Josef Hindels — Vor 25 Jahren Als Österreich von Nazideutschland überfallen wurde Am 13. März 1938 gab es in unserem Land keinen in¬ nenpolitischen Regimewechsel, keinen von Österreichern herbeigeführten „Umbruch". Was sich damals ereignete, war das Schulbeispiel einer brutalen Annexion. Die überlegenen Militärstreitkräfte einer fremden Großmacht überfielen ein kleines Land und verkündeten nach voll¬ zogenem Gewaltakt: Dieser Staat hat aufgehört, zu existie¬ ren; er ist für immer von der Landkarte verschwunden. Und wie das bei Annexionen stets der Fall ist, wur¬ den die Eindringlinge nicht müde, alles zu beseitigen, was an die Geschichte, was an die nationale Eigenart der Unterworfenen erinnert: Sogar der Name „Österreich" mußte verschwinden. Nichts sollte mehr darauf auf¬ merksam machen, daß auf dem Territorium des annek¬ tierten Landes einst ein selbständiger Staat existiert hatte, dessen Bürger sich Österreicher nannten. Aber haben diese nicht selbst die Zerstörung ihrer staatlichen Souveräni¬ tät begrüßt? Es ist leider wahr: Eine hysterisch grölende Minderheit der österreichischen Bevölkerung hatte damals der Ver¬ gewaltigung des eigenen Landes zugestimmt. Und die Goebbelspropaganda hielt dieses beschämende Schauspiel der Selbsterniedrigung in Bild und Ton fest: Damit sollte vor allem dem Ausland bewiesen werden, wie glücklich die Österreicher waren, daß es kein Österreich mehr gab. Zum Symbol dieser frechen Geschichtslüge wurde das Bild vom hakenkreuzgeschmückten Wiener Heldenplatz, auf dem eine fanatisierte Menge dem „Führer" zujubelt. Was die Goebbelspropaganda freilich nicht zeigte, das waren die Transporte zehntausender österreichischer Patrioten in die Gestapokeller, Zuchthäuser und Kon¬ zentrationslager. Und was damals vom Ausland nicht ge¬ sehen wurde, nicht gesehen werden konnte, das waren die vielen aufrechten, anständig gebliebenen Österreicher, die zu Hause oder im Kreis zuverlässiger Freunde um Österreich trauerten und die braunen Horden verfluchten. Über den Verlauf jener dramatischen Entwicklung, die zum 13. März 1938 führte, liegen heute eine Reihe zeit¬ geschichtlicher Untersuchungen vor. Der Verfasser die¬ ses Artikels ist aber zu der Überzeugung gekommen, daß der Bericht eines Engländers, der jede Episode selbst mit¬ erlebte, uns heute, 25 Jahre später, noch immer viel zu mmm " * w 1938: Der Anfang vom Ende. Hitler und Himmler in Wien. sagen hat, wahrscheinlich mehr als die trockene Darstel¬ lung anderer, denen das persönliche Erlebnis fehlt oder die es verdrängt haben: Ich meine den Journalisten G. E. R. Gedye, Verfasser des Buches: „Die Bastionen fielen".1 Wer ist dieser englische Augenzeuge unserer tiefsten Erniedrigung? Gedye war fast zwanzig Jahre als Bericht¬ erstatter amerikanischer und englischer Zeitungen tätig. Die letzten Jahre, bis zu seiner Ausweisung durch die Gestapo, verbrachte er in Wien. Nach seiner Rückkehr ereignete sich etwas merkwürdiges, an das heute zu er¬ innern, von besonderer Bedeutung ist: Der englische Ver¬ lag, der das Buch „Die Bastionen fielen" bestellt hatte, lehnte nach Vorlage des Manuskriptes die Veröffentli¬ chung kategorisch ab. Und die konservative Londoner Zeitung „Daily Tele¬ graph" stellte Gedye ein ungeheuerliches, allen Traditio¬ nen englischer Fairness widersprechendes, Ultimatum: Entweder er verzichte darauf, seinen Erlebnisbericht aus der letzten Phase der österreichischen Tragödie zu publi¬ zieren oder er verliere seine Stelle als Korrespondent des „Daily Telegraph". 1 G. E. R. Gedye: Die Bastionen fielen. Übersetzt von Henriette Werner und Walter Hacker, Danubin-Verlag, Wien. 11