aufgenommen wurden). Was sich nun auf dem Arbeits¬ markt herausbildet, ist das bilaterale Monopol (E. Schnei¬ der, S. 320 ff. und S. 346 f.). Wenn wir bei der Termino¬ logie der Märchenwelt eine Anleihe machen, so ringen jetzt nicht mehr viele Zwerge, sondern zwei Riesen mit¬ einander. Dieses Phänomen des „collective bargaining" ist speziell in der angelsächsischen Wirtschaftswissenschaft eingehenden Untersuchungen unterzogen worden. Aus den zahlreichen theoretischen Erörterungen geht eines mit großer Sicherheit hervor: daß der Sachverhalt viel zu komplex ist, um ausschließlich mit den Mitteln der „reinen Theorie" bewältigt werden zu können. Das Ver¬ halten der beiden Marktparteien — Gewerkschaften und Unternehmerverbände — ist zu sehr von ständig wech¬ selnden, konkreten ökonomischen und sozialen Gegeben¬ heiten abhängig, als daß sich eine generelle Theorie ab¬ leiten ließe, die auch einen Aussagewert hat. Eine der jüngsten Publikationen auf diesem Gebiet, M. Bouchards „Lohntheorie und Kollektivverträge"8 wollen wir ab¬ schließend noch kurz besprechen. Die ökonomische Rolle der Gewerkschaft Nach Bouchard kann und wird es niemals das Ziel der Gewerkschaft sein, einen Lohn zu erzielen, der größer ist als das Produkt des Grenzarbeiters, oder die Zahl der Beschäftigten zu verringern. Daher ist die Rolle der Gewerkschaft „eher negativ", und „es ist übertrieben, ihre Stärice als monopolistische Macht zu qualifizieren": „Weit davon entfernt, eine monopolistische Situation zu er¬ zeugen, tritt sie in einen monopsonistischen Zusammen¬ hang9 ein, den sie zum Nutzen der Arbeiter zu korrigieren sucht." Der Gedanke Preisers ist also bei Bouchard bereits die Grundlage geworden. Für Bouchard übt daher die Gewerkschaft, obwohl unter keinem öffentlich-rechtlichen ? Maurice Bouchard, Theorie du Salaire et Conventions col- lectives, Montreal 1957. • Das Nachfragemonopol wird speziell im angloamerikani- schen Bereich oft als „Monopson" bezeichnet. Titel, „eine analoge Funktion aus wie der Staat, der teil¬ weise die monopolistische Ausbeutung des Konsumenten verhindert, indem er dem Monopol einen Preis aufzwingt, der den Grenzkosten gleich ist".10 Die Rolle der Gewerkschaft ist daher, um den wenig glücklichen Ausdruck Bouchards („negativ") zu ver¬ meiden, nicht offensiv, sondern defensiv: sie verhindert die monopsonistische Ausbeutung der Arbeiter. Bouchard zeigt dann selbst an einem Beispiel, daß das Eingreifen der Gewerkschaft zu einem Resultat führt, das erreicht worden wäre, wenn auf beiden Seiten vollständige Kon¬ kurrenz geherrscht hätte. Auch Bouchard ist also der An¬ sicht, die allgemein angenommene Obergrenze des Lohnes (Lohn gleich Produkt des Grenzarbeiters) werde nicht überschritten. Die vorliegende Betrachtung sollte keine geschlossene Theorie bieten, keinen Gegenbeweis gegen die Auffassung bilden, die Gewerkschaften hätten eine „Monopolstellung". Sie sollte nur zeigen, daß die Dinge viel komplizierter sind, als gemeinhin angenommen wird, und daß man sich die Sache etwas zu leicht macht, wenn man Gewerk¬ schaftsfreunde mit dem Hinweis auf monopolistische Praktiken abwimmelt. Die „Monopolstellung" der Ge¬ werkschaften ist keineswegs so unbestreitbar feststehend, wie es speziell neoliberale Autoren vorgeben. Es ist nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen, wenn Bouchard sagt: „Wenn es unbedingt notwendig ist, die Natur der gewerkschaftlichen Macht anzugeben, ist es besser, sie als eine Korrektur der monopsonistischen Macht des Unter¬ nehmers anzusehen, als sie ohne Einschränkung als mono¬ polistische Macht zu zeigen."11 " Beim Monopol ist nämlich der Preis im Gewinnmaximum stets höher als die Kosten des letzten Stückes Ware, das gerade noch produziert und abgesetzt wird (die sogenannten Grenz¬ kosten). 11 ,,S' il faut absolument preciser la nature du pouvoir 6cono- mique syndical, il vaut mieux le considerer comme une correc- tion du pouvoir monopsonique de l'employeur que de le presenter sans nuance comme un pouvoir monopolistique." Bouchard, op. cit., S. 237. Heiner Stempell (Köln): Die bundesdeutsche Krankenversicherung Wie sie ist und wie sie werden konnte Seit der letzten großen Reform der sozialen Krankenver¬ sicherung Deutschlands sind 50 Jahre vergangen. Seit¬ dem hat sich nicht allein in Deutschland mehr ereignet als sonst in einem Halbjahrhundert, aber die Kranken¬ versicherung hat ihre Bewährungsprobe gut, vielleicht sogar vorbildlich bestanden. Das Urteil wird der Sozial¬ geschichtsschreiber von morgen zu fällen haben. Nun aber sollten zu Nutz und Frommen der Krankenversicher¬ ten, also beileibe nicht etwa nur wegen Verstreichens einer langen Zeit, alle Erfahrungen des In- und Auslands verwertet werden. Erst in jüngster Vergangenheit hat sich beispielsweise gezeigt, wie überlastet die Krankenkassen nicht nur mit Auftragsangelegenheiten des Staates und anderer Sozial¬ leistungsträger sind: Aufeinanderfolgende, wahrscheinlich sogar unmittelbar zusammenhängende außerordentliche Hitze- und Grippewellen haben viele Kassen in härtere Bedrängnis gebracht als je zuvor. Freilich hat dazu auch ein Gesetz wesentlich beigetragen, das zwar gut gemeint, aber durchaus systemwidrig war: Man konnte einfach nicht mehr umhin, den Arbeiter hinsichtlich der Lohn¬ fortzahlung im Krankheitsfall dem Angestellten gleich¬ zustellen; man schloß einen Kompromiß, der einerseits den Arbeiter beschwichtigen, andererseits dem Arbeit¬ geber nicht weh tun sollte. Hauptleidtragende waren die Kassen, vor allem aber die Versicherten. Die Kassen mu߬ ten ihren Mitgliedern von Gesetzes wegen immer höhere Beiträge abfordern. Manche Ortskrankenkasse mußte den zuständigen Gemeindeverband um „die erforderliche Beihilfe aus eigenen Mitteln" ersuchen. Statt die Kassen, wie es risikogerecht wäre, vom Lohnersatz überhaupt zu befreien oder wenigstens für die ersten sechs Wochen der Arbeitsunfähigkeit wegen Krankheit zu entlasten, bürdete man ihnen noch mehr auf. Kurzum, der Arbeiter mußte die Wohltat der Quasi-Lohnfortzahlung selbst be¬ zahlen.1 Systemwidrige „Verbesserungen" scheinen sich also wirklich nicht zu bewähren. Trotzdem scheint die Bundes¬ regierung mutig genug zu sein, neue Systemwidrigkeiten zu versuchen. Ihr Entwurf eines Gesetzes zur Neuregelung der gesetzlichen Krankenversicherung läßt diesen Schluß zu. Damit wird nämlich vorgeschlagen, das herkömmliche Sach- oder Naturalleistungssystem mit dem sogenannten Kostenerstattungsverfahren der privaten Krankenver¬ sicherung zu koppeln. Besser verständlich ist das viel¬ leicht so: Zwar soll die Kasse die Leistungen des Arztes, des Apothekers usw. für den Versicherten wie bisher honorieren, aber nicht mehr pauschal durch einen ver¬ traglich vereinbarten Anteil amBeitragsaufkommen. Nach dem Entwurf müßte die Kasse auch weiterhin einen er¬ heblichen Anteil der Kosten jeder einzelnen Leistung für die Heilung des Versicherten erstatten, und ausgerechnet der kranke Versicherte müßte aus seiner Tasche ebenfalls für jede einzelne Leistung eine sogenannte „Inanspruch- 1 Übrigens hat man auch erkannt, daß sogar der 50prozentige Arbeitgeber-Beitragsanteil zur Sozialversicherung vom Arbeit¬ nehmer selbst verdient werden muß. 249