Herr Dr. Wesemann hält die Wirtschaft für „moralinfrei". Wir können ihm hierin nicht zustimmen. Vielmehr scheint uns die Wirtschaft ein Mittel zur Erieichung von Zielen zu sein, die sehr wohl durch den ethischen Aspekt bestimmt werden. Zur Erzielung eines höchstmöglichen Sozial¬ produkts sind deshalb nicht alle Mittel recht, und es wäre zu fragen, ob das höchstmögliche Sozialprodukt überhaupt Ziel der Wirtschaft ist. Das muß verneint werden, denn es gibt Lebenswerte, die durchaus jenseits des Sozialprodukts liegen — und ihre Anerkennung setzt die Soziali¬ sierung sofort in ein ganz anderes Licht. Die Verdopplung des Sozialprodukts als solche verspricht so lange keine Verbesse¬ rung der Sozialstruktur, als nicht auch etwas Positives über seine Zusammen¬ setzung und Verteilung ausgesagt wird. Die Tatsache ferner, daß es dem einen oder anderen gelingt, sozial beträchtlich aufzusteigen, sagt nicht das geringste darüber aus, ob soziale Aufstiegschancen objektiv jedem Gesellschaftsmitglied gege¬ ben sind. Es war verdienstvoll, die Rolle des Ver¬ brauchers in der Realwirtschaft aufzu¬ zeigen. Die wenn auch in ihrem Erfolg etwas zu optimistisch gemalten Ratschläge, die H. O. Wesemann den Hausfrauen er¬ teilt, sollten sich diese wohl zu Herzen nehmen. Auch seine Darstellung der Steuer¬ sünde ist gut und seine Auslassungen zur Wohnungsfrage enthalten wohlbegründete Gedankengänge. Es Ist schade, daß der Autor an vielen Stellen durch übertriebene Polemik den sachkundigen Interessenten abstößt, dem unbefangenen Leser aber Kernprobleme in falschem Licht erscheinen läßt. W. D. (Köln) Volkswirtschaftliche Buchführung, Druck und Verlag der Carl Ueberreuterschen Buch¬ druckerei und Schriftgießerei (M. Salzer), Wien IX, 1953. — Dieser Schrift gingen Das Volkseinkommen, Eine Einführung in die Probleme der volkswirtschaftlichen Gesamt¬ rechnung, mit der wir uns bereits in AuW, Novemberheft 1952, auseinandergesetzt ha¬ ben, ferner Beiträge zur Berechnung des österreichischen Volkseinkommens in den Jahren 1950 und 1951 voraus. Sie verfolgt den Zweck, eine Einführung in die praktische Tätigkeit der Forschungsstelle1), und zwar auf Grund des Kontensystems, zu geben, das erst den Namen einer „volkswirtschaftlichen Buchführung" rechtfertigt. Es wurde, wie die Einleitung hervorhebt, auf den Spuren älterer Versuche, die schon bis ins 17. Jahr¬ hundert zurückweisen, als makro-ökono- mische Forschung (zum Unterschied von der mifcro-ökonomischen in der Betriebswirt¬ schaftslehre) in den Jahren kurz vor dem zweiten Weltkrieg durch verschiedene Ge¬ lehrte westlicher Länder (Norwegen, Hol¬ land, England, USA) ausgebildet. Auch J. M. Keynes hatte daran wesentlichen An¬ teil. Nicht erwähnt wird jedoch, daß dieser noch in seinem Memorandum How to pay for the war? nach Kriegsbeginn sich auf Methoden älterer Autoren (Bowley, Stamp, Clark) auf Grund sekundärer Einkommens¬ statistik stützte und daß erst Stones Ein¬ treten in sein Amt beim britischen Finanz¬ ministerium die nachher auch in den USA epochale Wendung zur doppischen Kontie- rung und daher zum Social Accounting aus¬ löste. Es wird auch nicht erwähnt, daß alle früheren Arbeiten des Statistischen Zentral¬ amtes, so etwa in den Statistischen Nach¬ richten, seit dem Statistischen Kongreß in Washington, September 1946, von den nun¬ mehr aufgegriffenen Systemen völlig ab¬ weichende „objektiv"- und „subjektiv"- statistische Methoden anwandten, und daß erst durch den Verfasser dieser Zeilen in zahlreichen Aufsätzen und Vorträgen seit November 1949, so insbesondere in seinen Vorträgen zur Enquete im österreichischen Gewerbeverein (Frühjahr bis Herbst 1951) auf die Bedeutung dieses neuen Volkswirt¬ schaftsbilanzwesens an Stelle der bis dahin bloß geübten Volkseinkommensschätzung hingewiesen worden ist. Nun ist natürlich der Schritt von einer bloßen, zumeist noch vage geschätzten Volkswirtschaftsbilanz zu einer kontenmäßig durchgeführten Volkswirtschaftlichen Buch¬ führung beinahe ebenso groß und praktisch schwerwiegend wie der gekennzeichnete erste Schritt. Praktisch zeigt sich dies auch darin, daß, wie die Einleitung weiterhin auf Seite 7 einräumt, selbst schon die Zahlen¬ ergebnisse bei einer ersten, beiläufigen An¬ wendung der Kontenmethode von den früher angewandten sehr stark abweichen. Es ist hier um eine Umstellung nicht bloß der ') Forschungsstelle zur Aufstellung volks¬ wirtschaftlicher Bilanzen beim österreichi¬ schen Statistischen Zentralamt. statistischen Methoden, sondern der ganzen Volkswirtschafts- und Finanzpolitik zu tun. Die in der neuen Einführungsschrift ein¬ geschlagene Methode der Darstellung dieser Umstellung, zu der man sich nach langem Widerstreben doch entschloß, folgt im all¬ gemeinen einer Schrift des Amerikaners Richard Ruggles, der gemeinschaftlich mit dem erwähnten englischen Gelehrten Richard Stone auch an den einschlägigen Konten¬ plänen und den für diese werbenden Ver¬ öffentlichungen der UN und noch mehr der OEEC stark anregend beteiligt ist. Es wird zuerst von der Einzelbuchführung der Be¬ triebe, Unternehmen, Haushalte als soge¬ nannter Wirtschaftseinheiten ausgegangen, sodann gezeigt, wie die Wirtschaftsakte nach den Verfahren der kaufmännischen (doppischen) oder auch der kameralistischen (öffentlichen) Buchführung aufgezeichnet werden, ohne jedoch in deren Problematik in der Gestaltung der Kontenpläne, Konten¬ rahmen usw. tiefer einzudringen. Es wird nur die Unterscheidung von Bestandkonten und Erfolgskonten sowie gemischten Konten aus der Buchhaltungslehre angeführt, wo¬ bei der Leser selbst die Folgerung ziehen kann, daß jene in die VolksVermögens-, diese hingegen in die Volkseinkommens- Rechnung hinüberweist und endlich die ge¬ mischten Konten vielleicht auch eine Art Bedeutung für die wirtschaftliche Gesamt- buchführung gewinnen könnten. Einige An¬ deutungen in dieser Richtung finden sich beispielsweise im Beginn des Kapitels II, das den Titel Volkswirtschaftliche Buch¬ führung (National Accounting) führt. Hier ist es immerhin auf Seite 14 unten sehr begrüßenswert, daß die Volkseinkommens¬ berechnung als „im wesentlichen eine Er¬ folgsrechnung" bestimmt wird. Bis der Ver¬ fasser dieses auf diese Kennzeichnung auf¬ merksam machte, war man geneigt, sie ganz nach dem Schema eines Produktionskontos aufzufassen, also die jeweils produzierte Menge an bewertbaren Gütern und Diensten statt der sozialwirtschaftlich relevanten Transaktionen, wie das die Buchführungs¬ methode selbst mit sich bringt, zugrunde zu legen. Allerdings zeigen die hier anschließenden Ausführungen, vor allem das umfängliche Kapitel über Die Grundkonten (S. 23), daß hier noch keine restlos befriedigende Klä¬ rung eingetreten ist. Das doppische Prinzip, nach welchem „jedem Ausgang bei einer Wirtschaftseinheit ein Eingang bei einer oder mehreren anderen Wirtschaftseinhei¬ ten" entspricht, wird nämlich zwar ziemlich folgerichtig angewendet, wie das auch die im Anhang S 84 ff. abgedruckten Konten¬ übersichten zeigen. Aber es ist schon frag¬ lich, ob in der Tat die angenommenen drei Funktionen, nämlich Produktion, Konsum und Vermögensvermehrung, dazu noch etwa jene des Verkehrs einer Wirtschaftseinheit mit anderen Wirtschaftseinheiten „sämtliche relevanten Wirtschaftsakte innerhalb einer Volkswirtschaft während einer bestimmten Zeitperiode" erschöpfen (vgl. S. 15 mit S. 24). Man kann mit Nachdruck oder Zwang wohl auch den Staatshaushalt und das Steuer¬ wesen, das Kreditwesen mit seiner über die erfaßte Periode weit hinausreichenden Vor¬ ausbelastung, auch etwa die schöpferische Leistung in Erfindung, Wissenschaft, - Er¬ ziehung, Kunst, Recht, Vor- und Fürsorge usw. recht und schlecht unter solch ein Schema bringen. Doch wird dann stets sehr vieles einzelne, so wie schon jetzt bei einem engen materiellen Begriff von Wirtschaft, etwa Naturalleistungen, Hausfrauenleistun¬ gen und andere, außerhalb des Systems oder, wenn innerhalb desselben, an einem unzukömmlichen Ort verbleiben (so vor allem viele sogenannte Dienste); und das System wird dadurch weniger geeignet sein, die ihm schon jetzt (S. 36) gestellten kon¬ junkturpolitischen Aufgaben (Zukunftsvor¬ hersage und -beeinflussung) zu erfüllen, geschweige denn auf seiner Basis die über¬ all so dringend nötigen Aufgaben einer Leistungssteigerung durch Verwaltungs- und Finanzreformen, auch Gesetzgebungsrefor¬ men in Angriff zu nehmen. Begrüßenswert, wenn auch dürftig, sind die Ausführungen, die im Abschnitt Die Sektoren (S. 17 f.) gemacht werden. Über den Wirtschaftseinheiten, wie Betrieben (der Begriff Betrieb wird übrigens in dieser Schrift geradezu vermieden, obwohl er sich mit dem sehr oft gebrauchten der Unter¬ nehmung selten deckt), Familienhaushalten, überhaupt privaten Konsumentenhaushalten, öffentlichen Haushalten, wölben sich näm¬ lich in der Wirklichkeit Verbände, Branchen- und Berufsgruppeti und dergleichen mehr. Und ohne Zweifel ist die eigentliche Auf¬ gabe der Gesamtbuchführung einer Volks¬ wirtschaft — hier in den Ausdruck Wirt¬ schaft auch den Endverbrauch der Güter, das ist die Konsumentenfunktion, die er¬ zieherische ideelle Leistung der Kultur¬ tätigkeiten, die Ordnungs- und Verwaltungs¬ funktion der öffentlichen Einheiten, die Kreditfunktion und anderes mit einbezo¬ gen — darin zu erblicken, für diese höheren Zwischenglieder zur Gesamt-Volkswirtschaft einfache Kontenbegrenzungen zu finden. Das hier gezeigte System kennt in der Haupt¬ sache nur drei Sektoren, nämlich den Unter¬ nehmungssektor, den Haushaltesektor und den öffentlichen Sektor. Als höchster Gipfel dieser Ordnung wird S. 32/3 die von R. Rugg¬ les nach W. Leontjew ausgearbeitete lnput- Output-Tabelle vorgezeigt, die eine wenn auch unvollständige Untergliederung nach Branchen („Industries") und andere mehr aufweist. Daß der hierin zum Ausdruck kommende Versuch, eine Gesamtüberschau aller Vorgänge in Tabellenform (also auch über die doppische Kontenform hinaus) zu gewinnen, wiederum einen wesentlichen Schritt vorwärts im System der Gesamt¬ buchhaltung bedeutet, ist vom Verfasser selbst wiederholt betont worden. Völlig ver¬ fehlt wäre es jedoch, in ihr bereits den Ab¬ schluß der Entwicklung zu erblicken. Gleich¬ wie bereits die Kontenform über die bis¬ herige Statistik weit hinausweist, so ist das auch mit der Tabellenform der Fall. Ähnlich wie die Geschäftsbuchhaltung und Betriebs¬ buchhaltung (dieser wird überhaupt nir¬ gends Erwähnung getan!) darauf hinzielen, schließlich den ganzen Geschäfts- und Pro¬ duktionsbetrieb einer Unternehmung zu durchdringen und zu formen, so auch die volkswirtschaftliche beziehungsweise die gesellschaftliche Gesamtbuchführung. Der Rationalisierungs-, Produktivierungs- und somit Reformzweck wird die Entwicklung bis zur natürlichen Systematik formen. Weil freilich dieser Endzweck, bisher kaum gesehen, von vielen ausländischen Autoren aber immerhin in der Praxis längst betätigt und geahnt wurde, sind auch die beiden weiteren Kapitel III und IV, über den Zweck und die Vorteile sowie das Einheits¬ system der volkswirtschaftlichen Buchfüh¬ rung, noch ziemlich dürftig und unbefriedi¬ gend zu nennen. Immerhin wird schon ein¬ geräumt, daß es sehr viele praktische Auswertungsmöglichkeiten des Systems in der Wirtschafts-, Sozial- und Finanzpolitik gibt und daß für diese Möglichkeit das Kontensystem die entscheidende Erfindung (wie in der Privatbuchhaltung) bildet. Die Darstellung des Einheitssystems schließt sich ohne durchgreifende neue Gedanken oder gar Kritik den von der OEEC in rascher Folge vorgelegten und noch längst nicht abgeschlossenen Mustern (Standardized System, dazu Kontenentwurf der UN und andere mehr) an. Man muß diese Darstel¬ lung in der Hauptsache als zum Teil ver¬ kürzte Übersetzung der einschlägigen Denk¬ schriften hinnehmen und die etwa die Hälfte des Buches einnehmenden, zuvor besprochenen Kapitel I bis IV als Versuch, gleichsam dazu eine Einführung zu geben. Grundsätzlich sei hier nur hinzugefügt, daß als Grundfehler aller bisherigen Systeme wahrscheinlich die Bevorzugung des perso¬ nellen Begriffs (s. S. 41 f), das ist des Perso¬ nalprinzips, anzusehen ist, wie es das öffent¬ liche und private Recht, Steuerwesen usw. vorwiegend bestimmt. Ist es zum Beispiel wirklich notwendig, den Unternehmungs¬ sektor (Business Enterprises), also die eigentliche Güterproduktion (güterproduzie¬ rende „Wirtschaft") völlig nach dem Prinzip des Eigentums oder Besitzes aufzufassen, da ja doch diese beiden nach dem neuen (betriebswirtschaftlichen) Kapitalsbegriff nur Passivbelastungen im Vergleich zu den positiven sachlichen Funktionen der Be¬ triebe ausmachen? Gleiches gilt aber weit¬ gehend auch für die Privat- und öffentlichen Haushalte: der Mensch vergeht, hingegen die Funktion und Aufgabe verbleibt. Diese Funktionen und Aufgaben rationell ver¬ gleichbar und, soweit notwendig, lenkbar zu machen — das ist die Aufgabe des Systems, das wir erstreben müssen, um so den Menschen gleichzeitig freier zu machen als er heute ist. So handelt es sich hier, auf einem Arbeits¬ feld, das vielen durch seine Zahlenmassen nüchtern und dürr und zugleich verdächtig erscheint, um eine mit Gefühl und Will®" anzufassende Zielsetzung, tatsächlich um die „eigenste Sache" jedes einzelnen von uns. DDr. Praxmarer Otto König, Praktische Redelehre. Ein Leitfaden zur Redeschulung. Forum-Verlag, Frankfurt-Wien; 141 Seiten, Preis 15 Schil¬ ling. — Der Verfasser, Nestor der öster¬ reichischen Volksbildungsbewegung, gibt in dem Büchlein weiter, was er selbst In jahr¬ zehntelanger Tätigkeit als Lehrer der Rhe¬ torik an Erfahrungen gesammelt hat. Nichts ist übersehen, was der werdende Redner be¬ achten muß: Körperhaltung und Gebärden¬ spiel, Stimme und Atmung, Phonetik, Stil und Grammatik der Sprache, Aufbau una 32