191 ARBEIT UND WIRTSCHAFT 192 psychologischen Prüfungeil sind imstande, Fehlerquellen des Versagens im Beruf aufzudecken und dem Kursleiter der Nachschulung pädagogische Anleitungen für den Unterricht zu geben. Die Referentin verwies noch auf die Anfänge der Psychotechnik, die in die Kriegszeit zurückgehen, und schloß mit dem Hinweis, daß diese junge Wissenschaft ein großes Arbeitsgebiet vor sich habe; sie könnte, in den Dienst der Arbeiterklasse gestellt, das Berufsleben viel froher gestalten, als dies je der Fall war. Svoboda (Blurnenarbeiterinnen) besprach die Einstellung der Gewerkschaften zur Psychotechnik. Sie erzählte von Bei¬ spielen, wo gutqualifizierte Arbeiterinnen bei der Eignungs¬ prüfung die schlechtesten Ergebnisse erzielten. Die Arbeite¬ rinnen betrachten die Psychotechnik als eine im Dienst der Unternehmer stehende Wissenschaft. Haczek (Lehrerinnen) verwies gleichfalls auf Fehlurteile der Psychotechnik bei Vor- zugsschülerinnen. Jochmann (Chemische Arbeiter) führte aus, daß die Leistungen der Psychotechnik durch die große Wirtschaftskrise gehemmt werden, erst in einer geänderten Wirtschaftsform könne sich diese Wissenschaft zum Nutzen der Arbeiter auswirken. B o s c h e k (Bund der freien Ge¬ werkschaften) besprach die Gefahren, die in Eignungsprüfun¬ gen für die Arbeiter liegen. Sie bezeichnete die Möglichkeit des Unternehmers, Eignungsprüfungen an den Arbeitern vor¬ nehmen lassen zu können, als Eingriff in die persönliche Freiheit arbeitender Menschen. Genossin Einer erklärte im Schlußwort, daß die Ge¬ werkschaften Deutschlands die Kampfstellung gegen die Psychotechnik so lange beibehielten, als diese von privaten Instituten betrieben wurde. Nicht die Höchstleistung, sondern die Durchschnittsleistung wird als Maßstab bei diesen Prüfun¬ gen angewandt. Das Wiener Institut hat nie Arbeiten im Dienste der Unternehmer geleistet; Prüfungen, die zu Ent¬ lassungen von Arbeitern hätten führen können, habe es immer abgelehnt. Die Stellungnahme der Gewerkschaften dürfe nicht heißen: Fort mit der Psychotechnik, sondern Einfluß der Ar¬ beiterschaft auf diesen Zweig der Arbeitswissenschaft. Uber Anregung der Referentin wird eine Führung in das Psycho- technische Institut vorbereitet. Nach einigen geschäftlichen Mitteilungen Moiks wurde die Konferenz geschlossen. DIE FRAU IN DER SOZIALVERSICHERUNG Der Altersfiirsorgerentenfonds der Hausgehilfinnen hoch aktiv. Genaue Ausweise über die Gebarung des Altersfiir¬ sorgerentenfonds der Hausgehilfinnen sind nicht zu erhalten. Nach Erkundigungen betrugen die Einnahmen für 1930 ungefähr 935.000 S. Diese Schätzung ist eher zu gering als zu hoch. Der Rentenaufwand betrug für das Jahr 1930 ungefähr 400.000 S. Diese Berechnung gilt nur für Wien. Mehr als die Hälfte der im Jahre 1930 eingezahlten Beiträge verbleibt dem Fonds, der allerdings nicht separat verwaltet wird, sondern mit dem Fonds der ge¬ werblichen Arbeiter eine Riskengeineinschaft bildet. Diese Riskengemeinschaft dient in der Hauptsache dazu, durch die schwächste und ungeschützteste Gruppe von Ar¬ beiterinnen den finanziellen Ausfall der anderen Gruppe zu decken. Die hohe Aktivität der Eingänge an Hausgehilfinnen- beiträgen muß die ansteigende Passivität der Eingänge an Beiträgen der gewerblichen Arbeiter ausgleichen, und zwar auf Kosten der viel niedrigeren Renten des Hauspersonals. Hausgehilfinnen sind im allgemeinen für die Sozialversicherung gute R i s k e n, sie sind es ganz besonders in der Altersfürsorge. Viele Hausgehilfinnen zahlen durch Jahre die Beiträge zur Altersversicherung, kommen aber nicht in den Genuß der Versicherung, weil sie durch Verehelichung wieder aus der Versicherung ausscheiden. Ausländerinnen, und deren gibt es sehr viele im Haus¬ gehilfinnenberuf, zahlen zwar die Beiträge zur Altersver¬ sicherung, haben aber keinen Anspruch auf die Altersfiir- sorgerente. Riskengemeinschaft ist das Wesen einer Ver¬ sicherung. Es wäre auch gegen die Riskengemeinschaft mit den gewerblichen Arbeitern nichts einzuwenden, wenn die Hausgehilfinnen unter den gleichen Voraus¬ setzungen wie die gewerblichen Arbeiter in den Alters- fiirsorgerentenbezug eingereiht würden. Die Hausgehilfinnen werden in der Sozialversicherung zweimal benach¬ teiligt. Einmal dadurch, daß sie in der Krankenver¬ sicherung nicht ihrem Verdienst gemäß in die betreffende Lohnklasse eingereiht werden, und das zweitemal. daß man ihnen nicht eimal die Altersrente nach der unter¬ versicherten Klasse gewährt. Die 30-SchiIIing-Rente ist durch keinen Einwand zu rechtfertigen. Dieses Unrecht wird so lange zur Sprache gebracht werden, bis sich die ma߬ gebenden Körperschaften entschließen, es zu beseitigen. Jugend in Not — und ohne Unterstützung. Eine Umfrage über die Zahl der Unterstützungsbezieher bei den Be¬ suchern der von den freien Gewerkschaften geführten Heime der Aktion „Jugend in Not" hat ein erschütterndes Ergebnis gezeitigt. Von 5765 männlichen Besuchern bekommen bloß 1725 oder 30 Prozent die Unter¬ stützung, von 311 weiblichen Besuchern werden bloß 51 oder 1 6'3 9 Prozent unterstützt. Die weibliche Jugend ist also noch mehr der Verzweiflung und Not preisgegeben, als dies bei den männlichen Jugend¬ lichen der Fall ist. Bei den meisten der Befragten endet der Unterstützungsbezug nach wenigen Tagen, da die Unter¬ stützung meistens nur bis zu zwölf Wochen, in wenigen Fällen bis zu 30 Wochen gewährt wird. Über 42 Wochen erhalten bloß 15 Prozent der arbeitslosen Burschen, aber nur 1'96 Prozent der Mädchen die Unterstützung, das heißt, daß von 311 weiblichen Besuchern bloß 2 die Unterstützung länger als 30 Wochen beziehen. Acht bis zehn Pro¬ zent der männlichen und weiblichen Jugend, die sich in den Heimen aufhält, hatte überhaupt noch keine Möglichkeit, Eingang in das Erwerbsleben zu finden. Dieses Ergebnis ist eine furchtbare Anklage gegen die Gesellschaft, die nicht imstande ist, der Jugend Arbeit und Brot zu schaffen, sich dafür aber um so heftiger entrüstet, wenn junge Menschen auf schiefe Bahn gelangen. Die Einführung allgemeiner Familienzulagen in Belgien. Der Korrespondenz des Internationalen Gewerkschafts¬ bundes entnehmen wir, daß ab 1. Jänner dieses Jahres in Belgien ein Gesetz in Kraft getreten ist, durch das die Familienzulagen für alle Arbeiter von Industrie, Handel und Landwirtschaft sowie der freien Berufe und, ganz allgemein, für alle Personen obligatorisch werden, die durch einen Arbeitsvertrag erfaßt werden oder sonst irgend¬ welche Dienstleistungen verrichten, vorausgesetzt, daß sie mindestens 12 Tage pro Monat bei einem oder mehreren Arbeitgebern und mindestens 4 Stunden pro Tag beschäftigt sind." Die Höhe der monatlichen Zulage beträgt für ein Kind 15 Fr. (das sind 3 S), für 2 Kinder 35 Fr. (7 S), für 3 Kinder 75 Fr. (15 S), für 4 Kinder 145 Fr. (29 S), für 5 Kinder 245 Fr. (49 S), für jedes weitere Kind werden 100 Fr. (20 S) ausbezahlt. Die Zulage wird unter allen Um¬ ständen bis zur Erreichung des 14. Lebensjahres gewährt. Alle Unternehmer, die eine oder mehrere Personen beschäftigen, gleichviel welchen Alters und Geschlechtes und gleichviel ob die Beschäftigten für Kinder zu sorgen haben oder nicht, haben einer Kompensationskasse anzu¬ gehören und ihr für jeden Arbeiter eine Summe von Fr. 0'60. das sind 12 Groschen (für Frauen Fr. 0'30 [6 Groschen]), pro Arbeitstag zu entrichten. Abgesehen von diesem für die Auszahlungen bestimmten Betrag, haben die Unternehmer den auf sie entfallenden Teil der Verwaltungskosten der Kasse sowie einen zusätzlichen Betrag an den Vorsorge¬ fonds der Kasse zu zahlen. Dieser zusätzliche Betrag beläuft sich auf 5 Prozent der gesamten für die Auszahlung ge¬ leisteten Beiträge. Er muß so lange bezahlt werden, bis der Vorsorgefonds die Höhe der Gesamtbeiträge an die Kasse für zwei Monate erreicht hat. Bei der Berechnung der Bei¬ träge der Unternehmer gelten auch jene Tage als Arbeits¬ tage, die wegen Krankheit, Unfall, unfreiwilliger Arbeits¬ losigkeit oder aus irgendwelchen gesetzlichen Gründen (zum Beispiel die Sonntage) versäumt werden. In Österreich haben die Unternehmer gegen eine ähnliche Einrichtung, die Kinderversicherung, so lange einen heftigen Kampf geführt, bis es ihnen gelungen ist, diese aus der Welt zu schaffen. Eigentümer. Verleger, Herausgeber: Anton H u e b e r, Sekretär. — Verantwortlicher Redakteur: Eduard S t r a a s. Redakteur, beide Wien I, Eben- dorferstraße 7. — Druck: „Vorwärts", Wien V, Rechte Wienzeile 97.