Verantwortung für die Höherentwicklung der unterent¬ wickelten Länder muß bei ihren eigenen Regierungen liegen, deren Bestrebungen durch internationale Organi¬ sationen unterstützt werden sollten, die nach einem auf längere Zeit entworfenen Plan die aus der kolonialen Unterdrückung sich befreienden oder befreiten Länder höher entwickeln helfen. Das wäre ein entscheidender Beitrag zur Steigerung des Lebensstandards und der wirtschaftlichen Stärke der freien Welt. RUDOLF ZACH: Die Arbeitnehmer im Fremdenverkehr Das Hotel- und Gastgewerbe ist zweifellos ein Eck¬ pfeiler der Fremdenverkehrswirtschaft. Allerdings wäre es falsch, alle 42.000 gastgewerblichen Betriebe Öster¬ reichs als Fremdenverkehrsbetriebe zu bezeichnen. Man kann bestenfalls alle Beherbergungsbetriebe zur Frem¬ denverkehrswirtschaft zählen, doch darüber hinaus nur jene Gaststätten, die vermöge ihrer Größe, ihres Stand¬ orts und ihrer Struktur tatsächlich dem Fremdenverkehr dienen. In diesen gastgewerblichen Fremdenverkehrsbetrie¬ ben spielen die gelernten und angelernten Facharbeiter eine überragende Rolle. Sie sind die eigentlichen Träger des Wirtschaftszweiges, denn sie erbringen die Lei¬ stungen, die von den Fremden in Gastgewerbebetrieben in Anspruch genommen werden, und zwar auf eine ganz andere Art, als dies Facharbeiter in anderen Berufen zu tun pflegen: Sie haben direkte Beziehung zum Kunden, persönlichen Kontakt mit den Gästen. Ob die Fach¬ arbeiter, die den Gast empfangen und bedienen, Fremd¬ sprachenkenntnisse und Allgemeinwissen haben, wie sie ihn beraten und betreuen, ob sie Einfühlungsvermögen in die persönlichen oder nationalen Eigenarten der Fremden haben, davon hängt es oft ab, ob der Gast zufrieden ist, wie lange er in Österreich bleibt, ob er wiederkommt und was er daheim über unser Land erzählt. Aber auch die Leistung der qualifizierten Küchenfachkräfte ist entscheidend, denn ihre Arbeits¬ produkte werden meist gleich nach der Fertigstellung direkt dem Gast gebracht und die Qualität ihrer Arbeit bestimmt die Qualitätsstufe des Betriebes. Hier ist noch zu bedenken, daß im Gastgewerbe schlechte Leistungen nicht nachträglich verbessert oder beseitigt werden können, wie dies in technischen Be¬ rufen möglich und üblich ist. Zum Beispiel können in einer Glühlampenfabrik schlechte Glühbirnen durch Überprüfung als Ausschuß ausgesondert werden. Das ist nur eine innerbetriebliche Angelegenheit. Für die Kun¬ den ist es gleichgültig, ob 10 Prozent oder 30 Prozent der Produktion ausgesondert werden, sie bekommen nur gute Glühbirnen. Des gastgewerblichen Facharbeiters schlechte Leistung an dem Gast ist unabänderlich und es merkt sie meist nur der Gast. Kehrt dieser dann in seine Heimat zurück, so wird er kaum erzählen, er sei mit diesem oder jenem Betrieb unzufrieden gewesen, sondern er wäre in Österreich schlecht betreut worden. Die Leistungen der gastgewerblichen Facharbeiter siid also ein wichtiger Faktor im Fremdenverkehr und sie können werbungsfördernd oder werbungshindernd sein. Darum ist ein gut ausgebildetes und existenz¬ gesichertes Fachpersonal in den gastgewerblichen Frem¬ denverkehrsbetrieben eine eminent wichtige Voraus¬ setzung für die Entwicklung des Fremdenverkehrs. Im Gegensatz dazu ist jedoch die fachliche Struktur der im Gastgewerbe beschäftigten Arbeitnehmer sehr unbe¬ friedigend. Die Zahl der männlichen und weiblichen gelernten Kellner und Köche ist um mehr als die Hälfte geringer als vor dem zweiten Weltkrieg und verringert sich aus verschiedenen Gründen noch weiter. In den Sommer¬ monaten besteht Mangel an gelernten Fachkräften, im Winter aber herrscht Arbeitslosigkeit. Bei den Köchen betrifft sie mehr die jüngeren, bei Kellnern die älteren Jahrgänge. Für die arbeitslosen Facharbeiter ist es ein unerträglicher Zustand, immer von einer Sommersaison zur anderen auf einen Arbeitsplatz warten zu müssen, wobei die Saisonbeschäftigungen oft von sehr kurzer Dauer sind. Berufsflucht Das führt zur Berufsflucht. Es flüchten gerade die qualifizierten Facharbeiter, und unter diesen nicht die ältesten, in andere Berufe. Aber auch auf natürliche Weise — durch Tod, Alter und Krankheit — vermindert sich die Zahl der gelernten Facharbeiter ständig, denn der natürliche Ausgleich durch Heranbildung von Fach¬ arbeiternachwuchs ist völlig unzureichend. Es gibt zuwenig Lehrbetriebe und zuwenig Lehrlinge; ein Teil der vorhandenen Lehrlinge ist noch dazu in ungeeig¬ neten Lehrbetrieben beschäftigt und besucht unzuläng¬ liche Schulen. Die Anziehungskraft der gastgewerblichen Berufe auf die Schulentlassenen ist leider sehr gering; das hat eine schlechte Lehrlingsauslese zur Folge. Die Situation wird noch verschärft durch den Abfluß von Facharbeitern ins Ausland, vor allem in die Schweiz, und zwar gerade in der Sommersaison. Die Schweiz deckt nämlich den jährlichen Saisonspitzenbedarf an Arbeitnehmern im Hotel- und Gastgewerbe durch aus¬ ländische Arbeitskräfte. Auch bei den. angelernten Fachkräften ist die Situa¬ tion ungünstig. Wirtschafterinnen, Kassierinnen, Kö¬ chinnen, qualifizierte Küchenhilfskräfte und angelernte Kellnerinnen entwickelten sich früher aus den unge¬ lernten Hilfskräften durch langjährige Beschäftigung im Gastgewerbe. Die Fluktuation ist gegenwärtig derart groß, daß angelernte Fachkräfte nur mehr in ganz geringer Zahl ausgebildet werden. Alle diese Umstände führten und führen zu einem Absinken des fachlichen Leistungsniveaus im österreichischen Hotel- und Gast¬ gewerbe. Diese Tatsachen gewinnen noch dadurch an Bedeu¬ tung, daß es im österreichischen Hotel- und Gastgewerbe keinen Befähigungsnachweis gibt. Wer die Mittel hat, kann sich einen gastgewerblichen Betrieb samt der not¬ wendigen Gewerbekonzession kaufen. Sehr oft führt dann der Mangel an Fachkenntnissen zu einer un¬ richtigen Auswahl des Fachpersonals und Beschäftigung von Berufsfremden, woraus sich für den Fremden¬ verkehr nur schädliche Folgen ergeben können. Arbeitslosigkeit Auch die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt des Hotel- und Gastgewerbes zeigt eine für den österrei¬ chischen Fremdenverkehr sehr bedenkliche Tendenz. Die Zahl der ganzjährig beschäftigten Arbeitnehmer ist vom 1. Februar 1949 bis 1. Februar 1953 von 31.786 auf 35.763 gestiegen, also innerhalb von vier Jahren um fast 4000. Auch die Saisonspitze ist ansteigend: Sie betrug im Jahre 1949 3646, im Jahre 1953 aber mehr als 12.000. Dennoch ist die Zahl der gastgewerblichen Arbeitslosen von Jahr zu Jahr größer geworden. Sie betrug am 1. Februar 1949 4865, am 1. Februar 1953 aber 9248. Im Winter 1953/54 wird es erstmalig mehr als 10.000 gast¬ gewerbliche Arbeitslose geben, das sind 30 Prozent der Beschäftigten. Das bedeutet: Die Gesamtzahl der gastgewerblichen Arbeitnehmer wird immer größer, die Zahl der gelernten und angelernten Facharbeiter immer kleiner. Ursache: In jedem Jahr sind zwei Drittel der Saisonarbeitskräfte neu ins Gastgewerbe einströmende ungeschulte Hilfs¬ kräfte, die vornehmlich aus der Landwirtschaft stam¬ men. Sie werden von den Unternehmern den arbeits¬ losen Facharbeitern vorgezogen. Dem Arbeitslosen¬ reservoir werden nur die unbedingt benötigten Facharbeiter entnommen, während die gastgewerb¬ lichen Hilfskräfte zum Teil auch während der Saison arbeitslos bleiben und in andere Wirtschaftszweige weiterwandern müssen. Die starke Fluktuation der angelernten und un- 10