Ludwig Popper Gesundheitsprobleme im Wohlfahrtsstaat Jede Zeit hat ihre eigenen Gesundheitsprobleme: Der Nachtwächterstaat konnte sich noch darauf beschränken, durch Quarantänemaßnahmen das Übergreifen von Epi¬ demien einzudämmen, eine immerhin wichtige Aufgabe zu einer Zeit, da mehr als die Hälfte sämtlicher Todes¬ fälle durch Infektionskrankheiten verursacht wurde; und er hat den Betrieb von Spitälern für Mittellose gefördert. Später, im liberalen Staat um die Jahrhundertwende, wurden umfassendere Maßnahmen notwendig. Einerseits forderte die aufstrebende Arbeiterschaft Sicherung im Krankheitsfall und Versorgung mit den nötigen Heil¬ mitteln, andererseits verlangte die Staatsräson, daß gegen die laut Berichten der Assentierungskommissionen immer mehr überhandnehmende Wehruntüchtigkeit der jungen Arbeiter in den rasch an Größe zunehmenden Städten Wirksames unternommen werde. So ist es kein Zufall, daß gerade im Bismarckschen Deutschland die ersten um¬ fassenden Gesetze über Kranken- und Unfallversicherung erlassen wurden. Österreich folgte bald nach, und später schlössen sich die meisten anderen europäischen Länder an. Das neue Jahrhundert brachte die Rentenversicherung, zuerst für die Angestellten, dann auch für die Arbeiter, die noch viel weniger imstande waren, sich während ihres Arbeitslebens die nötigen Beträge für die Sicherung ihres Alters zurückzulegen. Natürlich werden mit dem Fortschreiten der kulturellen Entwicklung, der Erhöhung des Lebensstandards und der Erschließung neuer und wirksamerer Behandlungsweisen die Dinge nicht nur immer komplizierter, sondern auch kostspieliger. Die Petroleumbeleuchtung in der Metropole des Nachtwächterstaates war billiger als die spätere Gas¬ beleuchtung; diese reichte nicht aus und mußte durch das elektrische Licht oder durch Neonröhren ersetzt werden, wenn man den Erfordernissen des heutigen Großstadt¬ lebens und -Verkehrs gerecht werden wollte. Und ebenso wie mit den Beleuchtungskosten verhält es sich mit den Kosten einer zeitgemäßen und ausreichenden medizi¬ nischen Betreuung. Dabei muß man auch noch berücksichtigen, daß die Ge¬ setzgebung — und das gilt natürlich auch für die Ge¬ sundheitsgesetze — der tatsächlichen sozialen Entwick¬ lung immer etwas nachhinkt. Manche unserer Sanitfits- gesetze sind noch auf der Gaslaternenanzünderstufe ent¬ worfen worden und lassen dies deutlich erkennen. Aber selbst unser verhältnismäßig so fortschrittliches All¬ gemeines Sozialversicherungsgesetz hat zwar die Postulate des Jahres 1880 erfüllt: daß unsre Kinder nicht mehr hungern und unsre Alten nicht mehr betteln gehen, doch für viele der heute vordringlichsten Gesundheits¬ probleme hat es noch nicht die günstigste Lösung gefun¬ den. In allen wirtschaftlich höher entwickelten Staaten sind diese Probleme heute so ziemlich die gleichen, also mehr solche des Wohlstandsstaates als bloß dem Wohlfahrts¬ staat eigentümlich, den man manchmal beschuldigt hat, daß er sie erst hervorriefe. Bevor ich auf diejenigen von ihnen eingehe, welche heute die Ärzte und die Gesundheitspolitiker in erster Linie beschäftigen oder beschäftigen sollten, muß ich mit allem Nachdruck hervorheben, daß die Hebung des all¬ gemeinen Lebensstandards nicht schon automatisch zu einer Erhöhung der Lebenserwartung führt. Dieser an¬ scheinend fast unausrottbare Irrtum beruht auf einer Ver¬ kennung der Tatsache, daß die statistisch berechnete mitt¬ lere Lebenserwartung in erster Linie von der Höhe der Säuglingssterblichkeit beeinflußt wird. Als vor etwa 200 Jahren noch 60 von 100 Neugeborenen innerhalb des ersten Lebensjahres starben, hätte die mittlere Lebens¬ erwartung dieser Generation bloß 36 Jahre betragen, auch dann, wenn die 40 Überlebenden alle ein Alter von 89 bis 90 Jahren erreicht hätten. Wenn jetzt nur noch höchstens 5 Prozent unserer Neugeborenen im ersten Lebensjahr sterben, so besagt eine mittlere Lebenserwartung von 66 Jahren durchaus nicht, daß diejenigen, die heute ungefährdet über die Säuglingsperiode hinwegkommen, die von der Tuberkulose und anderen Infektionskrank¬ heiten der jüngeren Altersgruppen verschont bleiben, nun auch tatsächlich älter werden als ihre Väter oder Gro߬ väter, die vor 30 oder 60 Jahren das gleiche Glück hatten. Es läßt sich vielmehr sehr genau statistisch nachweisen — und ich habe hierüber bereits in einem früheren Artikel berichtet —, daß die Lebenserwartung der 60jährigen Männer bei uns und in Deutschland, aber auch in Schweden und in den USA im letzten Jahrzehnt sich verschlechtert hat. Überalterung Wenn man das Problem der Überalterung also nur aus dem Gesichtspunkt betrachtet, daß die Menschen jetzt eben erfreulicherweise um 20 bis 25 Jahre länger leben als früher, so geht man nicht nur von einer bestenfalls bloß teilweise richtigen Grundvoraussetzung aus, sondern man verliert auch den Blick für die wirklichen Zusammen¬ hänge. Wenn heute in Österreich und ähnlich, wenn auch nicht so ausgeprägt, in vielen anderen europäischen Ländern, die Überalterung besonders deutlich ist, so liegt dies vor allem daran, daß jetzt die sehr geburtenstarken Jahr¬ gänge der Zeit bis zum ersten Weltkrieg im Rentenalter sind oder sich ihm nähern, während bloß — oder über¬ wiegend — die zeitweilig äußerst dünn besetzten und durch den zweiten Weltkrieg noch überdies dezimierten 19