Die zweite Phase umfaßt die Jahre 1940 bis 1944. Sie wird in der erwähnten Broschüre als „Phase der Reife und Selbstbesinnung" bezeichnet. Ihre Träger waren — so paradox das auch für den Uneingeweihten klingen mag — die aus der KZ-Haft, meist nur vorübergehend, entlassenen österreichischen Patrioten. Nur wer diese eigenartige „Hochschulfunktion" der Konzentrationslager kennt, wird den geistigen Reifungsprozeß der Wider¬ standsbewegung nacherleben können: „In den Konzentrationslagern gab es in den Baracken und Arbeitskommandos Österreicher unterschiedlicher politischer und weltanschaulicher Herkunft. Da arbeitete in einem Stein¬ bruch ein gewesener christlichsozialer Minister neben einem früheren sozialdemokratischen Gewerkschaftssekretär. Und ein mit stinkendem Inhalt gefüllter Kübel mußte von einem katholischen Priester und einem sozialistischen Schrift¬ steller getragen werden. Das gemeinsame Erlebnis der KZ- Haft brachte diese Männer einander menschlich, bald aber auch politisch näher. Sie erkannten in kameradschaftlich geführten Diskussionen, daß sie trotz aller ideologischer Unterschiede, die weder ge¬ leugnet noch verwischt wurden, etwas gemeinsam hatten: Das Bekenntnis zu Österreich, verbunden mit dem glühenden Wunsch, dieses Österreich möge wieder frei und unabhängig werden." Die verschiedenen Widerstandsgruppen haben sich be¬ müht, alles in ihrer Kraft stehende zu tun, um das krieg¬ führende Nazideutschland zu schwächen, und den Alliier¬ ten zu helfen. Diese zutiefst defaitistische Haltung der Widerstandskämpfer war ein natürlicher Ausdruck ihres Patriotismus, ihrer Treue zum eigenen Vaterland: War es doch klar, daß die Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg die Voraussetzung für die Auferste¬ hung eines freien, unabhängigen Österreich war. Ein guter Österreicher konnte daher unter dem Begriff „Pflichterfüllung" nur eines verstehen: Es ist meine Pflicht, die deutsche Kriegsführung zu schädigen, die deutsche Niederlage zu beschleunigen. Ist doch jede „ver¬ räterische" Handlung gegen das Dritte Reich zugleich eine patriotische Tat für Österreich. Daß ein unter Zwang dem Todfeind des eigenen Lan¬ des geleisteter Eid von einem patriotischen Österreicher nicht gehalten werden konnte, nicht gehalten werden durfte, versteht sich wohl von selbst. Dieses Nicht-Ein¬ halten des Hitler geleisteten Eides spielte vor allem in der dritten Phase des Widerstandskampfes eine wesentliche Rolle als die Widerstandskämpfer in Teilen Österreichs zum bewaffneten Kampf gegen die deutsche Fremdherr¬ schaft übergingen, und es einzelnen von ihnen auch ge¬ lang, mit den Alliierten noch vor Kriegsende zu verhan¬ deln, wodurch die schlimmsten Zerstörungen, insbeson¬ dere in Wien, verhindert werden konnten. Nicht wenige Österreicher sind als Soldaten und Offi¬ ziere der deutschen Wehrmacht mit den Widerstandsgrup¬ pen im eigenen Land und mit den Nachrichtendiensten der Alliierten in Verbindung gestanden. Manche Nieder¬ lage der deutschen Wehrmacht ist auch auf das Wirken dieser aufrechten Österreicher, die im wahren Sinn des Wortes ihre Pflicht erfüllten, zurückzuführen. Wie groß die Opfer der österreichischen Widerstandsbe¬ wegung waren, konnte bis jetzt authentisch nicht festge- X ivr 1945: Und das war das Ende schossene Stephansdom. der von der SS in Brand ge¬ stellt werden. Aber aus den vorliegenden, unvollstän¬ digen Angaben ist zu erkennen, daß sie wesentlich größer gewesen sein müssen, als ursprünglich angenommen wurde. Die darüber informierende Literatur verdient es, im zeitgeschichtlichen Unterricht an den österreichischen Schulen ausführlich behandelt zu werden.2 Mit Worten kaum zu schildern ist das Leiden der jüdi¬ schen Bevölkerung im annektierten Österreich. In jenen furchtbaren Märztagen des Jahres 1938 wurden jüdische Frauen und Männer, Greise und Kinder öffentlich gede¬ mütigt, mißhandelt und beraubt. Der braune Pöbel zwang Mütter und Großmütter, kleine Angestellte und angese- 1 Einen Teil dieser Dokumentation findet der Leser in dem Büch¬ lein: Das einsame Gewissen (Die NS-Justiz in Österreich und ihre Opfer) von Maria Szecsi und Karl Stadler, Verlag Herold, Wien Mün¬ chen. Von besonderem Wert ist der Dokumentarische Anhang, der auch Auszüge aus den berüchtigten „Richterbriefen" Thieracks enthält. Das Büchlein wurde in der Dezembernummer 1962 von „Arbeit und Wirtschaft" kurz besprochen. 14