Neger kaum mehr hinter den Weißen zurückstehen, ist die Diskrimination gegen die Mexikaner, vor allem gegen die Wanderarbeiter aus Mexiko, ein ernstes Problem. In New York stehen vor allem die in den letzten Jahren zu Zehntausenden neu angekommenen Portorikaner auf der untersten Stufe der sozialen Leiter. Es wäre unauf¬ richtig, wollte man verschweigen, daß es auch einen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Antisemitismus gibt; in New York City, der größten jüdischen Siedlung, die es gegenwärtig in der Welt gibt — in New York City leben mehr Juden als im Staate Israel —, ist es zum Bei¬ spiel so gut wie ausgeschlossen, daß ein Jude in einem der großen Bankhäuser in der Wall Street eine An¬ stellung erhält: der amerikanische Finanzkapitalismus hat sich bisher so gut wie judenrein gehalten ... Die Industrialisierung im Süden Sosehr Rassenfragen in allen Teilen der Vereinigten Staaten eine gewisse Rolle spielen, so sind sie doch nirgendwo ein so bedeutsames soziales Problem wie im Süden. Und so viel andere Vorurteile sich auch hinter der Rassenfrage verbergen mögen, so ist ihr Kern doch im wesentlichen überall, und insbesondere im Süden, ein wirtschaftliches Problem. Die Rassenfrage dient dazu, den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt aufzuhalten und insbesondere die Arbeiter zu verhindern, sich ge¬ werkschaftlich zu organisieren. Auf diese einfache Formel darf man insbesondere im Süden die Rassenfrage brin¬ gen, so stark auch irrationale Elemente und alter Aber¬ glaube ihren Einfluß ausüben mögen. Man kann sogar sagen, daß die letzten Jahre diese rein wirtschaftliche Zuspitzung des Problems noch verschärft haben. Der Süden befindet sich in einem rasch fortschreiten¬ den Prozeß der Industrialisierung. Er hat mit dem zweiten Weltkrieg begonnen, hat während des koreanischen Krieges, als die amerikanische Industrie sich rasch aus¬ dehnte, große Fortschritte gemacht und ist insbesondere auch durch das von der Regierung zur Finanzierung der industriellen Expansion eingeführte Programm der raschen Steuerabschreibungen gefördert worden. Diese finanzielle Hilfe an die amerikanische Industrie bestand darin, daß die Regierung in Washington verschiedenen Industrien erlaubte, Ausgaben für die Neuerrichtung von Fabriken durch Abschreibungen, das heißt also durch eine buchmäßige Verringerung der Gewinne, demnach durch Steuergeschenke, hereinzubringen. Solche Steuer¬ abschreibungen wurden vielfach auch dazu verwendet, um die Wanderung der Industrie in den Süden zu begünstigen. Für die Industrie ist der Süden eine erwünschte Gegend, weil dort die Arbeitskräfte — unter ihnen viele Neger — billig und die Gewerkschaften noch schwach sind. Für die strategische Verteilung der Rüstungsindustrie über das ganze Gebiet der USA ist die Umsiedlung in den Süden erwünscht, weil er den industriellen Zentren entrückt ist und Atombomben¬ angriffe auf den Süden kaum für möglich gehalten werden. Die Abwanderung der Industrie in den Süden ist insbesondere für die Textilindustrie eine ernste Sorge. Ein Funktionär der Textilarbeitergewerkschaft aus Wor- cester in Massachusetts, Delegierter zum CIO-Kongreß in Cleveland, bezeichnete als die ernsteste Sorge der Gewerkschafter in Neu-England — dem ältesten indu¬ striellen Zentrum der Ostküste — die außerordentliche Konkurrenz der Textilbetriebe im Süden. Es gibt jetzt in Neu-England einen neuen Begriff: „Run-Away Facto- ries" (Davonlaufende Betriebe). Sie verlegen einen immer größeren Teil ihrer Produktion in den Süden, weil die Betriebe dort billiger arbeiten und, da sie neu sind, mit den modernsten Maschinen eingerichtet werden. In der Nähe von New York City gibt es zum Beispiel in einer der ältesten Hutfabriken seit Monaten einen Streik, weil ein Teil der Produktion bereits nach Texas verlegt worden ist und der Unternehmer sich weigert, eine kol¬ lektivvertragliche Garantie gegen eine weitere Abwande¬ rung in den nächsten drei Jahren zu gewähren. Aber gerade das Beispiel der Textilindustrie zeigt, daß die Konkurrenz des Südens nicht ausschließlich ein Neger-, sondern ein Gewerkschaftsproblem ist. Paul Christopher aus Knoxville, Tennessee, ist einer der besten Kenner der gewerkschaftlichen und wirtschaftlichen Lage im Süden. Als CIO-Direktor für den oberen Süden betreut er die Organisationen in den Staaten Virginia, Nord-Karolina, Kentucky und Tennessee, ein Terri¬ torium, ungefähr so groß wie Vorkriegsdeutschland. Auf die Frage: „Ist es die Negerarbeit in den Textilbetrieben des Südens, die den Lohndruck ermöglicht?" ist Chri¬ stophers Antwort: „Nein, in den Textilbetrieben des Südens, insbesondere in den Staaten, die ich betreue, sind auffallend wenig Neger beschäftigt. Es sind die weißen Arbeiter, die zu niedrigen Löhnen arbeiten müssen. Auch sie sind zum Teil nicht organisiert. Die Negerfrage dient nur dazu, die gewerkschaftliche Organi¬ sierung zu hemmen." Diese Einleitung führte zu einer allgemeinen Dis¬ kussion über die organisatorischen Verhältnisse im Süden. Christopher ist mit den praktischen, gewerk¬ schaftlich greifbaren Erfolgen im Süden nicht übermäßig zufrieden: „Was wir gegenwärtig machen, ist die grund¬ legende Arbeit. Praktische oder greifbare Resultate sind vielfach noch nicht wahrnehmbar. Wir haben gegen¬ wärtig im CIO den größten Stab von gewerkschaftlichen Organisationen, den wir jemals hatten. Wir arbeiten intensiver als je zuvor. Die Arbeit ist so organisiert, daß wir die Organisationsarbeit von den einzelnen Gewerk¬ schaften, die zuständig sind, besorgen lassen, aber ihnen für ihre Arbeit zur Verfügung stehen. Das ist jetzt unsere gegenwärtige Organisationspraxis im Süden und sie be¬ währt sich. Auf diese Weise wirken die bereits organi¬ sierten Mitglieder an der Gewinnung neuer mit." Der Widerstand gegen die Gewerkschaften wächst Im Zusammenhang mit der Gewinnung neuer Mit¬ glieder frage ich: „Wie steht es mit dem Widerstand gegen die Ausbreitung der Gewerkschaften? Spüren Sie im Süden verstärkte Hemmungen, und wie wirkt sich das Taft-Hartley-Gesetz bei der Mitgliederwerbung aus?" Christopher antwortet: „Der Widerstand der Unter¬ nehmer ist gegenwärtig viel größer. Der Taft Hartley Act macht die Werbung neuer Mitglieder, besonders im Süden, wo die Unternehmer entschlossen sind, ihn gegen die Gewerkschaften auszunützen, und wo sie auch von den »Politicians« (den Männern, die die politischen Maschinen kontrollieren) unterstützt werden, viel größer. Im allgemeinen kann man sagen, daß der Widerstand gegen die Gewerkschaften im Süden nun schon wiedei fast so groß ist wie in den dreißiger Jahren, bevor es die Arbeiterschutzgesetze und insbesondere den Wagner- Act1) gab." „Der Widerstand", erzählt Christopher, „beginnt bei den ersten Versuchen, eine gewerkschaftliche Organi¬ sation in einem Betrieb zu errichten; und sie beginnen bei den weißen Arbeitern. Gegen ihre gewerkschaftliche Organisierung wehren sich die Unternehmer am ent¬ schiedensten. Wir haben die allgemeine Erfahrung, daß sie die Rassenfrage immer dann aufbringen, wenn sie schon gar nichts mehr gegen die Ausbreitung der Ge¬ werkschaft tun können. Da werden die Unternehmer unter den Arbeitern Bilder verbreiten, auf denen Philip Murray — der verstorbene Präsident der CIO — gezeigt wird, wie er einen Händedruck mit einem Neger wech¬ selt. Und dazu werden die Unternehmer sagen: Wollt Ihr das? ... Und das wirkt am Anfang..." „Es mag unglaublich erscheinen", fügt Christopher hinzu, „aber wir müssen diesen Tatsachen in die Augen sehen. Wann immer wir einen Organisierungsversuch unternehmen, müssen wir erwarten, daß der Augenblick kommen wird, in dem wir die Rassenfrage mit den Leuten offen diskutieren müssen. Wir werden zunächst ') Dei Wagner-Act ist das Arbeitsrecht- und Gewerkschafts¬ gesetz, das von den amerikanischen Gewerkschaften als ihre cha™ angesehen wird und das durch den Taft Hartley Act abgelöst wurde. 12