ARBEIT UND WIRTSCHAFT HERAUSGEBER ÖSTERREICHISCHER ARBEITERKAMMERTAG UND ÖSTERREICHISCHER G EW E R K S C H A FT S B U N D REDAKTEUR: ERNST LAKENBACHER 7. Jahrgang 1. Dezember 1953 Nummer 5 Erinnerungen aus einem Arbeiterleben Johann Böhm, der Präsident des Gewerkschafts¬ bundes und Zweite Präsident des österreichischen Nationalrats, hat „Erinnerungen aus meinem Leben" niedergeschrieben1). Sie reichen von den Tagen der frühesten Kindheit bis nahe an jenen ersten ordentlichen Kongreß des ÖGB heran, auf dem Johann Böhm zu dessen Präsidenten gewählt wurde. Es ist ein Buch, das man schon beim Lesen der ersten Seite liebgewinnt. Im Erzählerton wird die Geschichte dieses Lebens vor¬ getragen. Dieser Erzählerton ist sehr unvollkommen charakterisiert, wenn man ihn als schlicht oder einfach bezeichnet. Er ist verhalten und das gibt ihm seinen hohen poetischen Reiz, um den den Erzähler mancher Autor beneiden mag, der sich für einen Meister der Sprache hält. Es gibt wenige unter den Schriftstellern von Ruf, die es besser verstünden als Johann Böhm, eine Situation, ein Erlebnis mit sparsamen Worten an¬ schaulich zu machen, ähnlich wie es einmal alte Meister des Griffels verstanden haben, im Holzschnitt mit wenigen Strichen in einfachster Technik ein tief ein¬ prägsames Bild zu geben. Es war kein leichtes Leben, das da dem Leser mit der zögernden Zurückhaltung des Mannes erschlossen wird, dem es schwerfällt, Persönliches, Eigenstes vor den un¬ bekannten Interessierten und Gleichgültigen auszusagen. Den Schlüssel zu dem Motiv, das ihn veranlaßte, den¬ noch seine Lebenserinnerungen niederzuschreiben, geben erst die, letzten Seiten des Buches: „Ich habe noch mit angesehen, wie die Arbeiter völlig rechtlose und grenzenlos ausgebeutete Werkzeuge der Pro¬ duktion gewesen sind, jeder Unternehmerwillkür preis¬ gegeben, völlig hilflos gegen die Folgen von Erkrankungen, Unfällen, Arbeitslosigkeit, Invalidität und Alter. Sie haben ein vielfach härteres Leben geführt als die Sklaven des Altertums, für deren Ernährung wenigstens gesorgt war. Immer wieder kommen mir bei Betrachtung dieser Umstände meine Eltern ins Gedächtnis, deren ganzes Leben aus nichts anderem bestand als aus immerwährender Arbeit von früh bis spät, sonntags und wochentags, und aus ständigen Sorgen (249). Gewiß ist der Arbeiter und Angestellte auch heute noch nicht auf Rosen gebettet, sein Leben ist noch kümmerlich genug... Aber doch ist das Leben des heutigen Arbeiters mit dem des Arbeiters vor 60 Jahren in keiner Weise mehr vergleichbar (250). Der scheue, schüchterne Sklave der Zeit um die Jahrhundertwende ist zum selbst¬ bewußten, klardenkenden Mitarbeiter im Betrieb auf¬ gerückt ... Er nimmt an den Errungenschaften der Kultur, die früher einmal Besitztum einer dünnen Herrenschicht ge¬ wesen ist, tätigen Anteil. Theater, Literatur, Musik sind ihm keine fremden Begriffe mehr" (251). Das ist es, was Johann Böhm den Arbeitern von heute, die es nicht mehr mit angesehen haben, die es «= '' Verlag des österreichischen Gewerkschaftsbundes, Wien 1953:255 Seiten, Preis S 30.—. kaum mehr glauben wollen, vor Augen führen will: den Aufstieg vom Lohnsklaven zum selbstbewußten, klar¬ denkenden Mitarbeiter im Betrieb dank dem gewerk¬ schaftlichen Zusammenschluß. Und nun einige Leseproben aus diesen Lebens¬ erinnerungen: „In einem kleinen, weltabgeschiedenen Dörflein des niederösterreichischen Waldviertels, in Stögersbach, wurde ich am 26. Jänner 1886 geboren. Mein Vater war der Maurer Josef Böhm, und meine Mutter, sie hieß Marie, war land¬ wirtschaftliche Hilfsarbeiterin" (47). Also Doppelverdiener sozusagen. Sehen wir zu, wie um das Jahr 1890 Doppelverdiener gelebt haben. „Ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie meine Mutter, die uns Kindern nur schwer einen Wunsch versagen konnte, erschreckt auf uns blickte, wenn wir über den Brotlaib her¬ fielen, und wie sie manches Mal, wenn ich im Begriffe war, mir ein zweites Stück Brot zu nehmen, mir in den Arm fiel und mir sagte: »Nimm nichts mehr vom Brotlaib, iß lieber das Stück, das ich mir abgeschnitten habe, ich mag es sowieso nicht mehr.« Ich habe gedankenlos das zweite Stück ent¬ gegengenommen, ohne zu ahnen, daß meine Mutter noch viel mehr Hunger hatte als ich. Unser Mittagessen bestand in der Hauptsache aus Gemüse, das meine Mutter auf dem gepachteten Kartoffelacker mit angebaut hatte. Das Abendessen war Mehlsuppe mit Kar¬ toffeln — nicht zu verwechseln mit Milchsuppe, die wir manchmal auch hatten, aber als Festessen. Fleisch gab es nur an Sonn- und hohen Feiertagen; ein halbes Kilogramm, meist gekochtes Schweinefleisch, mußte für die sechsköpfige Familie genügen" (10). Der Knabe mußte schon in frühem Alter in der kleinen Hauswirtschaft mitarbeiten; Brennmaterial — Klaubholz und Tannenzapfen — vom Walde heim¬ bringen, auf dem Kartoffel- und Rübenacker arbeiten: „Ich habe also frühzeitig erkennen gelernt, was Arbeit bedeutet." Die Lichtblicke dieser Kindheit bot dem kleinen Johann die Schule. Er hatte das Glück, einen Lehrer zu finden, der sich seiner Wißbegierde annahm, ihm nach der Schulzeit ein erweitertes Wissen erschloß. Was den Jungen von heute die Last ist, die ihnen Anspruch auf Freude gibt, war die Freude dieser kargen Jugend. Nicht nur Johann Böhm schuldet dem Lehrer Leidenjrost Dank; er hat die Grundlagen gelegt, aus denen die Persönlichkeit erwuchs, die sich für eine der wichtigsten Führungspositionen im öffentlichen Leben Österreichs qualifizierte. Als Lehrling kam Johann Böhm — wieder ein Glücksfall, der ihm den Aufstieg ebnete — in die Gro߬ stadt, nach Wien. Die Schilderung, die er von seiner ersten Unterkunft in der Stadt, von der es hieß: „es gibt nur a Kaiserstadt, es gibt nur ein Wien" aufzeichnet,