sollen wir gar zum „Unternehmergeist", gespeist aus den Quellen des Protestantismus, Zuflucht nehmen? Gewiß muß die ökonomische Analyse „durch eine Art verglei¬ chender historischer Anthropologie ergänzt werden. In¬ dessen hat aber die ökonomische Analyse ihre eigentliche Aufgabe noch keineswegs erfüllt, nämlich die Folgen und unmittelbaren Ursachen von Unterschieden wie von Än¬ derungen in der Rate der Akkumulation klarzustellen". (S. 56.) Und das ist das Ziel, das sich Mrs. Robinson in dem vorliegenden Werke stellt. Die kapitalistischen Spielregeln Es geht ihr dabei um die Akkumulation im Kapitalis¬ mus, einem „System, das sich nicht nur als lebensfähig, sondern auch als bemerkenswert produktiv in bezug auf den Wohlstand erwiesen hat". (S. 40.) Unter den „kapitali¬ stischen Spielregeln" gehören die Produktionsmittel einer kleinen Zahl von Personen, die die Arbeitskraft einer großen Zahl zu einem vertraglich festgesetzten Lohn kau¬ fen, ihre Arbeit organisieren und den Überschuß des Arbeitsproduktes über die Lohnsumme als Einkommen einstecken. (S. 5.) Profit ist ein Mittel zur Akkumulation: „Der Unternehmer sucht Profite zu machen, nicht um sich dem Konsum hinzugeben, sondern um sein Unter¬ nehmen zu erhalten und auszudehnen. Es geht darum, so viel Profit wie möglich zur Vergrößerung der Pro¬ duktionskapazität hineinzustecken." (S. 40.) Hätte der Rentier-Aspekt den Unternehmer-Aspekt überwogen, so wäre das System nicht so lange toleriert worden und hätte nicht so floriert wie es tatsächlich der Fall war. (S. 392.) Die kapitalistischen Spielregeln fördern die Gro߬ produktion und die Anwendung hochentwickelter Tech¬ niken. Die Unternehmer können große Massen von Ar¬ beitern einspannen und sich die Vorteile der Arbeits¬ teilung zunutze machen; „ihre große Finanzkraft erlaubt ihnen, ihre Arbeiter mit komplizierten Geräten auszu¬ rüsten, und der Kampf, die Konkurrenz zu unterbieten, zwingt sie dazu; dies erhöht die Leistung je Beschäftigten weit über das hinaus, was ein Handwerker leisten kann. Dadurch wird verhindert, daß die Kontrolle der Produk¬ tion, sofern einmal konzentriert vorhanden, wieder ge¬ streut wird, und so wird sichergestellt, daß die Spiel¬ regeln in Kraft bleiben". (S. 6.) Natürlich sind sie das Produkt eines Konflikts, dem zwischen Arbeit und Eigen¬ tum; aber dieser schuf erst die Voraussetzungen für eine Großproduktion, und die Spielregeln dienen eben dem Zweck, „Akkumulation und technischen Fortschritt unter Bedingungen der Ungewißheit und der unvollkommenen Kenntnis zu ermöglichen. Gewiß, zuviel Störungen, Be¬ trug und Konflikt würden eine Wirtschaft in Stücke reißen. Daß der Kapitalismus sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat, ist jedoch ein Beweis dafür, daß gewisse Prinzipien der Kohäsion in seine Konfusion eingebettet sind." (S. 60.) „Faktisch besteht die Existenzberechtigung der kapitalistischen Spielregeln darin, daß sie den tech¬ nischen Fortschritt begünstigen." (S. 65.) Womit Mrs. Robinson keinerlei moralisches Werturteil ver¬ bindet! Sie zeigt nicht nur im weiteren, wie prekär jegliche Stabilität auch im günstigsten Fall unter den kapitalistischen Spielregeln ist, sondern auch, daß sie gerade vom Standpunkt des technischen Fortschritts häufig versagen. Und die Feststellung bedeutet auch keinerlei Rechtfertigung des Privatbesitzes an Kapital oder der Kapitaleinkommen, etwa als „Lohn der Absti¬ nenz" oder des „Konsumverzichts durch Warten". „Der Lohn des Sparens ist ein Zuwachs an Vermögen, verbunden mit der Er¬ wartung künftiger zusätzlicher Einkommen. Gegenwärtige Ein¬ kommen aus Besitz können eventuell als Lohn früheren Sparens bezeichnet werden, aber es muß nicht der jetzige Eigentümer sein, der gespart hat; er kann zu seinem de-facto-Besitz an Ver¬ mögen auch durch Erbschaft oder durch andere — moralische oder unmoralische, legale oder illegale — Mittel gekommen sein. Da ferner vorwiegend aus Profiten gespart wird und die Real¬ löhne um so niedriger sind, je höher die Profitrate ist, wird die Abstinenz, die man mit dem Sparen verbindet, hauptsächlich von den Arbeitern geübt, die dafür keine »Belohnung« erhal¬ ten." (Seite 393.) Ähnlich ist es mit dem Begriff des „Wartens": „Arbeit braucht Zeit, aber die Zeit leistet keine Arbeit. Wo die Produktionsmittel — Land, Geräte, Material — nicht so reichlich vorhanden sind, um allen erdenklichen Anforderungen nachzu¬ kommen, muß es Eigentum geben, damit sie wirksam genützt 234 werden. Wenn die Spielregeln kollektives Eigentum ausschließen, muß es Privateigentum geben. Es ist die Knappheit an Kapital¬ gütern, nicht eine Produktivität der Zeit, die Einkommen aus Besitz ermöglicht... Auf eine nebulose Art und Weise wird der Besitz an Kapital mit der Idee einer Vermehrung des Bestands an Kapital vermengt, so daß die moralische Zustimmung, die die Tätigkeit des Sparens und Investierens gewöhnlich erhält, einen freundlichen Glanz auf die Tätigkeit des Einheimsens von Zinsen wirft." (S. 394.) „Kapital, gleichgültig wem es gehört, ist eine notwendige Voraussetzung, damit Arbeit und Naturreichtum produktiv sind. Aber es ist kein von ihnen unabhängiger Pro¬ duktionsfaktor." (S. 311.) Das analytische Grundmodell Zur Analyse der Ursachen und der Folgen unterschied¬ licher und sich verändernder Akkumulationsraten bedient sich Mrs. Robinson einer Reihe von „Modellen" zuneh¬ mender Kompliziertheit (und Wirklichkeitsnähe). Das heißt, die zunächst drastischen Vereinfachungen werden sukzessive modifiziert, die zunächst weitreichenden Ab¬ straktionen sukzessive abgebaut, die konkrete Vielfalt der Wechselwirkungen im realen Leben immer besser erfaßt. An dieser Vorgangsweise ist nichts Besonderes, es geht nur immer darum, ob „richtig" vereinfacht wird; darum, ob nicht von Wesentlichem, für die Wirklichkeit Entschei¬ dendem abstrahiert wird, so daß zwar (wie etwa bei der „statischen" Betrachtungsweise der „Neoklassiker") lo¬ gisch „alles in Ordnung" sein mag, das konstruierte Modell aber zur Erkenntnis dynamisdher Bewegungs¬ gesetze (wie der Akkumulation) irrelevant und daher un¬ brauchbar ist. Mrs. Robinson ist dieser Gefahren und der entsprechenden Anforderungen an den „Modellbau" in höchstem Maße gewärtig und ihr Wirklichkeitssinn ist ihrer überragenden Kraft der Logik durchaus ebenbürtig. Hier die wichtigeren Merkmale ihres grundlegenden „einfachen Modells" (S. 63 bis 71): Es gibt (zunächst) nur zwei Klassen: Arbeiter und Unternehmer. Die Arbeiter besitzen nur ihre Arbeitskraft, haben alle die gleiche Qualifikation und Leistungskraft und erhalten einen ein¬ heitlichen Lohn, den sie zur Gänze konsumieren. Die Unternehmer besitzen die Produktionsmittel und organi¬ sieren die Produktion; von ihrem Konsum (ihrer Eigen¬ schaft als „Rentiers") wird abstrahiert (in der späteren Modifizierung des Modells kommt auch der Rentier ins Bild und damit der Konsum aus Profiten). Die konsumier¬ baren Waren sind qualitativ unveränderlich, ebenso wie die Zusammensetzung des gesamten dem Konsum dienen¬ den „Warenkorbes". Der für einen bestimmten Produk¬ tionsfluß erforderliche Bestand an Produktionsmitteln ist durch die jeweilige Produktionstechnik starr bestimmt. Der technische Fortschritt (der in gewissem Sinne die Quintessenz des Kapitalismus und der kapitalistischen Akkumulation ist und von dem zu abstrahieren selbst im simpelsten Modell absurd wäre) verläuft (um Index- Schwierigkeiten'bei der Bewertung von Produktionsver¬ änderungen zu vermeiden) derart, daß Verbesserungen der Produktionsmethoden keinerlei Änderung in der Zu¬ sammensetzung des Warenkorbes bringen. Die Unter¬ nehmer rechnen mit gleichbleibenden Profitraten, erwar¬ ten einen gleichmäßigen technischen Fortschritt und neh¬ men Abschreibungen auf der Grundlage dieser Erwartun¬ gen vor. Es gibt keine knappen natürlichen Hilfsquellen, wie Mineralien oder Land (und daher keine Grund- oder Differentialrenten); sämtliche Produktionsmittel sind pro¬ duzierbar und reproduzierbar. Das Wachstum der Bevöl¬ kerung und des Arbeitskräftepotentials ist unabhängig von der Akkumulation. Die kapitalistischen Spielregeln sind seit langem in Kraft, die Mindestgröße der Unterneh¬ mungen ist ziemlich ansehnlich. Es herrscht laisser-faire, also keinerlei staatlicher Interventionismus in der Wirt¬ schaft. Es gibt keinen Außenhandel (geschlossene Wirt¬ schaft!). Es gibt keinerlei Kostenvorteile dank größerem Umfang oder größerer Stufenleiter der Produktion, und da auch Land nicht knapp (also frei verfügbar) ist, sind die Produktionskosten unabhängig vom Produktions- umfang. Auf Grund dieser drastisch vereinfachenden Annah¬ men (die der Reihe nach modifiziert werden) wird unter-