Internationale Umschau Viereinhalb Jahre nachher Am 14. Juli 1953 stürzte General Abd el-Kerim Kassem im Irak die Monar¬ chie. Nun erlitt er das gleiche Schick¬ sal wie damals König Feisal II. Über den Sender Bagdad versprach seiner¬ zeit Kassem dem Volk ein Leben frei von Ungerechtigkeit und Rückständig¬ keit. Die Militärdiktatur wurde jedoch mit den wirtschaftlichen und politischen Problemen des zwischen dem Iran, der Türkei, Syrien, Jordanien, Saudiara¬ bien und Kuweit liegenden Landes nicht fertig. Besonders abscheulich war die Form des Kampfes gegen den freiheitslieben¬ den Volksstamm der Kurden. Da die Armee die in ihren Bergen kaum be¬ siegbaren Kurden nicht bezwingen konnte, ließ Kassem die von Kindern, Frauen und alten Männern bewohnten Dörfer mit modernen Kampfflugzeugen angreifen. Nun meldete Radio Bagdad den Tod des Tyrannen. Das Fernsehen zeigte, um jeden Zweifel am Tod Kassems aus¬ zuschalten, in Großaufnahme den er¬ schossenen General. Ein Gericht hatte ihm vor dem Todesurteil lediglich eine lange Liste von Namen gezeigt und ge¬ fragt, warum er all diese Männer habe töten lassen. Ein Jahrhundert Technik überspringen Am 5. Februar war in Genf die erste Arbeitssitzung einer Konferenz der Ver¬ einten Nationen über Fragen der Wis¬ senschaft und Technik. Dabei erklärte der Generaldirektor der Internationalen Atomenergie Organisation (IAEO), Sig- bard Eklund, der Energieverbrauch pro Kopf der Bevölkerung sei ein guter Maßstab für den Entwicklungsstand eines Landes. In einigen Entwicklungs¬ ländern betrage der Energieverbrauch pro Kopf der Bevölkerung noch immer weniger 'als ein Hundertstel des Ver¬ brauches in den hochindustrialisierten Ländern. Die Weltreserven an herkömmlicher Energie (Kohle, Erdöl, Erdgas, Wasser¬ kraft und Holz) könnten in der zwei¬ ten Hälfte des nächsten Jahrhunderts erschöpft sein. Große Kernkraftwerke werden aber noch während dieses Jahr¬ zehnts gegenüber den herkömmlichen Kraftwerken wirtschaftlich konkurrenz¬ fähig werden. Gegen Ende unseres Jahrhunderts werde — meinte Eklund — ein großer Teil der Energie durch Kernspaltung gewonnen werden. Die Entwicklungsländer hätten es nicht nötig, auf ihrem Weg zur Industriali¬ sierung dem von den fortgeschrittenen Ländern vorgezeichneten Pfad zu fol¬ gen. Der Flugverkehr könne eine Eisen¬ bahnlinie überflüssig machen, eine Kurzwellenverbindung könne geeigne¬ ter sein als eine Telephonlinie. Sorgen der Staatsdiener in Deutschland Vor einigen Wochen versuchten in der Bundesrepublik Deutschland die Post¬ beamten und die Eisenbahner durch „Ar¬ beit genau nach Vorschrift" ihren ge¬ werkschaftlichen Forderungen ein wenig stärkeren Nachdruck zu verleihen. Die Aktionen „Igel" und „Adler" warfen eine Streitfrage auf. „Dürfen Beamte strei¬ ken?" fragte Theodor Eschenburg in der Wochenzeitschrift „Die Zeit". Er forderte, „daß rechtzeitig organisatorische, tech¬ nische, administrative und gesetzgebe¬ rische Maßnahmen vorbereitet und ge¬ troffen werden müssen, damit Kampf¬ aktionen gleicher oder ähnlicher Art von vorherein verhindert werden können". Das einzig freundliche an diesem Artikel war der Hinweis darauf, daß die passive Resistenz im öffentlichen Dienst unter dem Motto „Diensterfüllung streng nach Vorschrift" wahrscheinlich eine österrei¬ chische Erfindung aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg sei. Argentinien Ein Erlaß der argentinischen Regie¬ rung, vom 4. September verbietet Streiks im öffentlichen Dienst. Gewerkschafts¬ führer, die sich der Zwangsschlichtung nicht unterwerfen, können abgesetzt werden. Die IBFG forderte die argen¬ tinische Regierung auf, die Gewerk¬ schaftsrechte wieder herzustellen. Italien Fast alle unter den 46.000 Regierungs¬ bediensteten, gegen die wegen ihrer Be¬ teiligung am Streik von 1960 ein Dis¬ ziplinarverfahren eingeleitet wurde, sind wieder eingestellt. Es waren mehr als 2000 Bedienstete und mehr als 2000 Hilfsangestellte entlassen worden. Aus dem Streik haben sich 244 strafrechtliche Verfolgungen wegen Aufruhrs, Gewalt¬ tätigkeit oder Einschüchterung ergeben. Offiziellen Angaben zufolge betrugen die Verluste der Streikenden und ihrer An¬ hänger fünf Tote und 48 Ver¬ letzte. Unter den Opfern der Gegen¬ seite befanden sich 172 Polizisten und 29 Freiwillige. Indien Die Indische Bundesregierung kündete an, sie werde dem Parlament demnächst eine Gesetzesvorlage über die Schaffung von Paritätischen Verhandlungsaus¬ schüssen im Regierungsdienst vorlegen. Von solchen Ausschüssen erhofft sich die indische Regierung friedliche Arbeitsbe¬ ziehungen im Bundesdienst. Von dem Plan, ein gesetzliches Streikverbot für Regierungsbedienstete zu verlangen, ist die Regierung abgekommen. Kein Streikverbot Die indische Gewerkschaftszentrale INTU erklärte auf ihrem dreizehnten Kongreß in Kalkutta im Juni: Streiks können niemals durch Gesetzgebung ver¬ mieden werden, sondern nur dadurch, daß man sie überflüssig macht, und zwar indem man andere Möglichkeiten auf¬ zeigt. Das kann dadurch geschehen, daß man Konflikte durch in aufrichtiger Hal¬ tung geführte Verhandlungen beigelegt oder, falls diese nicht zum Ziele führen, durch ein Schlichtungs- und Schieds- wesen. Die heutige Gesetzgebung sieht bereits solch ein Verhandlungswesen vor. Was jetzt nötig ist, ist eine Gesin¬ nungsänderung auf beiden Seiten und die Bereitschaft der Regierung, von be¬ reits vorhandenen gesetzlichen Einrich¬ tungen Gebrauch zu machen, wenn sich Konflikte nicht auf dem Verhandlungs¬ wege lösen lassen. Die Bediensteten würden dies einem Streik vorziehen, der damit sinnlos wäre. Vermischtes 4111 neue Leben In der ganzen Welt zitterten während des Algerienkrieges Mütter um ihre mit Gewalt und List oder Versprechungen zur französischen Fremdenlegion „ge¬ worbenen" Söhne. Tausenden Müttern half der algerische Rückführungsdienst für Fremdenlegionäre, der Deserteure aus der Fremdenlegion auf sicheren Pfa¬ den in die Heimat führte. Im Verlauf seiner sechsjährigen Tätigkeit brachte der Rückführungsdienst 4111 Fremden¬ legionäre nach Hause. Darunter waren 2783 Deutsche und auch 31 Österreicher. Streiks Der Streik der Hafenarbeiter an der amerikanischen Ostküste und am Golf von Mexiko ging Ende Jänner nach einer Dauer von mehr als einem Monat mit einem Teilerfolg zu Ende. Der Ar¬ beitskonflikt, der das Erscheinen der neun großen New-Yorker Tageszeitun¬ gen verhindert, dauert bei Redak¬ tionsschluß noch an. 700 Millionen Noch immer zählt die Welt 700 Mil¬ lionen Erwachsene, die nicht lesen und nicht schreiben können. Zwei von fünf erwachsenen Bewohnern der Erde sind noch immer Analphabeten. Fred Duval 47