ARBEIT UNDWIRTSCHAFT HERAUSGEBER: �STERREICHISCHER ARBEITERKAMMERTAG UND �STERREICHISCHER GEWERKSCHAFTSBUND 13. Jahrgang 1. August 1959 Nr. 8 Paul Blau: Die neue Lage Die neue technische Entwicklung ist ein Faktum. An und f�r sich weder gut noch b�se, legt sie dem Men� schen immer neue Instrumente in die H�nde, die er nach seinem Gutd�nken zu Gedeih und Verderb verwenden kann. Bekanntlich hat er bisher einen wechselweisen Ge� brauch von den gelieferten M�glichkeiten gemacht, aber im Gesamtergebnis hat er dabei � rein �u�erlich � nicht schlecht abgeschnitten: Er ist Herr und Meister unseres Planeten, zur Zeit in rund 2900 Millionen Exemplaren vorhanden, hat seine durchschnittliche Lebensdauer, wenigstens in den modernen Industriel�ndern, wesentlich erh�ht und besitzt theoretisch durchaus die M�glichkeit, auch f�r die zwei Milliarden, denen es relativ (und leider auch zum gro�en Teil absolut) schlecht geht, ebenfalls Nahrung, Kleidung und Obdach zu sichern. Aber nun ist eine gro�e Nachdenklichkeit �ber ihn gekommen (wir wollen dies wenigstens zu seinen Gunsten annehmen): Die Rauchpilze der Atomexplosionen stehen als gewaltige Fragezeichen an seinem Horizont, und ein Seitenblick auf die Bev�lkerungsstatistik zeigt ihm, da� nicht nur seine wissenschaftlich-technische, sondern auch seine leibliche Fruchtbarkeit v�llig au�er Kontrolle zu geraten scheint.1 Betrachten wir zun�chst die technische Entwicklung, Begleiterin unseres Aufstieges aus den Urzeiten. Sie ist in ein Stadium getreten, in dem die Quantit�t des Neuen in die Qualit�t umschl�gt. Atomenergie, Automation, Kunststofferzeugung und Entwicklung der Kommunika� tionsmittel im Verkehr und Nachrichtenwesen �ber� sch�tten uns so st�rmisch mit ihren Errungenschaften, da� uns die F�lle des Gebotenen zu erdr�cken droht.2 Nun ist uns aber von einer �hnlich st�rmischen Entwick� lung des menschlichen Gehirns nichts bekannt, und die Folgen dieser Diskrepanz sind die Verdauungsbeschwer� den, die uns bei dem Versuch befallen, mit unserem Wissen^auf dem laufenden zu bleiben. Wir haben, in der j�ngeren Geschichte schon einen solchen �Qualit�tssprung" erlebt. Getragen von der Nutz� barmachung der Dampfkraft walzte die erste industrielle Revolution den Feudalismus nieder. Die gro�en Dampf� maschinen erzwangen die Konzentration der Produktion in den Fabriken, und der Kapitalismus k�nnte von poeti� schen Gem�tern mit einigem Recht als die �dampf� geborene Gesellschaftsordnung" besungen werden. Zwar h�tten Elektromotor und Explosionsmotor vom Stand� punkt der Energieversorgung aus wieder eine Dezentrali� sation der Produktion erm�glicht. Wahrscheinlich konnten bis zu einem gewissen Grad aus diesem Grunde Klein- und Mittelbetriebe �berleben. Es w�re reizvoll, zu unter� suchen, wieweit diese beiden Antriebsmaschinen die 1 Nach einer Studie des Wirtschafts- und Sozialrates der Vereinten Nationen (E/CN. 9/139, 21. Februar 1957) wuchs die Weltbev�lkerung von 1951 bis 1955 im Durchschnitt j�hrlich um 1,7 Prozent. Bei einer Fortsetzung dieser Wachstumsrate w�rde die Weltbev�lkerung 1970 zirka 3460, 1980 zirka 4080, 1990 zirka 4810 und im Jahre 2000 zirka 5680 Millionen erreichen. 1 Prof. H. B. G. Kasimir, Chef der Philips-Forschungslabora- torien in Holland, sch�tzte im Februar dieses Jahres die j�hr� liche Wachstumsrate unseres technisch-wissenschaftlichen Fort� schrittes auf 7 Prozent. Das bedeutet eine Verdoppelung alle zehn Jahre. 1999 w�rden als 16mal so viel technische Kenntnisse auf� geh�uft sein wie heute. Marxsche Konzentration des Kapitals verlangsamt haben, aber die Kapit'alintensivierung ging weiter und so ist es im gro�en und ganzen bei der Konzentration der Industrie geblieben, ja sie hat sich in den letzten Jahren noch weiter verst�rkt. Die erste industrielle Revolution war bekanntlich f�r die breiten Massen kein Honiglecken, und es hat recht lange gedauert, rund 150 Jahre, bis sie sich unter Ach und Krach (und die zwei Weltkriege geh�ren auch dazu) im dampfgeborenen Kapitalismus etwas wohnlicher ein� richten konnten. Dies geschah noch dazu gar nicht auf Kosten der Kapitalisten, sondern zu einem recht gro�en Teil auf Kosten der erw�hnten zwei Milliarden (damals eins bis eineinhalb Milliarden) Asiaten, Afrikaner und S�damerikaner. Aber mittlerweile hat uns die Entwicklung vor eine v�llig neue Situation gestellt. Die vier wichtigsten Merk� male der neuen Lage sind recht verschiedener Art, doch sie haben eines gemeinsam: ihre Erstmaligkeit in der neueren Geschichte. Das erste ist die M�glichkeit eines Selbstmordes der Menschheit. W�hrend fr�her g�ttliche oder unbekannte M�chte unsere Ausrottung durchf�hrten (mit Hilfe einer Sintflut) oder androhten (durch Zusammenst��e mit Ko� meten und andere kosmische Katastrophen) oder als sicher bevorstehend f�r den J�ngsten Tag versprachen, haben wir den Weltuntergang jetzt in die eigenen H�nde genommen. Er wird mit aller Sorgfalt und gro�en Kosten vorbereitet, und es ist anzunehmen, da� die Massen nur deshalb nicht dagegen rebellieren, weil die Lage so v�llig neu ist und weil die meisten den Umfang der Gefahr nicht kennen. Die Gefahr ist so gro�, da� sie �ber jedes Vorstellungsverm�gen hinausgeht.3 Wenn wir aber nicht im Wege eines Atomkrieges Selbstmord begehen, haben wir noch ein Mittel, um un� sere technische Zivilisation in K�rze ad absurdum zu f�hren: Das zweite Merkmal unserer Lage besteht darin, da� uns die unerh�rt gesteigerte Technik zu einem Raubbau an den nat�rlichen Reserven der Erde verlockt hat, der schon in der n�chsten oder �bern�chsten Generation zu ihrer Ersch�pfung f�hren mu�, wenn das Tempo der Verbrauchssteigerung anh�lt. Ein gutes Beispiel daf�r liefert das Erd�l: Der derzeitige Welt�lverbrauch liegt bei einer Milliarde Tonnen j�hrlich, steigt aber jedes Jahr um 7 Prozent. Nach optimistischen Sch�tzungen betragen die Welt�lvorr�te 200 Milliarden Tonnen. W�chst der Ver� brauch in der gleichen Weise wie bisher, werden wir 1990 schon 100 Milliarden Tonnen verbraucht haben und dann noch f�r 15 Jahre �ber �l verf�gen.4 (�brigens hat uns der Streit um die �lreserven in den letzten Jahren ' Eine �Standard"-Wasserstoffbombe hat die Sprengkraft von 20 Millionen Tonnen Trinitrotoluol und w�rde auf einer Fl�che von 11.300 Quadratkilometern alles Leben sofort vernichten. Eine Fl�che von 45.000 Quadratkilometern w�rde t�dlich radioaktiv verseucht. �sterreich hat rund 84.000 Quadratkilometer Boden� fl�che: zwei H-Bomben w�rden f�r uns gen�gen. Die USA k�nn� ten mit 200 solcher Bomben vernichtet werden. Tag und Nacht ist in Ost und West ein ungeheurer Apparat in Bereitschaft, um auf ein Signal Bomberverb�nde und Interkontinentalraketen mit H-Bomben und H-Sprengk�pfen auf die Reise zu schicken. 4 Nach E. F. Schumacher, British Coal Board, London. 225