In der Wirtschaftsliteratur wird oft die Meinung ver¬ treten, daß Lohnbewegungen sich überhaupt nur auf so¬ genannte „Abgeltungen" zu beschränken hätten7). Dieser Auffassung kann nicht beigepflichtet werden. Dem ursprünglichen Ziel des gewerkschaftlichen Kampfes wird erst entsprochen, wenn es gelingt, nicht nur Veränderungen der Lebenshaltungskosten und der Produktivität lohnmäßig zu kompensieren, sondern dar¬ über hinaus die Löhne und Gehälter zu Lasten der Unter¬ nehmergewinne, der Einkünfte aus Kapitalverzinsung oder verschiedener Monopolrenten zu erhöhen. Aus der 7) Prof. Goetz Briefs vertritt diesen Standpunkt in seinem erst vor wenigen Monaten erschienenen Buch „Das Gewerkschafts¬ problem gestern und heute". Er sagt: „Sofern sich die gewerkschaft¬ liche Lohnpolitik innerhalb der Rate des Produktionszuwachses bewegt, isi sie wirtschaftlich vernünftig und durchaus vertretbar. Anderenfalls verpufft sie entweder inflatorisch oder in zusätzlicher Arbeitslosigkeit." Damit wird jede Hoffnung auf höhere Löhne zu Lasten anderer Einkommen zunichte gemacht. Verfolgung dieses Zieles muß sich noch keineswegs eine „inflationistische" Situation ergeben. In Zeiten einer wirtschaftlichen Belebung sind übri¬ gens die Unternehmer auf jeden Fall bestrebt, höhere Preise zu erzielen. Die Marktsituation auszunützen, ist eine Unternehmerfunktion, und es bedarf nicht erst steigender Löhne, um die Manager zu Preiskorrekturen nach oben zu ermuntern. Monopole und Kartelle ver¬ langen unabhängig von der Konjunktur ständig und ohne Rücksicht auf die Lohnhöhe jene Preise, die der Markt verträgt und höchstmögliche Gewinne sichern. Wer nicht bereit ist, gegen diese Gefährdung unserer wirtschaft¬ lichen Stabilität etwas zu unternehmen, verwirkt das Recht, den Gewerkschaften Vorschriften für ihr Ver¬ halten zu machen. Den zweiten Teil des Referates bringen wir in der nächsten Nummer dieser Zeitschrift. Von der marxistischen und der humanistischen Sozialpolitik Wir haben in Österreich eine Reihe von kapital¬ abhängigen Organen — sie selbst bezeichnen sich als unabhängig —, die sich ernstlich einbilden, daß sie die öffentliche Meinung des Landes repräsentieren. Wie irrig diese Meinung ist, hat man beim Abschluß des Allgemeinen Sozialversicherungsgesetzes (ASVG) ge¬ sehen, als sie sich nach bestem Wissen und Gewissen bemühten, der Weisung der sozialreaktionären Indu¬ striellenorganisation gemäß, dessen Gesetzwerdung zu verhindern. Es gelang ihnen daneben. Die meisten der unabhängigen Blätter haben von dieser einen Riesenblamage genug gehabt. Nicht so ihr prominentestes, die Salzburger Nachrichten. Sie setzen die Kampagne gegen die Sozialversicherung und alle Sozialpolitik fort. Der Chefredakteur des Blattes macht das auf seine Art; er gebraucht dabei eine Sprache, die an den besten Werken der pornographischen Weltliteratur geschult ist. Ein anderes Mitglied der Re¬ daktion, ein gewisser Herr Porta — wenn es wahr ist, daß er so heißt; in dieser Redaktion der Schwerbelasteten ist es nämlich üblich, die eigene Persönlichkeit hinter Decknamen zu verbergen —, liefert das, mit Verlaub ge¬ sagt, „wissenschaftliche" Werkzeug zum Kampf gegen die Sozialpolitik. Eine blinde Henne findet auch ein Korn. So ist dem Herrn Porta eine in Deutschland erschienene Broschüre in die Hand geraten, aus der er laufend Exzerpte als Originalartikel in den Salzburger Nachrichten publi¬ ziert. Auch diese Broschüre hat eine interessante Ge¬ schichte. In Deutschland, wo die Sozialpolitik und im besonderen die Sozialversicherung um Meilen hinter der Entwicklung, besonders der Entwicklung der Lebens¬ haltungskosten, zurückgeblieben ist, drängen die Massen nach ihrem Ausbau. Der Kanzler, Herr Dr. Adenauer, verspricht von Zeit zu Zeit die Sozialreform, möchte aber sein Versprechen nicht einhalten. Eines der Mittel, wie er ihm ausweicht, ist die Anstellung von immer neuen Studien über den rechten Weg zur Sozialreform. So hat Herr Adenauer vor einiger Zeit vier Herren Professoren, von ihm sorgfältig ausgewählte Professoren, damit beauftragt, eine Studie über die Sozialreform vor¬ zulegen. Das ist geschehen, und sie fiel genau so aus, wie sie sich Herr Adenauer gewünscht hat, als Studie gegen die Sozialreform. In Deutschland ist kein ernsthafter Sozialpolitiker Herrn Adenauer auf den Leim gegangen. Die Salzburger Nachrichten und ihr Herr Porta ver¬ suchen nun, ob es gelingen könnte, in Österreich Gimpel zu finden, die auf diesen Leim, made in Germany, hinein¬ fliegen. In der Arbeiter-Zeitung erschien am 24. September ein Artikel, der ein ernstes Problem, das Problem des alt¬ gewordenen Arbeiters oder Angestellten, der nach seinem Ausscheiden aus dem Betriebe im Alter Mühe hat, sich unter den plötzlich geänderten Lebensverhält¬ nissen zurechtzufinden, ernst und gewissenhaft behan¬ delt. Seine Tendenz ist in einem Absatz klar und knapp zusammengefaßt: Kein Mensch — das sei ganz deutlich ausgesprochen — will die Grenze für den Bezug der Altersrente erhöhen. Wir wollen aber, daß die Pensionisten nicht nur sozial, sondern, soweit dies möglich ist, auch psychisch geschützt sind. Sie sollen ihren Ruhestand nicht nur finanziell sorglos, sondern auch freudig und möglichst lange genießen. Herr Porta tut, als wäre er von diesem Artikel be¬ geistert. Er zitiert ihn absatzweise, selbstverständlich nur solche Absätze, die ihm in den Kram passen (Salzburger Nachrichten, 6. Oktober). Er schreibt geradezu vornehm und beinahe sachlich. Daß er auch anders kann, hat er einen Monat vorher, am 10. September bewiesen, als er von der „Patienten-Versklavung durch das Bonzen- ASVG" schrieb. Diesmal leitet er aus dem Artikel in der Arbeiter-Zeitung nur Lob für die sonst in den Salz¬ burger Nachrichten mit saftigen Beschimpfungen be¬ dachten Sozialisten ab: Auf einem Teilgebiet wenigstens, aber nicht auf dem geringsten, sehen so prominente Männer der österreichischen Sozialdemokratie wie die Maßgeblichen des SPÖ-Zentralorgans ein, daß ihre doktrinäre Sozialpolitik an der Grenze angelangt ist. Hier irrt der geschätzte Autor. Unser Freund Edgar Schranz, Mitarbeiter der Zeitschriften der Arbeiter¬ kammer Wien, ist kein Maßgeblicher des SPÖ-Zentral- organes, sondern ein Fachmann der Sozialversicherung, der er als Angestellter der Invalidenversicherungsanstalt und mit seiner von sachkundiger Hand geführten Feder in zahlreichen Artikeln dient. Die primitivste Fähigkeit, logisch zu denken, hätte auch einem Übelwollenden den Gedanken eingegeben, daß zwar die Arbeiterpension keine Lösung für das Problem der alten Arbeiter bietet, die plötzlich aus einem tätigen Leben herausgerissen und dem Müßiggang überantwortet werden, daß aber genau dasselbe Pro¬ blem bestünde, wenn die Unternehmer die Fünfundsech- zigjährigen entließen, ohne daß sie Anspruch auf Pension hätten, wie das bis 1938 in Österreich geschah. Nur daß damals zum Verlust der Betätigungsmöglichkeit noch der Hunger hinzutrat. Daß die Berufsfortsetzung älterer Arbeiter keinen Zusammenhang mit der Pension hat, beweist eine vom Internationalen Arbeitsamt in Genf herausgebrachte Statistik (Wiener Zeitung, 14. Oktober) aus der sich er¬ gibt, daß von 100 Männern über 65 Jahre in Österreich 31, in den USA aber 41 und in Frankreich sogar 54 noch berufstätig sind. Frankreich und die USA haben Alters¬ pensionen, die der österreichischen durchaus gleich¬ artig sind, ohne die Fortsetzung der Berufstätigkeit zu behindern. Die Lösung des Problems liegt eben auf einer anderen Ebene als in der Sozialversicherung. Was hat nun Herr Porta dem ASVG, wie es die 434