sehen Geist, wenn auch nicht dem marxistischen Buch¬ staben folgend. Otto Bauer — ein verhinderter Pluralistt Es ist leicht erklärlich, daß die pluralistischen Ideen in der kontinentalen Sozialdemokratie der Zwischen¬ kriegszeit nur ein schwaches Echo hervorriefen. Die herrschende Tradition war staatssozialistisch fixiert, das theoretische Ansehen der nichtmarxistischen Labour- Party nahezu null Dazu kam bald die Verschärfung der politischen Lage, die dem Verständnis für diese auf altem demokratischem Boden gewachsenen Fragestellun¬ gen alles andere als günstig war. Und doch gab es Aus¬ nahmen. Einer von denen, die den ganz und gar unmar¬ xistischen Cole mit seinen teilweise naiven Vorstellun¬ gen nicht beiseite schoben, sondern im Gegenteil sehr ernst nahmen, war Otto Bauer. Bauers Interesse für den „Gildensozialismus" rührte aus seiner Beschäftigung mit den Erfahrungen der rus¬ sischen Revolution, die ihm die ganze Tragweite des un¬ gelösten Staatsproblems im Sozialismus zum Bewußtsein brachten. Er erkannte, daß jeder Versuch einer Organi¬ sation der gesamten Wirtschaft durch eine staatliche Bürokratie in den Massen nur Haß gegen einen solchen „allmächtigen, alle Lebensregungen des einzelnen regle¬ mentierenden, alle persönlichen Freiheiten beengenden Staat" erwecken könne2. Die Reaktion gegen den Staatssozialismus würde in der Arbeiterschaft einen neuen Pendelschlag zum überwunden geglaubten Syndi¬ kalismus auslösen, der aber ebenfalls keiner Lösung der wirtschaftlichen Organisationsprobleme des Sozialismus fähig sei. Der „Gildensozialismus" schien ihm der frucht¬ barste Ansatzpunkt zur Überwindung des Dilemmas Staatssozialismus — Syndikalismus zu sein. Ebenso akzep¬ tierte er den Grundsatz, daß man auch in einer sozialistisch regierten Demokratie den Interessenvertretungen der Minderheiten — etwa der Bauern, Gewerbetreibenden, freien Berufe — politischen Einfluß und volle Organisa¬ tionsfreiheit einräumen müsse. Wäre Bauers Lebenswerk unter einem freundlicheren Stern gestanden, hätte ihm die Geschichte den Ausblick auf eine Perspektive der fried¬ lichen demokratischen Entwicklung vergönnt, ist es viel¬ leicht nicht abwegig zu vermuten, daß er der führende österreichische Theoretiker des Pluralismus geworden wäre. Das Schicksal wollte es anders. Doch lassen sich erste pluralistische Tastversuche sehr deutlich in dem mit sei¬ ner Hilfe erarbeiteten gemeinwirtschaftlichen Konzept der österreichischen Sozialdemokraten mit seinem dreiglied¬ rigen Aufbau (Mitspracherecht der Öffentlichkeit, der Arbeiterschaft und der Konsumenten) erkennen. Im Pro¬ gramm der SPÖ aus dem Jahre 1958 wurden diese Ver¬ suche weitergeführt und systematisiert. Pluralismus der Machtblöcke Wie es häufig in der Geschichte der Ideen zu geschehen pflegt, strahlten auch die pluralistischen Ideen in die ver¬ schiedensten Richtungen aus und gingen die verschieden¬ sten Kombinationen mit der Soziologie und Ideologie unse¬ rer Zeit ein. Da sie nie ein geschlossenes System oder 1 Die hier behandelten Gedanken sind, wie auch das Zitat, Otto Bauers Schrift „Bolschewismus und Sozialdemokratie" (1921) entnom¬ men. 8 Henry S. Kariel, »The Decline of American Pluralism", Stanford, 1961. II * HR ?/ Ml H. ^$5 mk 16