Nachbarvölker betrachten können. Eine Erziehung zum Gefühl der Brüderlichkeit trotz allem könnte ein wich¬ tiger Faktor auf dem Weg zu einer Verständigung sein. Der wichtigste Faktor für die Erhaltung der Stabilität zwischen Israel und den Nachbarstaaten ist und bleibt aber die Bewahrung der politischen, militärischen und wirtschaftlichen Kraft des Staates. Ein starkes Israel wird keinen Anreiz für einen leicht zu gewinnenden Angriffs¬ krieg bieten, und eine durch Jahre und sogar Jahrzehnte anhaltende stabile Situation müßte die arabischen Staa¬ ten veranlassen, sie als eine unabänderliche zu betrach¬ ten und sich letztlich zu einer Zusammenarbeit mit Israel zu entschließen. Israel braucht Freunde Die israelische Außenpolitik muß daher an alle fried¬ liebenden Staaten appellieren, in ihrer politischen Haltung gegenüber Israel keinerlei Unsicherheit zu zeigen. Wenn zum Beispiel die Bundesrepublik Deutschland als einziger europäischer Staat — außer Franco-Spanien — aus Angst vor einer etwaigen Anerkennung der DDR durch arabische Staaten es unterläßt, volle diplomatische Be¬ ziehungen zu Israel aufzunehmen, so tut sie damit der Sache des Friedens im Mittleren Osten einen schlechten Dienst. Ein derartiges Zögern kann von den arabischen Politikern nur als eine Ermutigung ihrer starren Haltung angesehen werden. Die Ereignisse der letzten Monate innerhalb der Weltpolitik haben aber gezeigt, daß eine klare Einstellung mehr zur Erhaltung des Weltfriedens beiträgt als Unruhe und übermäßige Rücksichtnahme auf die Politik der verschiedenen Diktaturen. Die israelische Außenpolitik muß aber auch unaufhörlich Aufklärungsarbeit in allen Ländern und insbesondere in den befreundeten Demokratien leisten, denn die arabischen Politiker versuchen das Problem der Palästinaflüchtlinge als Waffe gegen Israel zu benützen. Flüchtlingselend an sich kann gerade in demokratischen Staaten zu einer aus¬ gezeichneten Propagandawaffe werden. Auch wohlmei¬ nende Beobachter sind erschüttert und irritiert, wenn sie von den jahrelang bestehenden Flüchtlingslagern in den Nachbarländern Israels hören. Die Frage nach der Ent¬ stehung dieses Problems verblaßt angesichts der Realität des Flüchtlingsschicksals. Israel kann nur immer wieder darauf hinweisen, daß dieses Problem, wie schon oben gesagt, durch gezielte Hetzpropaganda der arabischen Regierungen auf den dafür anfälligen größten Teil der arabischen Einwohner des damaligen Palästina entstan¬ den ist. Zusammenarbeit mit Afrika und Asien Israel ist aber natürlich an der Lösung des Flüchtlings¬ problems interessiert, auch damit ein großes Hindernis bei der Herstellung des Friedens mit den Nachbarstaaten beseitig wird.' Es wäre zu hoffen, daß auch die afro-asiatischen Staaten die arabischen Regierungen dahin gehend beeinflussen, eine größere politische Reife zu zeigen und die Flüchtlinge anzusiedeln. Die engen Verbindungen Israels mit den meisten dieser neuen Staaten sind für die politische Kraft Israels über¬ haupt von großer Bedeutung. Während der letzten zwei Jahre trat eine Reihe dieser Staaten in der Vollversamm¬ lung der Vereinten Nationen aktiv für direkte Verhand¬ lungen zwischen den arabischen Staaten und Israel ein. Ein Vorschlag, der bisher von den arabischen Staaten abgelehnt, von Israel aber begrüßt wird. Israels Zu¬ sammenarbeit mit den afro-asiatischen Staaten wird diese immer mehr von dessen gutem Willen überzeugen und Israels Stellung in der Gemeinschaft der freien Völker Asiens und Afrikas befestigen. Dies kann im Laufe der Zeit seinen Einfluß auf die Haltung der arabischen Staaten nicht verfehlen. Noch ist Israel weit von einer Zusammenarbeit mit den Nachbarstaaten entfernt. Der Staat Israel ist aber be¬ müht, sich so zu verhalten, daß die Verbindungen, die er anknüpft, jederzeit für den gesamten Mittleren Osten nutzbar gemacht werden könnten. Der Handel des Mitt¬ leren Ostens war immer ein Handel mit Europa. Die Staaten dieser Region werden daher ohne eine Regelung ihrer Beziehungen zum neuen europäischen Wirtschafts¬ block sich nie wesentlich weiterentwickeln können. Beziehungen mit Europa Israel und die EWG haben im letzten Jahr einen wich¬ tigen Schritt zur Verbesserung ihrer Beziehungen unter¬ nommen. Verhandlungen über den Abschluß eines Handels¬ vertrages wurden begonnen. Da 70 Prozent des israe¬ lischen Exportes nach Europa gehen — der größte Teil davon in EWG- und EFTA-Länder — ist der Abschluß eines solchen Abkommens geradezu eine Lebensfrage. Ein derartiger Vertrag bedeutet aber auch, daß die hochentwickelten Länder Europas ihren wirtschaftlichen Zusammenschluß nicht zum Schaden der Entwicklungs¬ länder ausnützen werden. Israel wird durch diesen Ver¬ trag als erster Staat im Mittleren Osten eine Sonder¬ stellung gegenüber der EWG einnehmen. Dies könnte — wie schon erwähnt — eines Tages auch für seine Nach¬ barstaaten von großem Nutzen sein. Dieser ersehnten Zusammenarbeit wird Israel aber erst dann näher kom¬ men, wenn auch die Zwistigkeiten unter den arabischen Staaten selbst überwunden werden. Diese Zwistigkeiten verringern zwar sicherlich die akute Gefahr eines Angriffes auf Israel, sind aber anderseits der Sache des Friedens keineswegs nützlich. Die Machtkämpfe innerhalb des arabischen Blocks — insbesondere die Versuche Nassers, die anderen arabischen Staaten unter seine Herrschaft zu bringen — verschärfen die Spannungen zwischen den Völkern rings um Israel auf das heftigste. Da die Ab¬ lehnung des Staates Israel beinahe der einzige Punkt ist, in dem sich die „feindlichen Brüder" einig sind, versuchen sie einander in Äußerungen des Hasses gegen den jüdischen Staat zu übertrumpfen, um so ihre „nationale Einstellung" zu beweisen. Die großen politischen Blöcke der Welt täten daher gut, ihren ganzen Einfluß aufzubieten, um eine allgemeine Befriedung dieser explosiven Zone zu erreichen, denn letztlich hängt trotz aller Bemühungen Israels der Friede mit den arabischen Staaten davon ab, ob der Mittlere Osten zum Schauplatz von Machtkämpfen der Welt¬ politik gemacht wird, oder ob die Großmächte bereit sein werden, den Status quo aufrechtzuerhalten oder ihn sogar zu garantieren. 1 Dieses Problem wird In einem besonderen Aufsatz behandelt werden.