gelernten Arbeitnehmer ist aber auch auf berufsbedingte und soziale Erschwernisse zurückzuführen. Die Kluft zwischen den Arbeitsbedingungen im Gastgewerbe und in anderen Wirtschaftszweigen ist im Laufe der letzten vier Jahrzehnte immer breiter geworden. Während es bis zum ersten Weltkrieg auch in anderen Wirtschafts¬ zweigen eine 11- bis 12stündige Arbeitszeit und vielfach noch Sonntagvormittagarbeit gab, ist heute die 44- bis 48-Stunden-Woche und ein eineinhalb- oder zweitägiges Wochenende in fast allen Berufen die Regel. Überdies brachte dort der technische Fortschritt gesündere Arbeitsräume und verringerte die körperliche An¬ strengung. Im Gastgewerbe ist der technische Fort¬ schritt noch verhältnismäßig gering; er führte nicht zur Vergrößerung der Betriebseinheiten, sondern nur zur Verringerung der Beschäftigtenzahl. Die Nacht- und Sonntagsarbeit ist geblieben. Die Verkürzung der Arbeitszeit auf 48 Wochenstunden ist zwar im Kollektiv¬ vertrag festgelegt, hat sich aber tatsächlich noch nicht völlig durchgesetzt. Die Beschäftigung im Gastgewerbe ist nach wie vor meist mit schwerer körperlicher Be¬ anspruchung verbunden. Die Situation auf dem Arbeits¬ markt und die Struktur der gastgewerblichen Arbeit¬ nehmer ist also unbefriedigend und im Hinblick auf die Zukunft des österreichischen Fremdenverkehrs be¬ sorgniserregend. Notwendige Reformen und Maßnahmen Welche Maßnahmen notwendig wären, um die Fach¬ arbeiterkrise im Hotel- und Gastgewerbe im Hinblick auf die Erfordernisse des Fremdenverkehrs zu beheben, er¬ gibt sich von selbst. Vor allem ist eine bessere Berufs¬ ausbildung bei den Lehrberufen notwendig. Die jungen Kellner und Köche sollen den Anforderungen des mo¬ dernen Fremdenverkehrs gewachsen sein; es genügt daher nicht, sie in der traditionellen, unzulänglichen Meisterlehre heranzubilden. Andererseits verlangen ge¬ rade diese Berufe eine betriebsnahe Ausbildung, also praktisches Erlernen der notwendigen Fähigkeiten. Die Ausbildungsform, die diese beiden Forderungen berücksichtigt, scheint in der in Wien bereits seit Jahren erprobten „Sonderklassen-Vorlehre" gefunden zu sein. Die Lehrlinge besuchen vorerst ein Jahr lang nur die Berufsschule, um in täglichem theoretischen und prak¬ tischen Unterricht zuerst die wichtigsten Berufsgrund¬ lagen zu erlernen und auch die notwendige besondere Fremdenverkehrserziehung zu erhalten. Erst das zweite und dritte Lehrjahr verbringen die Lehrlinge in den Lehrbetrieben. Diese Kombination von Meisterlehre und Lehrwerkstätte hat sich nicht nur sehr gut bewährt, sondern ist auch verhältnismäßig billig. Ihre Mehrkosten gegenüber dem normalen Berufsschulunterricht betragen in Wien für zwei Sonderklassen pro Schuljahr 120.000 S. Dieser Betrag wird von der Gemeinde Wien, den gast¬ gewerblichen Unternehmerfachgruppen und der Ge¬ werkschaft der gastgewerblichen Arbeiter aufgebracht. Es ist bemerkenswert, daß sich ähnliche Ausbildungs¬ formen unabhängig voneinander in den USA, in Schwe¬ den, in Jugoslawien, in Norwegen und auch in anderen Fremdenverkehrsländern durchgesetzt haben. Auch für die angelernten gastgewerblichen Fach¬ arbeiter wäre eine systematische Schulung vor allem durch Fachkurse, die während der Wintermonate durch¬ geführt werden sollten, unbedingt notwendig, um die Wirkungen der außerordentlich starken Fluktuation zu bekämpfen. Alle diese Maßnahmen können freilich nur Erfolg haben, wenn durch Regelung der Arbeitsvermittlung dafür gesorgt wird, daß die ausgebildeten Fachkräfte auch Arbeitsplätze erhalten. Es müßte die Regel sein, daß zuerst die Facharbeiter und die berufszugehörigen Hilfskräfte beschäftigt und berufsfremde Arbeitskräfte erst bei zusätzlichem Bedarf zugelassen werden. Leider ist es in vielen gastgewerblichen Saisonbetrieben gerade umgekehrt. Im Interesse der Hebung der Fachleistung und Ver¬ minderung der Fluktuation der Arbeitnehmer im Gast¬ gewerbe müßte mit geeigneten Mitteln die Verlängerung der Saison angestrebt werden, um den Arbeitnehmern wenigstens eine Beschäftigung von fünf Monaten zu ge¬ währleisten, die ihnen denAnspruch auf das Arbeitslosen¬ geld sichert. Erst die planvolle Heranbildung der Fach¬ arbeiter und die Lenkung der Arbeitskräfte durch einen obligatorischen Arbeitsnachweis kann den Leistungs¬ standard heben und die Arbeitslosigkeit so vermindern, daß der Berufsflucht Einhalt geboten wird. Soziale Gleichstellung — Schlüssel zur Leistungs¬ steigerung Schließlich, aber nicht zuletzt, ist auch die soziale Gleichstellung der gastgewerblichen Arbeitnehmer mit den Dienstnehmern in anderen Wirtschaftszweigen eine unausweichliche Notwendigkeit. Wenigstens die Lohn- und Arbeitsbedingungen müssen annähernd die gleichen sein wie in anderen Berufen; nur dann werden sich auf die Dauer brauchbare Arbeitskräfte bereit finden, die berufsbedingten Erschwernisse, die eine Beschäftigung im Gastgewerbe mit sich bringt, willig zu tragen. Es muß auch angenommen werden, daß die Arbeits¬ losigkeit in Österreich in absehbarer Zeit behoben wird wie in allen zivilisierten Staaten. In den USA, den nor¬ dischen Staaten, England, der Schweiz kennt man keine nennenswerte Arbeitslosigkeit mehr. Nur in unstabilen oder unterentwickelten Ländern überschreitet die Ar¬ beitslosigkeit die erträgliche Grenze. Je mehr aber die Vollbeschäftigung erreicht wird, desto schwerer wird es sein, unter den gegenwärtig im Gastgewerbe be¬ stehenden sozial rückständigen Verhältnissen die Ar¬ beitskräfte zu sichern, die es benötigt. Hier entsteht für die Arbeitgebervertretung und für die Gewerkschaft der Arbeitnehmer eine große Verant¬ wortung. Die Unternehmer sind in der toten Saison die Stärkeren, die Gewerkschaft hätte es während der Frem¬ densaison leichter, Forderungen durchzusetzen. Aber soziale Kämpfe wirken sich im Fremdenverkehrssektor viel nachhaltiger aus als in Produktionsbetrieben. Das hat der große Streik in Frankreich im Sommer dieses Jahres gezeigt. Die beiden Interessenvertretungen müßten daher im Interesse des Fremdenverkehrs sozial gerechte Lohn- und Arbeitsbedingungen einvernehmlich festsetzen, ohne Rücksicht auf Außenseiter, die nicht verstehen wollen, daß sozialer Friede im Hotel- und Gastgewerbe eine der wichtigsten Voraussetzungen für die ganze Fremden¬ verkehrswirtschaft ist und daß soziale Gerechtigkeit auch im Gastgewerbe den Schlüssel zur Lösung aller Arbeitnehmerprobleme bildet. Schließlich kommt ein Großteil unserer ausländischen Gäste aus hochzivilisier¬ ten Ländern, und sie können sich in Österreich nicht wohl fühlen, wenn in den Fremdenverkehrsbetrieben soziale Disharmonien bestehen. Gerechte soziale Verhältnisse, Betriebsdemokratie und eine harmonische Betriebsatmosphäre können im Hotel- und Gastgewerbe entsprechend zu einer Lei¬ stungssteigerung beitragen, denn die persönlichen Lei¬ stungen der Arbeitnehmer sind wesentlich abhängig von ihrer wirtschaftlichen und sozialen Lage, und diese Leistungen sind es, die dazu beitragen können, aus Gästen dauernde Freunde Österreichs zu machen. OTTO LEICHTER (New York): Der amerikanische Süden und die Gewerkschaften Auf der Jahrestagung des Congress of Industrial Or¬ ganization in Cleveland ist, wie auf jeder größeren CIO-Tagung, die Rassenfrage besprochen worden. Im Süden der USA ist die Frage der Rassengleichberechti¬ gung vor allem eine Negerfrage. Im Westen, wo die