Afrikas sind zum größten Teil freigewordene Kolonien; die Grenzen wurden beibehalten — und diese waren be¬ kanntlich so willkürlich, wie man sie sich nur denken konnte. In Asien ist das nicht viel anders: Großreiche wie Indien, Pakistan und Indonesien beherbergen jedes mehrere Sprachgruppen, die man als eigene Nation an¬ sprechen könnte. „Ansprechen könnte" ist ein absichtlich gewählter Ausdruck. Es besteht nämlich ein großer Unterschied zwischen einer auf gemeinsamer Sprache aufgebauten Nation in Europa und einer solchen in Afrika oder Asien. Die gemeinsame Sprache bedeutet in den Entwicklungs¬ ländern viel weniger als bei uns. Die Gedankenwelt und das Fühlen der Menschen in Afrika und Asien sind zum Beispiel viel stärker durch die Religion bestimmt als in Europa. Fühlt der moslemische Bengale sich wirklich eins mit einem hinduistischen Sprachgenossen? Vieles deutet in eine andere Richtung. Und ist nicht in weiten Gebieten Afrikas der Begriff des Stammes viel bedeutsamer als der der Nation? Streben nach staatlicher Festigung Wir müssen uns hüten, unsere aus europäischen Ver¬ hältnissen entstandenen Begriffe einfach auf die Entwick¬ lungsländer zu übertragen. Was wir derzeit bei den Ent¬ wicklungsländern an Bekundungen staatlichen Willens beobachten, ist nicht Nationalismus, sondern einfach das Streben der Regierungen nach Festigung des Staats¬ gebildes, manchmal in vertretbaren Grenzen, manchmal weit übers Ziel schießend; meistens aber ohne daß eine Nation überhaupt existiert. Nun ein zweites warnendes Wort: Wir sind geneigt, zu glauben, daß sich die sogenannte „dritte Welt", die Welt der Entwicklungsländer, im ganzen so entwickeln wird, wie sich Europa und Nordamerika entwickelt haben, daß sie eines Tages ebenbürtig dastehen werden, als indu¬ strialisierte, demokratisch organisierte Staatswesen, wo¬ möglich zu wirtschaftlichen Großräumen zusammen¬ geschlossen. Für diese weitausgreifenden Voraussagen fehlen jedoch echte Grundlagen. Unser Denken ist noch immer von den Geschichtsphilosophien des 19. Jahrhun¬ derts beherrscht — jener Zeit, in der man an große, ein¬ fache Entwicklungen glaubte, die „unaufhaltsam" waren... Da mußte der nationale Zusammenschluß kommen, da mußte der Kapitalismus zusammenbrechen, da mußte das Abendland untergehen und so weiter. Man nahm als sicher an, daß der Kommunismus zuerst im höchstindustrialisierten Westeuropa kommen müßte, er kam aber im Bauernland Rußland; man sagte die Weltrevolution voraus, welche ausblieb; aber nicht den Faschismus, der die Welt erschütterte; man glaubte an Verelendung und immer schärfere Klassengegensätze, während man die heutigen Verhältnisse, bessere Lebens¬ haltung aller, Mischung von Gemeinwirtschaft und Pri¬ vatwirtschaft, Mischung von Marktmechanismus und Wirtschaftslenkung, nicht einmal ahnte. Wir haben im 20. Jahrhundert einige entwicklungsdeterministische Glaubensartikel hinzuerfunden — zum Beispiel den vom zwangsläufigen Zusammenschluß der Großräume, beson¬ ders Europas; oder den vom Jahrhundert der „dritten Welt"; was wir aber tun sollten, ist etwas ganz anderes. Wir sollten uns eingestehen, daß man im 19. Jahrhundert falsch prophezeit hat und daß wir für geschichtliche Vor¬ aussagen auch heute nicht besser gerüstet sind. Wir sollten also nicht glauben, das schwarze Afrika, West-, Süd- und Südostasien, denen wir Entwicklungshilfe geben, müßten sich in den Bahnen entwickeln, die wir von Europa her kennen. Eine solche Annahme kann nur zu falschen Maßnahmen und zu Enttäuschungen führen. Das Autarkiebedürfnis Wenn wir die staatlichen Gebilde der „dritten Welt" unvoreingenommen betrachten — ohne die vermeintliche Kenntnis des nächsten Entwicklungsstadiums als Ma߬ stab zu setzen —, dann müssen wir eingestehen, daß manche wirtschaftliche Maßnahmen der neuen Staaten nicht gar so sinnlos erscheinen, wie man auf den ersten Blick glaubt. Jeder Staat, daher auch ein Negerstaat, entwickelt ein gewisses Autarkiebedürfnis. Und diesem Autarkiebedürfnis entspringen Investitionen, die unwirt¬ schaftlich erscheinen. Warum ein gewisses Maß von Autarkie? Ein hoher Grad weltwirtschaftlicher Verflechtung — also das Gegenteil von Autarkie — führt nach der klassischen volkswirtschaftlichen Theorie zum Höchstmaß an wirt¬ schaftlichem Wohlstand. Ein Land, in dem der Kakao gut wächst, erzielt danach für seine Wirtschaft das Beste, wenn es nur Kakao erzeugt, diesen verkauft und aus dem Erlös alles andere einführt. Aber eine solche Monokultur hat auch schwere Nachteile. Wenn der Weltmarkt weni¬ ger aufnimmt oder wenn die Preise fallen, ist die Krise da, und zwar für die gesamte Wirtschaft des vom Kakao abhängigen Landes. Es ist nicht anders als der Zusam¬ menbruch der Stromversorgung. Zu dieser Gefahr, die von dem anonymen Herrscher „Weltmarkt" droht, kommt noch die der absichtlichen Abschnürung von Lieferungen in Knappheitszeiten. Wenn zum Beispiel öl knapp wird, wie zur Zeit der Suez-Krise, liefern die Ölexporteure zu¬ nächst in jene Länder, von denen auch sie etwas brau¬ chen — in die Industrieländer; nicht aber in das Land des Kakaos. Endlich muß jede Regierung an Zeiten den¬ ken, in denen der Seetransport gehemmt ist: wer dann noch vollständig auf Einfuhren und Ausfuhren angewie¬ sen ist, wird die Bevölkerung weder ernähren noch klei¬ den können. Es gibt aber auch noch einen weniger dramatischen Grund für das Entwickeln von Industrien, die an sich nicht lohnend wären: die langfristige Beschäftigungspolitik. Wenn die Hauptmasse der arbeitenden Bevölkerung in nur einem Erwerbszweig tätig ist, wird jeder arbeits¬ sparende technische Fortschritt in diesem Zweig zu einer sozialen Gefahr, Sind vielerlei Industrien vorhanden, so fängt man in einem solchen Fall einen Teil der Arbeits¬ losen doch leichter auf, ebenso wie jene Arbeitslosen, die durch den Geburtenüberschuß dauernd zuströmen. Es gibt also gute Gründe dafür, warum in einem Ent¬ wicklungsland Industrien aufgebaut werden sollen, die sich nicht gerade vom Rohstoff her aufdrängen. Man sollte nie vergessen: Früher lag die Verantwortung für das wirtschaftliche Wohlergehen der Kolonie beim Mut¬ terland, ebenso wie jene für die militärische Sicherheit und die Gewährleistung der Verbindungslinien; jetzt liegt sie bei der jungen Regierung des jungen Staates. Und das Mutterland von einst hatte andere Mittel als der junge Staat, um seiner Aufgabe gerecht zu werden!