Die Weineinfuhren sind heute „um rund ein Viertel niedriger als im Jahresdurchschnitt der letzten drei Jahre vor 1938... Der öster¬ reichische Weinbau deckt daher den Inlandsbedarf mehr als zur Genüge". „Die Obsteinfuhren", so fährt die Denkschrift fort, „sind in der Zeitperiode 1948 bis 1950 pro Jahr ... um die Hälfte nied¬ riger als in den drei Jahren vor 1938. Der österreichische Obstbau kann daher den Bedarf des Inlandes decken und muß in guten Obstjahren bedeutende Mengen exportieren." „In Gemüse, von dem im fünften Jahre nach dem ersten Welt¬ krieg (1923) noch mehr als 100.000 Tonnen eingeführt wurden,- betrug die Einfuhr im fünften Jahre nach dem zweiten Weltkrieg (1950) weni¬ ger als die Hälfte der damals einge¬ führten Menge. Der österreichische Gartenbau deckt daher ... den hei¬ mischen Bedarf bereits zur Gänze." Die Argumentation, deren sich die Präsidentenkonferenz hier bedient, ist, höflich ausgedrückt, zumindest überraschend. Aus dem Sinken der Gemüse- und Obsteinfuhr zu schlie¬ ßen, daß die Inlandsproduktion den „heimischen Bedarf bereits zur Gänze" decke, ist ein arger Trug¬ schluß. Es muß den Herren J. Strommer und Ing. L. Greil, die als Autoren dieser Denkschrift zeichnen, sehr wohl bekannt sein, daß die Obst- und Gemüseeinfuhren vor allem deshalb so gering sind, weil es den Produzenten gegen den Widerstand der Arbeiterkammer gelungen ist, die Einfuhrkontingente viel zu niedrig festzusetzen. Diese Abdrosselung der Gemüse- und Obst¬ einfuhr hat die Preise so empor¬ getrieben, daß die Arbeiter und An¬ gestellten außerstande sind, Obst und Gemüse in ausreichender Menge zu kaufen. Die Denkschrift sagt an anderer Stelle selbst, daß der „verläßlichste Gradmesser" für die landwirtschaft¬ liche Produktion die „Anlieferung nach Wien" ist. Wie sehen nun diese Anlieferungen aus? Die statistischen Ausweise des Wiener Marktamtes besagen, daß die Obstanlieferung nach Wien im Jahre 1937 6 8.1 3 3 Tonnen betrug — im Jahre 1950 aber nur 45.950 Tonnen. Die An¬ lieferung von Gemüse (ohne Kar¬ toffeln) sank in derselben Zeit von 141.879 auf 62.231 Tonnen! Diese Zahlen zeigen, daß der Obst- und Gemüsekonsum heute erschreckend niedrig ist. Die „Deckung des heimischen Bedarfes" ist also nicht, wie es die Denkschrift darzustellen beliebt, der Steigerung der Produk¬ tion, sondern der ungerechtfertigten Steigerung der Preise zu¬ zuschreiben, die durch die Einfuhr¬ drosselung herbeigeführt worden ist. Die hohen Preise schalten viele Kon¬ sumenten vom Ankauf der für eine gesunde Ernährung so wichtigen Gartenfrüchte aus und zwingen die verbleibenden Konsumenten, ihren Verbrauch einzuschränken. Der solcherart heruntergedrückte Ver¬ brauch ist dann freilich mit der Erzeugung unserer braven Land¬ wirte unschwer zu „decken". Die Milch- und Fleisch¬ produktion hat sich in den letzten Jahren zwar wesentlich ge¬ bessert, aber den Vorkriegsstand hat sie sechs Jahre nach der Befreiung noch immer nicht erreicht. Die Zahl der Milchkühe, die 1937 1,211.745 betrug, beträgt jetzt erst 1,128.161. Nach der Zählung vom 3. Dezember 1950 war der gesamte Schweine¬ stand 2,523,182 Stück. Im Jahre 1938 gab es 2,868.148 Schweine. Die Zahl der Rinder war 1938 2,578.804; heute ist sie 2,280.548. Die Rinder¬ zahl hat seit 1945 nur eine Steige¬ rung um rund 100.000 Stück er¬ fahren. Die Denkschrift erklärt dies mit „der ungenügenden Höhe des Milchpreises bis 1948, ferner in einem Absinken des Rindfleischkon¬ sums zugunsten des Schweinefleisch¬ konsums und letzten Endes im allge¬ meinen Futtermittelmangel, der ins¬ besondere durch die Dürrejahre 1947 und 1948 bedingt war". Der Pflanzenbau Die Denkschrift stellt rühmend fest, daß der Kunstdünger¬ verbrauch im Wirtschaftsjahr 1949/50 fast doppelt so groß war wie 1937/38. Das soll ein Beweis für die Anstrengungen sein, „die die österreichische Landwirtschaft zur Steigerung der pflanzlichen Erzeu¬ gung macht". Wie bekannt, war vor dem Jahre 1938 der Kunstdünger¬ verbrauch in Österreich sehr gering. Deutschland verwendete damals je Hektar seiner landwirtschaftlichen Nutzfläche die dreizehnfache, Holland sogar die sechzehn¬ fache Menge. Mit der Verdoppe¬ lung hält also Österreich erst bei einem Sechstel des deutschen, einem Achtel des holländischen Vorkriegs¬ verbrauches. Die Argumentation der Denkschrift erinnert darum sehr an den Gemeinderatskandidaten, der seine Wählerzahl von 2 auf 4 stei¬ gerte und dann stolz von einer Verdoppelung seiner Anhän¬ gerschaft redete. Im übrigen ist wohl der gesteigerte Kunstdüngerver¬ brauch damit zu erklären, daß der Landwirtschaft von der Marshall- Hilfe erhebliche Mengen von Dünge¬ mitteln weit unter dem Welt¬ marktpreis zur Verfügung gestellt werden. Die Zuckerproduktion be¬ trug in den letzten Vorkriegsjähren (1934—1938) rund 160.000 Tonnen jährlich. Sie sank bis auf 6708 Ton¬ nen im Jahre 1945/46, stieg dann aber wieder an und erreicht im Wirtschaftsjahr 1949/50 60.863 Ton¬ nen; das sind aber auch erst 38 Pro¬ zent der Vorkriegserzeugung. Die Brotgetreide-Erzeu¬ gung sei, so sagt die Denkschrift, eine stark umstrittene Frage. „Vor 1928 mußte im Durchschnitt pro Jahr an Brotgetreide (Weizen und Roggen) eine Menge von rund 360.000 Tonnen eingeführt werden. Seit 1949 jedoch beträgt die Einfuhr im Jahresdurchschnitt rund 640.000 Tonnen. Die Einfuhr von Brot¬ getreide ist somit heute um rund 280.000 Tonnen höher als vor 1938." Der Rückgang der Getreidepro¬ duktion ist durch die Verkleinerung der Anbaufläche bedingt. Es war darum das Bestreben des „Long- Term-Programms" (des im Einver¬ nehmen mit der österreichischen Vertretung der Marshall-Plan-Ver¬ waltung aufgestellten langfristigen Notstandsprogramms), die Anbau¬ flächen zu vergrößern. Leider hat sich bereits gezeigt, daß die Land¬ wirtschaft dieses Programm nicht erfüllt. Das vom Landwirtschaftsministe¬ rium erstellte Programm sah bei¬ spielsweise für 1951 eine Steigerung der Anbaufläche für Brotgetreide von 496.000 Hektar (1950) auf 541.000 Hektar vor. Aus den An¬ gaben desselben Ministeriums geht aber hervor, daß die Herbstaussaat 1950 von Weizen und Roggen um 8 Prozent hinter dem Ziele des Anbauplanes zurückblieb. Die Getreidebauern, denen es nach den Worten der Denkschrift nur „um die Sicherung der Er¬ nährung der Bevölke¬ rung" zu tun ist, widerlegen damit selbst diese selbstgefällige Phrase. Sie bauen ohne Rücksicht auf die Brotversorgung weniger Roggen an, wenn die Produktion von Futter¬ mitteln höheren Gewinn erwarten läßt. Das ist, wirtschaftlich gesehen, begreiflich. Wozu aber suchen dann die Herren der Präsidentenkonfe¬ renz der Öffentlichkeit einzureden, daß die Landwirtschaft nur „im Interesse einer ausreichenden Ver¬ sorgung der Bevölkerung" handelt? Die gesteigerte Ausfuhr von Holz, über die die Denkschrift an¬ schließend freudig berichtet, ist in Wahrheit ein trauriges Kapitel. Nach sehr vorsichtigen Schätzungen wurden 1950 mehr als 12 Millionen Festmeter Holz geschlagen, obwohl der jährliche Zuwachs nur etwa 7 Millionen Festmeter beträgt. Und das Schlimmste daran ist, daß die heimische holzverarbeitende Indu¬ strie trotzdem unter Rohstoffmangel und hohen Preisen leidet. Selbst Landwirtschaftsminister Kraus hat am 30. März in einer Presse¬ konferenz erklärt — wir zitieren „Das Kleine Volksblatt" —, daß sich auf dem Gebiete der Holzwirt¬ schaft „ein derartiges Spekulanten- 5