Zur Diskussion derblich, wenn er mitentscheiden darf —, folgere aber daraus etwas anderes als jene der Arbeiterbewegung fern¬ stehenden Ideologen, die von Frau Rapp zitiert werden. Ich sehe die gewaltige Aufgabe, die wir noch zu lösen haben bei der Er¬ ziehung der Menschen: Wir müssen sie auch denken' lehren. Geben wir zu, daß wir auf diesem Gebiete derzeit nicht sehr erfolgreich sind. Vielleicht kommen wir auf neuen Wegen eher zum Ziel.* Viktor Luwy • Hier von „selbständigem" Denken zu reden, ist überflussig; denn das unselbstän¬ dige Denken Ist Ja nichts anderes als ein Nachplappern dessen, was andere schon vor¬ gedacht haben ' Wie wenig die Leute Jetzt denken, und auf welche Weise das mit der Verkümme¬ rung ihres „Wortschatzes" zusammenhängt, das hat Friedrich Heer in seinem inter¬ essanten Vortrag über „Die Holle des Buches in der Geistes- und Meinungsbildung" auf¬ gezeigt, (Siehe Seite 23 ff. dieses Heftes.) „Prügelknabe Masse" Mit seinem Vorwurf, ich hätte Orte¬ gas „Durchschnittsmenschen" aus einem Mißverständnis heraus statistisch inter¬ pretiert, trifft Viktor Luwy nicht den Nagel auf den Kopf. Im Gegenteil, ich habe sehr bewußt die mathematische Bedeutung des Begriffs gebraucht, um mit ihrer Hilfe zu zeigen, daß die Glei¬ chung: Massenmensch = Durchschnitts¬ mensch = gewöhnlicher Mensch tautolo- gisch ist. Könnte die Masse der Menschen wirk¬ lich schöpferisch denken — und nicht weniger als das verlangt Ortega —, was bliebe dann für die genialen Köpfe zu tun? Trotzki hat einmal im Über¬ schwang des revolutionären Enthusias¬ mus gemeint, daß in der kommunisti¬ schen Gesellschaft das Niveau des Durchschnittsmenschen auf die Höhe eines Goethe oder Marx gehoben wer¬ den könnte. Tun wir unser Bestes an Erziehung, um diesen Zustand zu er¬ reichen, aber rechnen wir lieber nicht darauf. Gänzlich anders als Luwy möchte ich auch Ortegas Diktum beurteilen, daß das, was in den Köpfen der „Durch¬ schnittsmenschen" steckt, ein vom Zu¬ fall angehäufter „Wust" ist. Vielmehr glaube ich, daß sich in den Köpfen al¬ ler Menschen die historische und gesell¬ schaftliche Erfahrung umsetzt, bloß in manchen klarer als in anderen. Wäre dies nicht der Fall, dann wäre die De¬ mokratie tatsächlich eine Absurdität. So aber folgt das Recht zum Mitreden aus dem Miterfahren und Miterleiden des historischen Prozesses — vorausgesetzt, daß wir den Grundsatz gelten lassen, daß jeder Mensch ein Zweck in sich selbst ist und nicht ein Mittel zu den Zwecken anderer. M Rapp Gewerkschaftliche Rundschau Der Griff nach der Pille „Nach den neuesten Statistiken der österreichischen Sozialversicherung haben die Krankenkassen im Jahre 1951 für Medikamente 192 Millionen Schil¬ ling aufgewendet; im Jahr 1961 be¬ trugen die für denselben Zweck auf¬ gewendeten Ausgaben bereits 686 Mil¬ lionen Schilling. Sie sind somit auf mehr als das Dreieinhalbfache, nämlich genau um 257 Prozent, gestiegen." — „Italienische Journalisten stachen kürz¬ lich tief in die Eiterbeule der italie¬ nischen Medikamentenproduktion, und was da zutage kam und in der Mai¬ länder Zeitschrift ,Quatrosoldi' ver¬ öffentlicht wurde, hat unter der italie¬ nischen Bevölkerung Empörung hervor¬ gerufen. Namhafte Professoren hatten den Journalisten die Erprobung von Medikamenten bestätigt, die nur in der Phantasie dieser Journalisten existier¬ ten." Diese zwei Zeitungsmeldungen aus letzter Zeit sind scheinbar völlig zusam¬ menhanglos aneinandergereiht. In Wahrheit jedoch stehen sie in einem tiefen inneren Zusammenhang: Der typische Durchschnittsbürger der sech¬ ziger Jahre des zwanzigsten Jahrhun¬ derts will etwas schlucken, sei es nun eine schmerzstillende, eine beruhigende oder eine aufpulvernde Tablette. Die Hauptsache, er schluckt und bekommt dadurch das Gefühl, etwas „für sich getan zu haben". Allein schon der Aus¬ druck „Medikamentengenuß" ist ein Be¬ weis dafür, daß sich in unserer Ein¬ stellung gegenüber Arzneien irgendwo ein grundlegender Fehler eingeschlichen haben muß. Bei den alten Griechen dagegen bedeutete das Wort „Pharma¬ kon" noch gleichzeitig Heilmittel und Gift. Unserem Sprachgefühl ist dieser ursächliche Zusammenhang leider schon verlorengegangen, sonst würde sich wohl niemand im Ernst das Wort Medi¬ kament mit dem Wort Genuß in einem Atemzug zu nennen trauen, es sei denn, er ist ein Selbstmörder. Obwohl die Statistiken sicher nicht alle Fälle von chronischer Medikamentensucht erfas¬ sen, ist es schon schrecklich genug, er¬ fahren zu müssen: Jeder zehnte Öster¬ reicher glaubt heute ohne die tägliche Schlaftablette nicht einschlafen zu kön¬ nen. In der Bundesrepublik Deutsch¬ land sind es nach den Angaben der Statistiker vier Millionen Menschen, die Abend für Abend nach der Tabletten¬ schachtel greifen, um sich ein Schlaf¬ mittel einzuverleiben. Besonders nach¬ denklich sollte es uns stimmen, wenn wir hören, daß ein Drittel dieser Leute Jugendliche sind. Wohin soll das füh¬ ren? Eine bekannte Tatsache ist es ja, daß Frauen häufiger in die Kategorie der Pillenschlucker gehören als Männer. Dies dürfte allerdings weniger eine Folge höherer oder geringerer Schmerz¬ empfindlichkeit, sondern vielmehr eine Folge der Uberforderung der berufs¬ tätigen Frau und Mutter sein. Und je mehr Menschen sich überfordert fühlen und dies mit Hilfe von Pillen aus¬ zugleichen versuchen, um so mehr Medi¬ kamente kommen auf den Markt. Jeder praktische Arzt weiß darüber seine Leidensmelodie zu singen. Denn ähn¬ lich wie in dem eingangs zitierten italie¬ nischen Testfall ist es überall: Es gibt 28