darum mußte erst die Presse, wie einst vor Troja der Warner Laokoon, unter Zuhilfenahme der Hydra des Streiks mundtot gemacht, abgewürgt werden. Nichts von alledem haben diese Stüm¬ per, die Amerikaner, unternommen. Nicht einmal das Taft-Hartley-Gesetz, das den Solidaritätsstreik ausdrücklich verbietet, haben sie angewendet. Die Regierung hat nicht eingegriffen und niemand hat sich aufgeregt oder auch nur entrüstet. Die Lithographen waren in einen Lohnstreik getreten? Nun, es ist ihr gutes Recht, die einzige Ware, die sie besitzen, ihre Arbeitskraft, so teuer als möglich zu verkaufen. So wie es das gute Recht der Käufer dieser Ware war, eine Preiserhöhung abzu¬ lehnen. Man wird sich schließlich schon einigen, denn die Unternehmer möch¬ ten ihre Zeitung herausbringen, deren Nichterscheinen ihnen schwere Verluste verursacht, und die Arbeiter möchten arbeiten und ihren Lohn verdienen. Und so geschah's. Die neue Betriebsatmosphäre Aus den USA ist die Parole gekom¬ men, eine neue Betriebsatmosphäre zu schaffen, die Beziehungen zwischen Unternehmungsleitung und Betriebs¬ belegschaft näher, wärmer, mensch¬ licher zu gestalten. Die Anregung ist in Österreich auf fruchtbaren Boden ge¬ fallen, wie das nachfolgende Dokument beweist. Ein österreichisches Kartell der Textilindustrie sucht nach einem Aus¬ weg, um der Liberalisierung seiner Erzeugnisse zu entgehen. Wenn die freie Einfuhr gleicher Auslandswaren zuge¬ lassen wird, könnte die Konkurrenz die Kartellpreise gefährden. In diesem Augenblick der Gefahr geht man daran, „human relations" zu den Betriebsräten herzustellen, um sie ins Feuer zu schicken. Aus dem Protokoll der Versammlung des Kartells, auf dem diese Maßnahme ins Auge gefaßt wurde, entnehmen wir: „Eine Gefahr besteht in der Stellungnahme der Arbeiterkammer, welche an der Einfuhr von billigen Waren im Interesse der Kon¬ sumenten interessiert Ist. Der Vorsitzende hält es daher für wichtig, daß vor allem die Betriebsräte auf die große Gefahr der drohendgn Arbeitslosigkeit aufmerksam ge¬ macht werden, welche durch die Liberalisie¬ rung gegeben erscheint. Es kann damit ge¬ rechnet werden, daß die Betriebsräte auf die Gewerkschaft dementsprechend einwir¬ ken und damit die bevorstehenden Verhand¬ lungen mit der Arbeiterkammer günstig be¬ einflussen. Wir quittieren zunächst mit Dank die Anerkennung des von der gleichen Seite oft geleugneten Tatbestands, daß die Arbeiterkammer im Interesse der Kon¬ sumenten handelt. Dagegen will man die Betriebsräte mobilisieren, will ihnen weismachen, daß die Liberalisierung Arbeitslosigkeit nach sich zieht, wäh¬ rend in Wahrheit die überhöhten Preise den Verbrauch abschnüren. Mit einer Preisanpassung an das Weltmarkt¬ niveau würde man neue Käuferkreise gewinnen, den Absatz steigern und damit die Arbeitsplätze der Beschäf¬ tigten besser festigen als durch die Fernhaltung jeglicher Auslandskonkur¬ renz. Zu einer Preisherabsetzung kann aber nach jahrzehntelanger Erfahrung ein österreichisches Kartell nur unter dem Druck eines Wettbewerbs gebracht werden, den es nicht zu beherrschen vermag, eben eines ausländischen. Zeitgemäße Dogmatik Und nun, nachdem wir uns mit den Methoden vertraut gemacht haben, die von der österreichischen Unternehmer¬ schaft — nicht nur itn der Textilindu¬ strie — angewandt werden, um die Liberalisierung zu konterkarieren, wen¬ den wir uns der Lektüre eines Artikels zu, in dem die Industrie, das Organ der österreichischen Industriellenvereini¬ gung, der Arbeiterkammer „doktrinäre Haltung" und „unzeitgemäße Dogmatik" vorwirft, welche „die Wirtschaft" — die Wirtschaft, das sind diesmal sie allein, unter Ausschluß der Arbeitnehmer; die gehören nur dazu, wenn man glaubt, die Betriebsräte mißbrauchen zu kön¬ nen — „zu einem Vorgehen zwingt, mit dem sie sich keinesfalls auf die Dauer abfinden kann: zum Verzicht auf die Liberalisierung" — blutenden Herzens und tränenden Auges, wie alle Ein¬ geweihten wissen — „wichtiger Positio¬ nen infolge Verweigerung eines aus¬ reichenden Zollschutzes". Damit stellt sich zunächst die Frage: Was ist ausreichender Zollschutz? Oder anders formuliert: Wer bestimmt, wann Zollschutz ausreichend ist? Die Unter¬ nehmer meinen: sie allein. Ihre Methode ist sehr einfach. Wenn irgendwoher die Gefahr droht — erst droht, noch gar nicht eingetreten ist —, daß österreichi¬ sche Monopolistenpreise auf Auslands¬ angebote stoßen, gehen sie zur Bundes¬ wirtschaftskammer und verlangen eine so beiläufig über den Daumen, nicht zu knapp geschätzte Zollerhöhung. Sie behaupten, nur die Differenz zwischen dem inländischen Fabriksabgabe- und dem niedrigeren Importpreis aus¬ gleichen zu wollen. Darüber, daß die Arbeiterkammer die Behauptungen der Unternehmer nicht unbesehen für bare Münze nimmt, sondern eine Uberprü¬ fung fordert, ist die Industrie ehrlich empört. In jedem anderen Land würde „die Wirtschaft" selbst zunächst nach ande¬ ren Methoden suchen, um der ausländi¬ schen Konkurrenz standzuhalten. In Österreich wird diese Möglichkeit nicht einmal gedanklich in Erwägung gezo¬ gen. Es ist absolut nicht einzusehen, warum österreichische Unternehmun¬ gen, denen eine Arbeiterschaft und An¬ gestellte zur Verfügung stehen, die es an Fleiß, Geschicklichkeit und Können mit jedem Land aufnehmen und sich mit einer weitaus bescheideneren Lebenshaltung begnügen als die Arbeit¬ nehmer der Konkurrenzländer, dem Wettbewerb des Auslands nicht stand¬ zuhalten vermöchten. Wenn sie es nicht vermögen, dann kann das nur an den Unternehmungsleitungen liegen. Dafür aber den österreichischen Verbraucher zur Zahlung höherer als der Weltmarkt¬ preise heranzuziehen* ist Taschendieb¬ stahl. Immer wieder in diesen Monaten wiederholt sich zum Beispiel dieses: Da ist, meist mit starkem Einsatz von ERP-Krediten, die zu ausnahmsweise günstigen Bedingungen abgegeben wer¬ den, ein Betrieb ausgeweitet, rationali¬ siert oder neu gegründet worden, um die österreichische Wirtschaft mit einem Erzeugnis zu beliefern, das bisher aus dem Ausland bezogen wurde. Das ist sehr verdienstvoll; sinnvoll ist es aber nur, wenn dem österreichischen Markt dieses Produkt zu einem Preis zur Ver¬ fügung gestellt wird, der nicht höher ist als der Importpreis. Nun fordert man für diese Betriebe einen Schutz¬ zoll, offenbar doch nur, um ihn auf den Inlandspreis aufzuschlagen. Daß die Arbeiterkammer darauf nicht blind eingeht, ist eine doktrinäre Haltung und unzeitgemäße Dogmatik. Die Industrie meint, daß sie auf die Dogmatiker der Arbeiterkammer einen Eindruck mache, wenn sie ihnen mit den „einsichtigen, weil dem Wirt¬ schaftsleben näherstehenden Kreisen der SPÖ" droht, von denen sie behaup¬ tet, daß sie „die kompromißlose und kurzsichtige Haltung der Arbeiterkam¬ mer in der Zollfrage" nicht billigen, „zumal von der Ablehnung eines aus¬ reichenden Zollschutzes auch verstaat¬ lichte Betriebe betroffen werden". Sie erwartet, „die Dogmatiker der Arbeiter¬ kammer würden von den im prakti¬ schen Wirtschaftsleben stehenden Kräf¬ ten innerhalb der Sozialistischen Partei noch rechtzeitig zur Räson gebracht". Die Industrie verkennt aber völlig die Situation. Die Arbeiterkammern sind eine gesetzliche Interessenvertretung der Arbeiter und Angestellten, nicht eine sozialistische Parteiinstitution. Unseres Wissens sind es auch die ver¬ staatlichten Unternehmungen nicht. Mit Speck fängt man Mäuse, und so werden Kreise der SPÖ, die die Herren von der Industrie sonst nicht gerade mit Kosenamen belegen, mit dem Epitheton „einsichtig" ausgezeichnet. Wir fürchten, die Industrie wird ihre Falle vergebens mit einem so saftigen Köder ausgestattet haben. Noch ein doktrinärer Dogmatiker Der österreichische Volkswirt (27. 11. 1953) schreibt im Leitartikel: Wenn man ausländische Konkurrenz¬ industrien zum Vergleich heranzieht, so ist hervorzuheben, daß in der Schweiz seit Jahren die Textileinfuhr voll libe- ralisiert ist, hinsichtlich der meisten Positionen fast kein Zollschutz besteht und die Löhne weit höher als in Öster¬ reich sind; trotzdem gedeiht die dortige Textilindustrie sehr gut und beschäftigt alle verfügbaren Arbeiter; die öster¬ reichische Textilindustrie hat ungefähr die gleichen Frachtbedingungen wie die nächsten Textilzentren in Süddeutsch¬ land, Elsaß, Schweiz und Italien, zahlt bedeutend niedrigere Löhne und, soweit sie über eigene Wasserkräfte verfügt, niedrigere Kraftkosten. Sie hat — ab¬ gesehen natürlich von der Schweiz — eher kleinere Kriegsschäden als die aus¬ ländischen Konkurrenzbetriebe erlitten, aber an Kurswertdifferenzen und dann durch Rohmaterialzuteilungen zum offi¬ ziellen Devisenkurs seinerzeit Sonder¬ gewinne erzielt, die ein Vielfaches der Kriegsschäden ausmachen. Sie konnte ferner ihre Modernisierung zum Teil mit billigen ERP-Krediten und Devisen¬ zuweisungen zum offiziellen Kurs finan¬ zieren, so daß auch ihre Amortisations¬ quote eher niedriger als die der aus¬ ländischen Konkurrenzbetriebe ist. — Daß die Konsumentenvertreter dieser Industrie den Hochschutzzoll nicht auf dem Präsentierteller apportieren, sollte sogar die „Industrie" begreifen. 21