ARBEIT UND WIRTSCHAFT HERAUSGEBER ÖSTERREICHISCHER ARBEITERKAMMERTAG UND ÖSTERREICHISCHER G EWE R K S C H A FTS B U N D REDAKTEUR: ERNST LAKENBACHER 8. Jahrgang 1. Oktober 1954 N u m m e r 3 Dr. HEINZ KIENZL: Ein europäischer Wirtschaftsraum 38 Zoll- und Mautlinien in Deutschland lähmen den Verkehr im Inneren und bringen ungefähr dieselbe Wirkung hervor, wie wenn jedes Glied des menschlichen Körpers unterbunden wird, damit das Blut ja nicht in ein anderes überfließe. Friedrich List Die Bestrebungen zur wirtschaftlichen Integration Europas, zur Schaffung eines einheitlichen Wirtschafts¬ raumes, die in den Jahren als der Marshall-Plan seinen Höhepunkt erreichte, so vielversprechende Anfangs¬ erfolge erzielten, erlahmen seit etwa einem Jahr zu¬ sehends. Die Europäische Montanunion hält nicht, was sie versprochen hat. Der Plan einer Europäischen Agrar- union ist in der Mühle der landwirtschaftlichen Sonder- interessen der verschiedenen Länder zerrieben worden. Andere Pläne für eine sektorenweise Integration wie „der weiße Pool" (Integration der Energiewirtschaft), der Transportpool usw. sind über das Stadium akademischer Behandlung nicht hinausgediehen. Die OEEC und ihr hauptsächlichstes Organ, die Europäische Zahlungs¬ union, funktionieren noch immer zufriedenstellend, das Europäische Produktivitätsamt beginnt sogar, weit¬ greifende Pläne für gesamteuropäische Projekte zu ent¬ wickeln. Diese Aktivität kann jedoch nicht darüber hin¬ wegtäuschen, daß der zunehmende isolationistische Zug in der Politik der USA den europäischen Integrations¬ bestrebungen die wirksamste Kraft entzogen hat, daß Zollmauern eher aufgebaut als abgetragen werden und daß in den europäischen Staaten der wirtschaftliche Nationalismus, das Bestreben, auch die kleinsten Privi¬ legien und Interventionsmöglichkeiten, die die Wirt¬ schaftspolitik im engsten nationalen Rahmen bietet, mit allen Mitteln zu verteidigen, eine starke Initiative der europäischen Staaten, die an die Stelle des amerika¬ nischen Impetus hätte treten müsssen, nicht zustande kommen ließ. Das Erlahmen der europäischen Integrationsbestre¬ bungen mag in jenen industriellen Kreisen, die in jahr¬ zehntelanger Arbeit Schutzwälle des Protektionismus um ihren Profit aufgezogen haben, und bei jenen, die von östlichen Eingebungen dirigiert werden, Gefühle der Erleichterung hervorrufen. Verantwortungsvolle Wirt¬ schaftspolitiker und vor allem die Vertreter der Arbeiter und Angestellten hätten jedoch allen Anlaß, durch diese Entwicklung mehr als beunruhigt zu sein. Handelspolitische Argumente für die Integration Daß die modernen Produktionsmethoden Märkte er¬ fordern, die weit größer sind als die europäischen Klein¬ staaten, die in vielen Fällen auch größer sein müßten als die europäischen Mittelstaaten (von Großstaaten kann ja in Europa kaum mehr die Rede sein), liegt auf der Hand. Die Maschinen- und Autoindustrie, die feinmechanische und die Uhrenindustrie, die chemische Industrie sind in allen europäischen Staaten gezwungen, zur Ausnützung ihrer Kapazitäten, die ihnen durch technologische Zweck- mäßigkeitserwägungen vorgeschrieben sind, über die meist engen Grenzen ihrer Heimatländer hinaus Absatz¬ märkte zu suchen. Während so auf der einen Seite die Produktionsverhältnisse die Grenzen sprengen, ver¬ kleinern sich die Wirtschaftsräume der ehemaligen euro¬ päischen Kolonialstaaten durch die kolonialen Eman¬ zipationsbestrebungen. Der Zeitpunkt kann nicht mehr fern sein, in dem kein europäisches Land mehr über geschützte ausländische Märkte verfügt, und in diesem Zeitpunkt werden die auf größere Absatzmärkte zu¬ geschnittenen Industrien über die nun enger gewordenen Grenzen mit aller Macht hinausdrängen. Die Alternative zu der notwendigen Vergrößerung der Wirtschaftsräume durch Zusammenschluß wäre ein letzten Endes vernich¬ tender Wirtschaftskrieg aller europäischen Länder gegen alle, der mit den Waffen des Zolles, der direkten Export¬ subventionen, der mengenmäßigen Einfuhrbeschränkun¬ gen, der versteckten Exportsubventionen in Form von Steuerbegünstigungen, Kursänderungen usw. geführt werden würde. Nicht zu reden von den politischen Druck¬ mitteln, die die großen Staaten gegen die kleineren Staa¬ ten in Anwendung bringen würden. Von den mehr technisch bedingten Gründen für eine wirtschaftliche Integration abgesehen, sprechen aber auch geopolitische Erwägungen für einen derartigen Schritt. Daß der Sowjetblock wie in der Vergangenheit auch sicher in der Zukunft eine Wirtschaftspolitik trei¬ ben wird, die die internationale Arbeitsteilung zwischen dem Sowjetblock und der übrigen Welt unmöglich macht, ist in der Natur der sowjetischen Wirtschafts¬ politik begründet. Man kann das begrüßen oder ver¬ dammen, es ist eine Tatsache, ebenso wie die Existenz des Dollarblocks. Denn auch der zweite große Währungs¬ block, vor allem sein Kern, die USA, zeigt sehr deut¬ liche Ansätze einer Wirtschaftspolitik, die zu einer rasch zunehmenden Verringerung des Warenaustausches mit der übrigen Welt führen werden. War bis in die jüngste Vergangenheit die Unfähigkeit der europäischen Industrie, mit den Preisen der USA zu konkurrieren, ein wichtiger Grund für den Mangel an Dollardevisen, die Dollarlücke und damit für das An¬ wachsen eines freieren Welthandels, und war es früher der nachkriegsbedingte Warenmangel in Europa über¬ haupt, so wird nunmehr die Dollarlücke in immer stär¬ kerem Maß durch einfuhrbehindernde protektionistische Maßnahmen aller Art hervorgerufen. Bemühungen der Regierung der USA, die protektionistischen Kräfte ihres Landes im Zeitpunkt einer einzigartigen Prosperität zurückzudrängen, sind völlig gescheitert, und es ist kaum zu bezweifeln, daß bei den in der letzten Zeit eingetrete- 65