos alle, den so heiß ersehnten „Eisernen Ring" um ihrer Einzelinteressen willen durchbrechen. Auf die „Anarchie des Kapitalismus" kann man sich auch auf diesem Gebiete getrost verlassen! Geradezu köstlich ist Knickerbockers Darstellung (S. 71 ff.) des Konkurrenzkampfes zwischen Antwerpen und R o 11 e r d a m. Sie zeigt uns, in welcher grotesken Weise jeder Versuch der administrativen Behinderung der Sowjet¬ einfuhr nur zur Schädigung des betreffenden Landes führt, ohne der Sowjetunion auf die Dauer Schaden zufügen zu können. Wichtig für die Beurteilung der Qualität der sowjetischen Industrieerzeugung ist Knickerbockers Bericht aus Riga (S. 187ff.), in dem er den beginnenden Absatz von Landmaschinen und Traktoren in den Randstaaten signalisiert. Er ist sich noch nicht klar über die Motive, ob es sich nicht etwa nur um eine „Schaufensterdekoration" handle, aber daß die Ware einwandfrei ist, hört und sieht er. Österreich — das ist charakteristisch für Knicker¬ bocker, aber leider auch für uns — erwähnt er nur kurz im Kapitel „B a 1 k a n" mit der Schilderung des Dollfußschen Eierkrieges (S. 208). Abschließend kann gesagt werden, daß die beiden Bücher, trotz mancher Flüchtigkeiten und obwohl sie bei der raschen Entwicklung der Dinge in manchem schon überholt sind, Zeugenschaft ablegen fiir die Übe r- legenheit der sozialistischen Planwirt¬ schaft gegenüber dem kapitalistischen Chaos. Diese Zeugenschaft ist um so wertvoller, als sie von einem durchaus bürgerlich denkenden Menschen stammt, der aber, überwältigt von dem Geschauten, hinter den „Krankheiten des Wachstums" die Größe des Kommenden ahnt. ABBAU DER ARBEITSLOSEN DURCH INNENKOLONISATION Von Julius Uhlirs Die überaus große Vermehrung der Arbeitslosen in Österreich bringt es mit sich, daß bei Erörterung der Ma߬ nahmen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit auch die Frage der Innenkolonisation immer mehr in den Vorder¬ grund der öffentlichen Diskussion tritt. Zahlreiche arbeits¬ lose Industriearbeiter sehen in der Durchführung der Innenkolonisation die Möglichkeit, durch Bearbeitung von zugewiesenem Grund und Boden den Lebensunterhalt für sich und ihre Familie decken zu können. Andererseits aber erwarten gewisse Kreise durch die Zuteilung von Grund und Boden an arbeitslose Industriearbeiter eine „Beruhi¬ gung" der verzweifelten Massen. Aus dem „Feinde der Gesell¬ schaft", als solche betrachten diese Kreise den Arbeitslosen, soll „ein selbstzufriedener, bodenständiger Kleinlandwirt, aus einem Unruhestifter ein ordentlicher Staatsbürger ge¬ macht" werden. Das neueste Projekt, die Arbeitslosen durch Innen¬ kolonisation abzubauen, stammt von den Herren A. G e ß- m a n n und Dr. O. Kämpe r. In ihrem Buch „Neues Bauen: neue Arbeit" wurden beachtenswerte Vor¬ schläge über die Belebung der Bautätigkeit ge¬ macht. Doch sind ihre Pläne, soweit sie sich auf die Frage der Innenkolonisation beziehen, genau so mangelhaft und wirtschaftsfremd wie zahlreiche in den letzten Jahren von den verschiedensten Personen ausgearbeitete Vorschläge. Das Rezept der beiden Herren lautet: Man parzelliert die landwirtschaftlichen Großbetriebe, die nicht allzu fern der Städte gelegen sind, und schafft für die arbeitslosen Industriearbeiter, und zwar je nach Verkehrslage und Ver¬ wendungszweck, gärtnerische oder kleinlandwirtschaftliche Betriebe. Die Durchführung dieser Siedlungsaktion soll durch eine straffe Organisation und m i t Hilfe einer Arbeitsarmee geschehen. Geeignete Arbeitslose sollen für drei Jahre zur Arbeitsarmee assentiert werden und sollten die Siedlungshäuser bauen und die sonstigen notwendigen Aufschließungs- und Meliorationsarbeiten verrichten. Für den Anfang wären rund 10.000 Siedlungsstellen zu schaffen und durch den weiteren Ausbau der Arbeitsarmee könnten jährlich 30.000 Industrie¬ arbeiter in Kleinlandwirte „umgeschichtet" werden. Dieser Vorschlag, möge er noch so sehr von ehrlichem Bestreben getragen sein, den Arbeitslosen und dem Staat zu helfen, ist schon bei oberflächlicher Betrachtung völlig ungeeignet und läßt Begriff und Wesen der Innen¬ kolonisation vollständig unbeachtet. Das Problem der Innenkolonisation erschöpft sich nicht darin, Mittel und Wege zu suchen, um Arbeitslose plan¬ mäßig und geldsparend ansiedeln zu können, sondern da jede Innenkolonisation auf die agrarische Besitzverteilung tiefgehenden Einfluß ausübt, muß vor allem untersucht werden, ob die mechanische Schaffung neuer landwirtschaft¬ licher Betriebe zweckmäßig ist und welche Wirkungen auf die allgemeine Volkswirtschaft damit ausgelöst werden. Wenn wir die agrarischen Besitzverhältnisse und die Struktur der österreichischen Landwirtschaft betrachten. ergibt sich sofort klar und eindeutig, daß durch Innen¬ kolonisation, wenn überhaupt, so doch nur ein ganz ge¬ ringer Prozentsatz der arbeitslosen Industriearbeiter angesiedelt werden kann. Nach dem Ergebnis der Betriebszählung vom 14. Juni 1930 gibt es in Österreich 433.346 land- und forstwirtschaft¬ liche Betriebe mit einer Gesamtfläche von 7,607.522 Hektar. In diesem Flächenausmaß sind außer den genutzten Boden¬ flächen alle zum Betrieb gehörigen Baugründe, unproduktive und sonstige Bodenflächen enthalten. Die Statistik über das Größenverhältnis dieser land- und forstwirtschaftlichen Be¬ triebe zeigt, daß die überwiegende Zahl Klein- und Mittel¬ betriebe sind, die sich seit Jahren schlecht und recht über Wasser halten, Steuererleichterungen und andere staatliche Hilfsmaschinen beanspruchen und auch Subventionen er¬ halten. Nur 2815 land- und forstwirtschaftliche Betriebe be¬ sitzen mehr als 200 Hektar Bodenfläche und sind daher als Großbetriebe anzusehen. Betrachtet man nun auch die Kulturgattungen dieser land- und forstwirtschaftlichen Großbetriebe, so sehen wir, daß von den 3,623.741 Hektar Gesamtfläche, die diese Großbetriebe umfassen, 1,664.056 Hektar auf Wald, 543.330 Hektar auf Alpen und nur 97.941 Hektar auf Ackerland, 63.328 Hektar auf Wiesen, 3080 Hektar auf Gärten, der Rest auf Hutweiden, Wein¬ gärten, Seen und Teiche, Baugründe und sonstige für die landwirtschaftlichen Betriebe unproduktive Flächen ent¬ fallen. Diese Zahlen sagen nun auch dem Laien, daß in Öster¬ reich für Zwecke der Innenkolonisation verhältnismäßig wenig Grund und Boden zur Verfügung steht und daß produktive, aber ungenützte Bodenflächen in größerem Ausmaß nicht vorhanden sind. Es kann daher von einer planmäßigen Ansiedlung von jährlich 30.000 Industriearbeitern gar keine Rede sein. Aber auch dann, wenn die vorhandene, durch die land- und forstwirt¬ schaftlichen Großbetriebe genutzte Bodenfläche mittels Parzellierung zur Ansiedlung von Arbeitslosen heran¬ gezogen werden würde, ergeben sich unüberwindliche Hindernisse. Abgesehen davon, daß Industriearbeiter, auch wenn sie auf dem Land aufgewachsen sind, sich zur Führung einer kleinen Landwirtschaft in der Regel nicht eignen, und abgesehen von den enormen Kosten, die _ die Ausstattung kleiner Wirtschaften mit Vieh, Dungstoffen, Geräten und Bedarfsgegenständen erfordert. Soll ein kleinlandwirtschaftlicher Betrieb dem Kolonisten in bescheidener Form eine Existenz schaffen und soll der Kolonist dauernd dem industriellen Arbeitsmarkt ent¬ zogen werden, so muß nach dem gegenwärtigen Stand der landwirtschaftlichen Produktionsmöglichkeiten jede Siedler¬ stelle mindestens fünf Hektar nutzbare Bodenfläche um¬ fassen. Inwieweit nun durch die Aufteilung der landwirt¬ schaftlichen Großbetriebe für mehr Maschinen als bisher Existenzmöglichkeit geschaffen werden kann, zeigt nach¬ folgendes Beispiel: Der größte land- und forstwirtschaftliche Betrieb in Niederösterreich verfügt, auf mehrere Gutshöfe verteilt,