hene Gelehrte öffentliche Gebäude zu waschen, die öster¬ reichischen Symbole von den Haus- und Plakatwänden zu entfernen. Es gibt Bilder aus jener Zeit, die zeigen, wie Juden und Jüdinnen, ausgerüstet mit Eimern und Bürsten, geschlagen und gestoßen von ihren Peinigern, durch die Straßen österreichischer Städte getrieben werden. Als später die Synagogen brannten, der gelbe Stern getragen werden mußte, den Juden das Benützen öffent¬ licher Verkehrsmittel und das Sitzen auf Parkbänken ver¬ boten wurde, und als der große Arisierungsraubzug be¬ gann, da waren die österreichischen Nazis unter den ärg¬ sten Sadisten und Plünderern. Die Transporte in die Gaskammern der Vernichtungs¬ lager sind daher bloß die logische Konsequenz jener grau¬ samen Judenverfolgung, die in Österreich am 13. März 1938, vor 25 Jahren, begonnen hat. Widerstandsbewegung und österreichische Nation Es genügt nicht, an den Heroismus der österreichischen Widerstandsbewegung zu erinnern, und ihre toten Mär¬ tyrer zu ehren. Wir müssen uns auch über den geschicht¬ lichen Inhalt dieser Bewegung klarwerden. Niemand wird bestreiten, daß es sich um eine antinazi¬ stische, von den sittlichen Impulsen des Humanismus in¬ spirierte Bewegung gehandelt hat. Und es ist doku¬ mentarisch bewiesen, daß ihre Träger aus den verschie¬ denen parteipolitischen und weltanschaulichen Lagern kamen, wobei sich oft die erbittertsten Gegner von gestern im gemeinsamen Kampf gegen den gemeinsamen Feind eng zusammenschlössen. Aber was diese österreichischen Widerstandsgruppen von den ebenfalls heldenhaft kämpfenden Widerstandsgrup¬ pen in Deutschland prinzipiell unterschied, darf nicht übersehen werden: Die antinazistischen Österreicher hat¬ ten in der Nacht der nazideutschen Fremdherrschaft er¬ kannt — was früher oft heftig bestritten wurde — daß es eine österreichische Nation gibt, und daher das „An¬ derssein der Österreicher" kein Zufall ist, sondern ein Produkt dieser historisch gewachsenen nationalen Eigen¬ art. Das bedeutet: Die österreichischen Widerstandsgruppen kämpften nicht nur, wie das auch die deutschen taten, gegen das unmenschliche System Hitlers, sondern darüber hinaus für die Wiederherstellung ihres Staates, eines freien, unabhängigen Österreich. Wie historisch be¬ deutsam dieser Unterschied gewesen ist, wurde den Be¬ teiligten bei den Kontakten zwischen deutschen und öster¬ reichischen Widerstandskämpfern vor der Aktion im Juli 1944 bewußt: Da stellten die Vertreter des deutschen Widerstandes an ihre österreichischen Freunde die konkrete Frage: Wenn es uns gelingt, Hitler zu stürzen, wenn ein anderes, demo¬ kratisches Deutschland entsteht, werdet ihr Österreicher dann bei uns bleiben? Und sie ließen keinen Zweifel dar¬ über, daß sie, die deutschen Widerstandskämpfer, ein Verbleiben Österreichs bei einem demokratischen Deutsch¬ land begrüßen würden. Mit Recht stellt Otto Molden in seinem Werk über den österreichischen Freiheitskampf3 fest, daß Sozialisten und katholische Konservative — die Kommunisten hatten sich schon vor 1938 zur österreichischen Nation bekannt — bei den Verhandlungen mit den Vertretern des deut¬ schen Widerstandes übereinstimmend erklärten: „Der An¬ schlußgedanke ist in Österreich für immer tot. Wir wollen ein selbständiges Österreich — auch wenn es wieder ein demokratisches Deutschland gibt". Der inzwischen verstorbene christliche Gewerkschafts¬ funktionär Lois Weinberger, nach 1945 ein führender Politiker der Wiener ÖVP, hat in seinen Erinnerungen an die Zeit des Widerstandes1 über diese Verhandlungen mit den deutschen Hitlergegnern unter anderem berich¬ tet: „Jakob Kaiser, Goerdeler, einmal auch Max Habermann, versuchten natürlich, auch mich und meine Freunde dazu zu bringen, ihrem Deutschland, dem neuen, dem menschlichen Reiche der Deutschen, treu zu bleiben oder doch in engster Verbindung mit ihm zu marschieren. Wir aber ließen ... nicht eine Sekunde lang einen Zweifel darüber, daß wir das nicht könnten, und daß wir Österreich wollten, nichts anderes als ein freies, unabhängiges, ein auch von Deutschland unabhän¬ giges, wirklich selbständiges Österreich." Die Antwort, die der gegenwärtige Bundespräsident Adolf Schärf als Vertreter sozialistischer Widerstands¬ gruppen den Unterhändlern des deutschen Widerstandes gab, unterschied sich inhaltlich durch nichts von der Stel¬ lungnahme des christlichen Gewerkschafters Louis Wein¬ berger: „Ich erklärte" so berichtete Dr. Schärf nach 1945, „meine politischen Freunde könnten nur bei der Besei¬ tigung des Hitlerregimes mittun, nicht aber dabei, den An¬ schluß zu erhalten .. ,"5 Bekenntnis zu Österreich ohne Augenzwinkern Das Vermächtnis der Widerstandskämpfer erfüllen, be¬ deutet daher: Ein Bekenntnis zu Österreich ohne Augen¬ zwinkern. Für die Mehrheit der österreichischen Bevölke¬ rung ist dieses Bekenntnis in den Jahren von 1945 bis zur Gegenwart, die auch die wirtschaftliche Lebensfähigkeit unseres Landes bewiesen haben, zur Selbstverständlichkeit geworden. Aber täuschen wir uns nicht: Die „nationalen" Toten¬ gräber Österreichs sind noch unter uns. Und sie sind nicht nur in den Kloaken des neonazistischen Untergrundes zu finden. Da gibt es legale, aus öffentlichen Mitteln subven¬ tionierte Turnerbünde, die einem germanischen Mythos huldigen und die ihnen anvertrauten Jugendlichen mit dem Gift des Großdeutschtums infizieren. Und da wird bei Soldatentreffen der Hitlerkrieg nicht bloß verherrlicht, sondern auch noch in eine „Verteidigung der Heimat" umgelogen. Nicht weniger beunruhigend sind die Berichte zuver¬ lässiger Studenten über Professoren, die nicht müde wer¬ den, bei ihren Vorlesungen großdeutsche Bekenntnisse abzulegen, und alles österreichische lächerlich zu machen. ' Otto Molden: Der Ruf des Gewissens — Der österreichische Frei¬ heitskampf 1938—1945. Verlag Herold, Wien—München. ' Lois Weinberger: Tatsachen, Begegnungen und Gespräche, Öster¬ reichischer Verlag, Wien. • Adolf Schärf: April 1945, Verlag der Wiener Volksbuchhandlung. 15