allerdings keine umfassende Regelung der arbeitsrechtlichen Beziehungen dar, sondern beschränkt sich lediglich auf die Angleichung der Rechte. Da aber nun die umfassende Arbeit des Sozialministeriums zur Diskussion vorliegt, wird der Arbeiterkammertag mit dem eigenen Entwurf vorerst nicht an die gesetzgebende Körperschaft herantreten. Sollte sich jedoch die Be¬ handlung des Entwurfes zum Arbeits¬ gesetzbuch längere Zeit verzögern, so könnte auf den Entwurf des Arbeiter¬ kammertages als vorläufige, aber rasch realisierbare Interimslösung zurückge¬ griffen werden. In diesem Falle könnte dieser in engen Grenzen gehaltene An¬ gleichungsentwurf des Arbeiterkammer¬ tages eine Vorstufe zu der angestreb¬ ten umfassenden Neugestaltung des ge¬ samten Arbeitsrechtes sein und diese Neugestaltung wesentlich erleichtern „Vollbeschäftigung" Zumindest während einiger Sommer¬ monate gibt es in Österreich sehr wenig Stellensuchende. Die „industrielle Re¬ servearmee" ist klein geworden. Im Winter ist das anders. Da gibt es reich¬ lich „disponible Arbeitskräfte", wie man in wissenschaftlicher Terminologie sagt. Der Herr Bundeskanzler hat sich aus¬ gerechnet, daß trotzdem in Österreich Vollbeschäftigung herrsche — im Durch¬ schnitt. Aber diesem Durchschnitt haftet so wie jedem Durchschnitt ein Fehler an. Er ist eine Abstraktion von der Wirklichkeit, und tausende Bedienstete aus dem Hotel- und Gastgewerbe und aus der Bauwirtschaft, die jedes Jahr monatelang arbeitslos sind, merken von der Vollbeschäftigung sehr wenig. Um das zu ändern, müßte noch vieles geschehen. Sorgen Man klagt über den Rückgang des Fremdenverkehrs; man spricht von sinkender Reiselust, und das Hotel- und Gastgewerbe zeigt sich darüber besorgt. Ist das schlechte Wetter an dem Rück¬ gang schuld? Es ist natürlich einer der Gründe für den schlechten Besuch. Aber da ist auch das unzulängliche Service, das allzu viele Betriebe ihren Kunden bieten. Man redet sich auf den Mangel an Personal aus und klagt, daß viele gute Kräfte ins Ausland gehen. Man sagt darüber auch den Reportern seine Meinung, aber man „vergißt" dabei gern die unsozialen Zustände zu schil¬ dern, die in vielen Fremdenverkehrs¬ betrieben herrschen. Man vergißt, dar¬ über zu reden, weil man sie ganz in der Ordnung findet. Ist es da ein Wunder, wenn so manche gute Arbeitskraft ins Ausland geht? Vulgärökonomie Um ein ideologisches Mäntelchen war das free enterprise niemals verlegen. Wie sollte es jetzt anders sein, da die USA wieder vor einer wirtschaftlichen Rezession zu stehen scheinen. Schuld sei beileibe nicht die unkontrollierte Investitionspolitik der Unternehmungen, welche Disparitäten zwischen Erzeugung und Bedarf geschaffen hat, schuld sei vielmehr, wie die Wiener „Presse" durchblicken läßt, die „von keiner¬ lei Konjunkturrücksichten beeinflußte Lohnpolitik der Gewerkschaften". „Auslese" Jeder Student, der alle Prüfungen mit Auszeichnung bestanden hat, wird durch die Promotio sub auspiciis praesidentis, die Überreichung des Doktordiploms in Anwesenheit des Staatsoberhauptes, geehrt. Jeder? Einstweilen ja! Aber man munkelt, daß es anders werden soll. Man spricht von einem Gesetzentwurf, in dem es heißt, daß man nur sub auspiciis promovieren kann, wenn man alle Prüfungen innerhalb „einer durch¬ schnittlich normalen Studiendauer" ab¬ gelegt hat. Das würde alle Studenten treffen, die keinen „gutsituierten" Vater haben. Denn welcher echte Werkstudent, der sich Leben und Studium selbst ver¬ dienen muß, kann schon sein Studium zeitgerecht beenden? Verletzte Menschenwürde In der Justiz ist man von der Brauch¬ barkeit des sogenannten Lügendetektors keineswegs restlos überzeugt. Tausende amerikanische Privatfirmen hingegen haben für ihn eine Verwendung ge¬ funden. Sie versuchten herauszufinden, ob der eine oder der andere Bedienstete etwas gestohlen hat. Zuerst probierte man den „lie detector" bei Leuten aus, die schon einmal gestohlen hatten. Dann entdeckte man ein neues Anwendungs¬ gebiet: man will bei neu aufgenom¬ menen Angestellten herausfinden, ob sie von der Konkurrenz als Spion geschickt wurden und ob der Stellenbewerber einen Dauerposten sucht oder nur vor¬ übergehenden Verdienst. Ist das noch mit der Freiheit des Arbeitnehmers und mit seiner Men¬ schenwürde zu vereinbaren? Startgleichheit Keines Menschen jährliche Leistung ist 10.000 Pfund Sterling wert, schrieb Arthur Lewis vor einigen Jahren. Denn niemand, so schrieb dieser bedeutende englische Nationalökonom, leiste 29mal so viel wie ein gewöhnlicher Arbeiter, OEEC-Revision perfekt Die Bestrebungen zur Revision der- OEEC, mit dem Ziel, auch den Verei¬ nigten Staaten und Kanada die Vollmit¬ gliedschaft in einer alle westeuro¬ päischen Länder umfassenden Wirt¬ schaftsorganisation zu ermöglichen, haben in den letzten Wochen eine deut¬ lichere Form angenommen.1 Ein Haupt¬ argument für die Umgestaltung der OEEC zur sogenannten OECD (Organi¬ sation for Economic Cooperation and Development) besagte ja bekanntlich, daß die Wirtschaftshilfe der westlichen Industrieländer an unterentwickelte Gebiete koordiniert und dadurch wirk¬ samer gemacht werden müßte. Hinter dieser Formel stand jedoch, allmählich immer mehr hervortretend, das Ansinnen vorerst der Nordameri¬ kaner und dann insbesondere Frank¬ reichs, die handelspolitischen Kompeten¬ zen der OEEC, die ihren eigentlichen Lebensinhalt ausmachten, zu beschrän¬ ken oder überhaupt zu beseitigen. Der- 1 Siehe den Beitrag „Liquidation oder Re¬ form der OEEC?", Arbeit und Wirtschaft, 6/1960, S. 165 ff. der damals 6 oder 7 Pfund in der Woche verdiente. Wie unlängst die Frankfurter All¬ gemeine Zeitung berichtete, halten die deutschen Unternehmungen nichts von solchen Feststellungen. Bereits 1958 gab es 104 deutsche Aktiengesellschaften, die ihren 435 Vorstandsmitgliedern jährlich mehr als je 122.700 D-Mark zahlten. An der Spitze standen zwölf Handelsgesell¬ schaften, die im Durchschnitt sogar Be¬ züge von 171.300 D-Mark gewährten, das sind mehr als eine Million Schilling. Warum das hier erzählt wird? Weil es bemerkenswert ist und weil es zeigt, daß die Herstellung des „gleichen Starts für alle" ein sehr schwieriges Problem dar¬ stellt. Man mache sich darüber keine Illusionen. 15 Millionen Kilogramm Marillen wurden heuer geerntet. Es war die beste Ernte seit vier Jahren, schrieb Die Presse. Und Das Kleine Volksblatt berichtete von einer Marillenschwemme. Es war allerdings eine Marillen¬ schwemme besonderer Art, nämlich eine, von der man kaum etwas merkte. Nur ganz wenige Tage gab es das Kilo¬ gramm Marillen um 5 Schilling. Dann stieg der Preis wieder stark an. Warum es trotz einer Rekordernte auf den Märkten nicht mehr Marillen gab? Weil die Bauern direkt an die Konsumenten verkauften, behaupten die einen, weil zu viel exportiert wurde, sagen die anderen; sogar in Italien interessierte man sich laut Presse heuer für unsere Marillen. Und wenn nicht exportiert worden wäre? Dann hätten tausende Steigen Marillen verfaulen müssen wie im Frühjahr das Gemüse. Denn die Spannen müssen angeblich gehalten werden. Auf Antrag der Arbeiterkammern und des Gewerkschaftsbundes sollen die Spannen des Obst- und Gemüsehandels jetzt von der Paritätischen Kommission überprüft werden. artigen Bestrebungen war nun die Mehrheit der westeuropäischen Regie¬ rungen, auch jene fast aller EWG-Part¬ ner und natürlich besonders die der EFTA-Mitglieder, abgeneigt, und sie versuchte, bei den verschiedenen Be¬ ratungen so viel wie möglich vom Wesentlichen der OEEC zu bewahren. So kam es zu Kompromissen, auf die wir noch genauer eingehen wollen. Ins¬ gesamt läuft jedoch, vor allem wegen der hartnäckigen Haltung Frankreichs und trotz verschiedener Konzessionen von seifen der USA, das Ergebnis der OEEC-Debatte eher auf eine Liquida¬ tion denn eine Revision hinaus. Die OECD scheint mehr der Versuch eines Alibis als der Ersatz für eine Einrich¬ tung zu sein, die beim Wiederaufbau der westeuropäischen Wirtschaft viele gute Dienste geleistet hat. Im einzelnen nahmen die Verhand¬ lungen zur Gründung der OECD fol¬ genden Gang: Die im Jänner 1960 von der Atlantischen Wirtschaftskonferenz mit der Erstellung der Reorganisations¬ vorschläge beauftragte Expertengruppe, genannt die „Vier Weisen", legte Mitte Internationale Wirtschaft 256