Fritz Kolb Prestigeinvestitionen in Entwicklungsländern „In unserer letzten Redaktionssitzung wurde das Problem der Nationalismen in den Entwicklungsländern als eine der großen Fragen der ,dritten Welt' erwähnt, und zwar einerseits die Not¬ wendigkeit, eine nationale Identität und damit Selbstbewußt¬ sein zu gewinnen, und andererseits der so oft damit verbun¬ dene Fluch, mehr oder weniger verderbliche Prestigeinvesti¬ tionen (nicht zuletzt in der Rüstung) vorzunehmen und das Lebensinteresse der Bevölkerung zu vernachlässigen. Sicher ein Thema, das wert wäre, in ,Arbeit und Wirtschaft' behandelt zu werden ., So stand es in dem Brief, mit dem mich die Schriftleitung einlud, diesen Artikel zu schreiben. Bei der Arbeit erging es mir wie dem Arzt von heutzutage. Ein Patient klagt über Kreuzschmerzen. Beim Nachsehen stellt sich heraus, Der junge afrikanische Staat Ghana hat die Militärdienstpflicht auch auf Mädchen ausgedehnt. daß neben einem Rückenwirbelschaden noch drei oder vier andere Ursachen vorliegen, von der schlecht arbei¬ tenden Niere bis zum hohlen Zahn. Das Übel der ver¬ nachlässigten Lebensinteressen der breiten Massen in Entwicklungsländern geht nicht nur auf die Prestige¬ investitionen, sondern auch auf andere Ursachen zurück. Um nicht weitläufig zu werden, bin ich auf diese ande¬ ren Ursachen nicht eingegangen; dafür mußte ich bei der Analyse des Prestigebedürfnisses der jungen Staaten etwas weiter ausholen. Das Thema,, das die Schriftleitung mit wenigen Sätzen umrissen hat, soll zunächst ausführlicher dargestellt und zugleich etwas erweitert werden. Der denkende Mensch in den Industrieländern des Westens (und vermutlich auch des kommunistischen Ostens) steht heute den politischen und wirtschaftlichen Maßnahmen der Regierenden in manchen Entwicklungs¬ ländern mit Besorgnis gegenüber. Es geschieht so viel Be¬ denkliches, daß man kaum noch bedingungslose Bejaher antrifft. Für eine bestimmte Gruppe bedenklicher Vorgänge ge¬ nügt es, wenn man sie aufzählt. Es bedarf keiner kriti¬ schen Untersuchung, um sie als Mißbräuche und Ent¬ artungen zu kennzeichnen. Wir sind unter anderem Zeugen krasser Korruption bei der Verwendung von Hilfsgeldern, unverantwortlicher Extravaganz führender Persönlichkeiten, Unterbringung ganzer Dynastien von Verwandten in einträglichen Stellungen, charakterloser internationaler Bettelei einerseits, politischer Erpressung andererseits und schließlich blutiger Machtkämpfe mit allen Kennzeichen nicht überwundener Barbarei. Diese Dinge bedürfen, wie gesagt, keiner Untersuchung. Wir befassen uns hier mit einem der tieferen Probleme als Quelle der Besorgnisse: mit dem Nationalismus und den aus ihm so oft entspringenden Prestigeinvestitionen. WM „Berechtigter" Nationalismus Nationalismus erscheint der großen Mehrheit der Europäer und Nordamerikaner als etwas Natürliches und Gerechtfertigtes, solange darunter nicht Engstirnigkeit und das Gelüste verstanden wird, die eigene Nation über andere herrschen zu sehen. Man ist daher bereit, auch den Entwicklungsländern nationalen Stolz und nationalen Ehrgeiz zuzubilligen. Wie anders, so sagt man sich, soll¬ ten sie jenes staatliche Selstbewußtsein entwickeln, ohne das die neuen Gebilde auf die Dauer nicht bestehen könn¬ ten? Wenn die Einwohner von Ghana sich nicht als Ghanesen, jene Indiens nicht als Inder fühlen, dann wird jeder politische Zufall die Gefahr des Staatszerfalls mit sich bringen. Wenn der westliche Beurteiler also den Nationalismus nicht grundsätzlich ablehnt, wieweit billigt er ihn dann und wo fängt er an, die Stirn zu runzeln? Er gesteht dem neuen Land selbstverständlich seine Regierung, seine diplomatischen Vertretungen, seine Nationalhymne, seine Flagge, seine Straßen, seine Eisen¬ bahnen und sein Schulwesen zu. Unbehagen ergreift ihn aber, wenn eine Flotte auf Kiel gelegt und eine un¬ rentable Luftfahrtgesellschaft gegründet wird; wenn man Stahlwerke baut, wo es weder Eisenerz noch Kohle gibt. Und selbstverständlich auch dann, wenn prunkvolle Re¬ gierungsgebäude in einem Land aufgeführt werden, das noch zu einem großen Teil vom Borg und von Geschen¬ ken lebt. 2