ARBEIT UNDWIRTSCHAFT HERAUSGEBER: ÖSTERREICHISCHER ARBEITERKAMMERTAG UND ÖSTERREICHISCHER GEWERKSCHAFTSBUND 14. Jahrgang 1. September 1960 Nr. 9 Dr. Theodor Prager: Zur kapitalistischen Akkumulation Frau Joan Robinson, deren neueste Studie hier be¬ sprochen wird, ist Professor für Sozialökonomie an der Universität Cambridge (England). Sie ist die Verfasserin einer Reihe vielbeachteter Bücher. Eines davon, Marxian Economics, wurde im Rahmen der Schriftenreihe der Wiener Arbeiterkammer in der Übersetzung von Dr. Stefan Wirlandner (Marxsche Ökonomie) den deutschsprechenden Interessenten zugänglich gemacht. Frau Robinson wird heuer im Herbst auf Einladung der Wiener Arbeiter- fcammer in Wien einen Vortrag halten. Heutzutage spricht alle Welt von Wirtschaftsentwick¬ lung und wirtschaftlichem Wachstum. Man mißt, stellt Vergleiche an, diskutiert über Bedingungen, Ur¬ sachen und Folgen niedriger oder hoher, sinkender oder steigender Wachstumsraten von Nationaleinkommen, Ge¬ samtbeschäftigung, Produktivität. Man sorgt sich um die Investitionsquoten vom Nationaleinkommen, um die Aus¬ wirkungen dieser oder jener Währungs-, Finanz- und Konjunkturpolitik auf das wirtschaftliche Wachstum. Man betrachtet Veränderungen im Einkommensanteil verschie¬ dener gesellschaftlicher Schichten vom Gesichtspunkt ihrer wahrscheinlichen Auswirkungen auf globale Wachs¬ tumsraten. Man fragt nach den Gesetzmäßigkeiten der Kapitalsakkumulation. Für manche von uns ist zumindest die Fragestellung keineswegs neu. Für die zeitgenössische, an den akade¬ mischen Lehrstühlen etablierte bürgerliche National¬ ökonomie aber war sie die längste Zeit uninteressant, irrelevant, überholt, und jene, die hartnäckig an den zen¬ tralen Fragen der Klassiker (wie Smith, Ricardo und Marx) festhielten, bestenfalls geistreich-schrullige Ver¬ treter der ökonomischen Unterwelt (wie Keynes sie ein¬ mal nannte). Hundert Jahre lang, schreibt Joan Robinson im Vorwort zu ihrer Akkumulation des Kapitals/ ließen die Ökonomen die Theorie der Wirtschaftsdynamik links liegen, opferten sie der Diskussion um Marktbewegungen, um relative Preise. Erst in neueren Zeiten ist das Interesse an den klassischen Problemen des globalen Wachstums der Wirtschaft wiedererwacht. (Robinson, S. V.)2 Woran das liegt? Weniger wohl an irgendwelchen logischen Unzulänglichkeiten der „modernen" bürgerlichen Ökono¬ mie, sondern vielmehr daran, daß sich die Fragestellung 1 Joan Robinson: The Accumulation of Capital, London 1956, (Verlag MacMillan & Co., Ltd., 440 Seiten). ! „Das Wiederaufleben des Interesses an den klassischen Fragen bringt ein Wiederaufleben der klassischen Theorie. Vieles in den nachfolgenden Seiten wird dem gebildeten Leser über¬ raschend bekannt vorkommen. Ich selbst bin bei ihnen nicht im Weg des Studiums der Klassiker angelangt. Für mich präsentierte sich das Problem als eine Verallgemeinerung der Allgemeinen Theorie, das heißt, als Ausdehnung der Keynesschen kurzfristigen Analyse auf die langfristige Entwicklung." (S. VI.) Im übrigen beschränkt Mrs. Robinson ihre „dogmengeschichtlichen" Hinweise und die Polemik mit anderen Autoren im Interesse der Klarheit und Direktheit der Darstellung der materiellen Fragen auf ein Minimum. Keynes, Wicksell, Marshall und Kaiecki werden als „jene geistigen Vorfahren genannt, in deren Schuld wir alle stehen"; unter den zeitgenössischen Ökonomen nennt sie vor allem Harrod, Kaldor (diesen besonders) und Kahn. Von den Klassikern findet immerhin Ricardo ausdrücklich Erwähnung: „Ich fand viel Aufschlußreiches in Piero Sraffas Einführung zu Ricardos »Prinzipien«." Der Schreiber dieser Zeilen möchte be¬ haupten, daß Mrs. Robinson auch nicht wenig von Marx profitiert hat, ungeachtet der diesbezüglich sehr negativen Einschätzung durch R. Rosdolsky (siehe Arbeit und Wirtschaft, Nr. 6 und 7/1959) der „Neoklassiker", ihre analytischen Werkzeuge, ihre Lösungen als irrelevant erwiesen haben angesichts der dringenden und dräuenden Probleme der modernen Wirt¬ schaft. Denn was ist es, das heute „alle Welt" beschäftigt? Die eklatante Tatsache, daß das faktische wirtschaftliche Wachstum weit hinter dem potentiell möglichen zurück¬ bleibt. Das mag überraschend klingen, heute, da lange Zeitspannen der Hochkonjunktur in Westeuropa, Nord¬ amerika, Japan Steigerungen in Produktion, Beschäfti¬ gung, Nationaleinkommen gezeitigt haben wie kaum zuvor. Aber erstens ist es auch hier nicht ohne ernste Rück¬ schläge abgegangen, die auf die langfristige Wachstums¬ rate gedrückt haben, und zweitens sind die entwickelten Industriestaaten — eine für sie neue Entdeckung! — bei weitem nicht die ganze Welt. Es gibt riesige Bereiche mit äußerst niedriger (und äußerst langsamer) Wirtschafts¬ entwicklung, denen erstmalig ihre Unterentwicklung zum Bewußtsein kam, wobei sie merkten: es besteht kein zwingender Grund, daß das so sein, und noch weniger, daß es so bleiben muß. Und es gibt einen riesigen Bereich mit planwirtschaftlich orientierten Ländern, deren rapide Entwicklung eine augenfällige „Herausforderung" ist — den einen zur Nachahmung, den anderen zur Konkurrenz. Daher das neue und allgemeine Interesse an Wirtschafts¬ wachstum und -entwicklung, an Fragen der Akkumulation und der langfristigen Dynamik. Mit der herkömmlichen „neoklassisrihen" bürgerlichen Theorie (die etwa von Jevons und Marshall ihren Ausgang nimmt) läßt sich diesen Fragen nicht beikommen. „Die Theorie der Löhne und Profite", vermerkt Mrs. Robinson, „die den Hintergrund der neoklassischen Wirtschafts¬ doktrin abgibt, ist einigermaßen nebulos; erstens, weil die Hauptbetonung der Theorie auf den relativen Preisen liegt, so daß Fragen der Gesamtproduktion wenig behan¬ delt und schlecht umschrieben sind; und zweitens gilt die strenge Logik der Theorie für stationäre Zustände, wäh¬ ren die Argumente, die man daraus ableitet, weitgehend auf die Akkumulation angewendet werden, so daß es oft schwer ist, festzustellen, um welche Frage es sich eigent¬ lich handelt." (S. 390.) Zwar könne man an manches an¬ knüpfen, vor allem bei Keynes. Dieser behandle „ein echtes Problem — die Ursachen der Arbeitslosigkeit. Aber seine Analyse bewegt sich im Rahmen einer kurzen Frist, 'wo der Bestand an Kapital(gütern) und die Produktions¬ technik (starr) gegeben sind. Sie hinterließ ein weites Gebiet langfristiger Probleme, übersät mit den Scherben der statischen Theorie, und gab bloß einige vage Hinweise, wie das zerschmetterte Gebäude neu errichtet werden könne." (S. V.) Vielleicht, meint Mrs. Robinson, läßt sich die Frage nach der jeweiligen Akkumulationsrate überhaupt nicht ausschließlich durch rein ökonomische Analyse beantwor¬ ten. Wir wissen einiges über die oberen Grenzen, aber wenig darüber, was das Niveau bestimmt, auf welchem sich die Investitionstätigkeit faktisch festsetzt. Lebhafte Konkurrenz? Flotter technischer Fortschritt? Eine starke Tendenz zur Selbstfinanzierung? Hier laufen wir ständig Gefahr, Symptome mit Ursachen zu verwechseln. Oder 233