eine innere Enge und Dürftigkeit, in eine Armut der Ge¬ fühle und Gedanken geraten, die lebensgefährlich ist. Franz Kafka hat 1916 festgestellt, angesichts des Ersten Weltkrieges: „Dieser Krieg ist aus einem entsetzlichen Mangel an Phantasie entstanden." Wir gelangen in ein zunächst dumpfes, düsteres, dann unruhiges und unlustiges Klima, in dem Langeweile, Ver¬ druß, Ärger und Genußsucht, Neid und Angst herrschen, da die neuen Massen und die neuen herrschenden Kasten — die sich überall auf der Welt bilden — keine innere Weiträumigkeit, keine innere Großzügigkeit, kein weites inneres Land besitzen. Das alles kann nur eine Buchbil¬ dung vermitteln, eine Buchbildung neuer Art — die denn auch mit neuen Mitteln gefördert und entwickelt wer¬ den müßte. War es einst der Kampf um Schulen, um Schulgründungen, um Schulen neuen Typs, in dem Mönche und Kleriker, Adelige und dann Bürger sich ihre Menschen erzogen und geprägt haben, dann sollte heute von Tag zu Tag mehr der Kampf um das Buch, um das Buch als un¬ ersetzbares Mittel der Volkserziehung, der Volksbildung, der Selbsterziehung als der Grundlage einer modernen Demokratie in den Vordergrund gestellt werden. Die wichtige Rolle der Belletristik Dieser Kampf ist vordringlich an zwei Fronten zu füh¬ ren: an der Front des „Unterhaltungsbuches" und an der Front des historisch-politischen Buches. Wobei dem Unterhaltungsroman eine erstrangige Bedeutung zu¬ kommt. Wenn es nämlich nicht gelingt, gerade durch ihn mehr Interesse für den Menschen zu erwecken, dann bleibt alles politische Interesse, bleibt alle politisierende Neugierde problematisch, ja fragwürdig. Der gute Unterhaltungsroman, der erstklassige große Roman der Weltliteratur hat die einzigartige Aufgabe und Funktion (und er besitzt das Vermögen, diese Aufgabe und Funktion zu erfüllen), in faszinierender, anziehender Weise den Menschen mit dem Menschen bekannt zu machen, mit der Heimlichkeit und Unheimlichkeit des Menschen, mit den Landschaften im Menschen. Die Größe und die wahre Liebenswürdigkeit des Menschen als eines Wesens, das wert ist, geliebt zu werden, werden hier sicht¬ bar: in der packenden Schilderung, ja Darstellung alles dessen, wessen der Mensch fähig ist. Der Mensch, der grausamer als alle erdenkbaren Teufel und alle wilden Tiere sein kann. Der Mensch, der dümmer, verdummter als mental zurückgebliebene Kreaturen sein kann, im Vollbesitz scheinbar seiner geistigen Kräfte, wenn ihn Haß und Leidenschaften eintrüben. Der Mensch, der als starker Mann schwächer sein kann als ein Kind, wenn er In Bibliotheken fühlt man sich wie in Gegenwart eines großen Kapitals, das geräuschlos unberechenbare Zinsen spendet. JOHANN WOLFGANG VON GOETHE sich in Wahnbildern verirrt. Die Größe, die Würde des Menschen läßt sich glaubwürdig nur darstellen in Bildern, in leuchtenden Farben von all dem, was im und was um den Menschen ist. Der große europäische Roman der Welt¬ literatur kann eine Initiation vermitteln, eine Einführung in das Alter der Reife, der Überwindung der Pubertät, der geistigen und seelischen Pubertät nicht zuletzt, wie sie einst Jahrtausende hindurch in den alten Gesellschaften die Riten und Bräuche der Initiation, der Weihe des Jüng¬ lings und der Jungfrau, vermittelt haben. Worum es da geht, kann durch ein einfaches Beispiel sich jedermann klarmachen. Jeden Sommer liegen auf dem Österreich nächstliegenden Meeresstrand, an der Adria zwischen Lignano und Caorle und Cattolica, einige Millio¬ nen Volksgenossen und Parteigenossen dicht nebeneinan¬ der. Wobei die älteren Unterschiede zwischen Volks¬ genossen und Parteigenossen, die das Witzwort des Drit¬ ten Reiches andeutete („Der PG fährt ans Mittelmeer, der VG gibt die Mittel her"), weitgehend verwischt sind. Hier werden sie alle braun, sonnenbraun, diese Söhne und Töchter von Vätern und Müttern, die im Bürgerkrieg, im kalten und heißen Bürgerkrieg in Mitteleuropa, heran¬ wuchsen, in ihm lebten. Wer sich nun das „Vergnügen" macht, Schritt für Schritt, auf diesem Strand einige hundert Meter, dann einige Kilometer zu gehen und an einem schönen Sonnen¬ tag da die Menschen zu besehen, zunächst was sie tun, was sie lesen, der kann einen unvergeßlichen Anschau¬ ungsunterricht erhalten. Ganz wenige, wirklich verschwin¬ dend wenige von Tausenden, von Hunderttausenden, lesen da ein Buch. Gelesen werden Zeitungen, Illustrierte, Gro¬ schenromane, eventuell noch Taschenbücher, da aber meist „Krimis", Kriminalromane, oder Unterhaltungsromane der untersten Niveaustufe. Es bedarf keiner großen Phantasie, keiner besonderen Einbildungskraft, sich die Beziehungen vorzustellen, die diese Millionen Menschen, diese Millionen Paare, diese Millionen Geschlechtswesen miteinander unterhalten. Diese mitmenschlichen Beziehungen bewegen sich auf derselben Ebene wie ihre Unterhaltungen im Wort, sie beschränken sich auf einige wenige Akte, Aktionen und Reaktionen, Bewegungen und Nichtbewegungen. Das große Potential „Mensch" wird hier nicht erweckt, nicht erzogen, nicht gereift. Glaubt man nun, daß diese Menschen für eine größere Freiheit kämpfen werden? Nicht in Krieg und Bürgerkrieg, sondern im Ringen des täglichen Lebens um ein freieres, leuchtenderes, schöneres, größeres, faszi¬ nierenderes Leben? Um ein Leben, das in seinem Glanz, seiner Schönheit, seinem inneren und äußeren Reichtum sich den Millionen, den Massen um uns, die nicht unserer politischen und wirtschaftlichen Zivilisation angehören, als anziehend, als nachahmenswert vorstellt? Ist das hier der ganze höhere Lebensstandard des Westens und unserer österreichischen Konsumkultur? Große, sehr große Aufgaben warten also auf den Freund des guten Buches, auf den Freund des Menschen, auf den Freund seiner Freiheit. Die Pflege, die Propaganda, die Verbreitung, die Förderung des guten Unterhaltungs¬ romans, des Liebesromans, der indirekt, in tausend Nuan¬ cen und Farben das Gefühlsleben erzieht, sollte grund¬ legend neu durchdacht und mit bedeutenderen Mitteln als jetzt unternommen werden. 26