Lehrgebäude bildeten, passen sie in die verschiedensten geistigen Schubladen. In Amerika war es das soziologische Instrumentarium, das mit größter Bereitschaft aufgenom¬ men wurde, während das demokratische Leitmotiv in den Hintergrund gedrängt wurde. Zudem vertrug sich dieses Instrumentarium ausgezeichnet mit einer ganzen Reihe von zentralen Interessen der amerikanischen Soziologie, wie zum Beispiel mit der Gruppendynamik und mit dem in der theoretischen Sozialwissenschaft vorherrschenden Trend des Funktionalismus. Im englischen Pluralismus bezieht die „Gruppe", als Idealtyp gesehen, ihre Legitimität aus ihrer gesellschaft¬ lichen Funktion und aus ihrer Fähigkeit zur Selbstbestim¬ mung, die amerikanische pluralistische Soziologie fragt nicht nach der Legitimität, sondern begnügt sich mit dem Nachweis der Existenz. Sie interessiert sich nicht für Ordnungsprinzipien einer künftigen Gesellschaft, sondern für die gegebenen Interessengruppen, Machtblöcke und wirtschaftlichen Verfügungsgewalten, die sie alle als „soziale Teilmächte" gleicher Ordnung und gleicher Exi¬ stenzberechtigung betrachtet. Auf diese Weise konnte der Nachweis nicht schwerfallen, daß etwa die amerikanischen Machtverhältnisse mit ihrem starken föderalistischen und lokalistischen Einschlag, ihren wohlorganisierten Unter¬ nehmerverbänden, Gewerkschaften, einflußreichen Zweck¬ organisationen, Lobbies usw. schon heute weitgehend dem pluralistischen Modell der „Machtdiffusion" entsprechen. Ja sogar die großen Konzerne selbst scheinen in manchen dieser Darstellungen als Machtträger im pluralistischen Sinn auf. Es ist ein Pluralismus, der auf das Prinzip des Interessenausgleichs zwischen Machtblöcken reduziert ist. Man kann darüber diskutieren, wieweit in diesen Analysen die Wirklichkeit der modernen kapitalistischen Industriegesellschaft enthüllt und wieweit sie verhüllt wird. Unübersehbar aber ist der apologetische Charakter eines großen Teils der Literatur, die sich auf ihre Ergeb¬ nisse stützt. Was hier propagiert wird, ist letztlich eine nüchtern-harte Managerideologie, die sich übrigens — und auch das darf nicht unerwähnt bleiben — mit kleinen Akzentverschiebungen für sozialistische Manager ebenso gut eignet wie für kapitalistische. Gegen diesen Pseudopluralismus polemisierend, weist H. Kariel3 mit Recht darauf hin, daß gerade jene priva¬ ten Verbände, die nach ursprünglicher pluralistischer Auffassung das Individuum gegen den Machtmißbrauch durch den Staat schützen sollten, heute selbst Zwangs¬ charakter angenommen haben und nicht selten tyran¬ nischer sind als der Staat. So sei heute in Amerika, im Gegensatz zu dem, was Laski dachte, die persönliche Frei¬ heit bei der Zentralgewalt besser aufgehoben als bei den lokalen Gewalten und den Verbänden. Diese Warnung vor einer allzu undifferenzierten Idealisierung der „Auto¬ nomie" privater Gruppen ist sicher nicht unberechtigt. Es gibt keine demokratische Institution, die ohne demokra¬ tische Gesinnung funktionieren kann. Klassengesellschaft und Wirklichkeit Daß die Zielvorstellungen einer pluralistischen Demo¬ kratie — und nur von dieser ist hier die Rede — nicht als <3 Immer noch die weite Spanne von Luxus und Elend: Hoff¬ nungslose Bewunderung vor einem Pariser Schaufenster. antisozialistisch verworfen werden können, sollte nach dem Gesagten hinreichend klar sein. Ebenso klar dürfte es sein, daß sie in entscheidenden Punkten im Gegensatz zur klassischen marxistischen Tradition stehen. Vielleicht am deutlichsten tritt die Scheidung der Geister — wie bereits mehrfach angedeutet wurde — in der Frage nach dem Klassencharakter unserer Gesellschaft und nach der Per¬ spektive einer „klassenlosen Gesellschaft" zutage. Dabei steht natürlich die Tatsache, daß den Klassengegensätzen im allgemeinen und dem Gegensatz zwischen Unter¬ nehmern und Arbeitern im besonderen überragenda Bedeutung für die Analyse der gesellschaftlichen Realität zukommt, außer Streit. Was dem pluralistischen Ansatz widerstrebt, ist jedoch die dem Marxschen Denken imma¬ nente Reduktion aller Gegensätze auf den einzigen großen, alle übrigen gesellschaftlichen Beziehungen durchdringen¬ den Klassengegensatz zwischen Proletariern und Kapi¬ talisten sowie die damit verbundene Konzentration auf die Eigentumsverhältnisse als Hebel zur Aufhebung der Klassengesellschaft. So steht die marxistische Gretchen¬ frage an den Pluralisten: „Wie hältst du's mit der Klassen¬ gesellschaft?" zu Recht. Leider kann die Antwort nicht so einschichtig unkompliziert sein wie die der Frage zugrunde liegenden Vorstellungen. Geht man von Marxschen Definitionen aus, gehen alle Gleichungen des Systems auf. Eigentümer von Produk¬ tionsmitteln bilden die kapitalistische Klasse, Verkäufer ihrer Arbeitskraft oder Lohnempfänger die Arbeiterklasse. Zwischen ihnen ist, wenn wir von der schwindenden Klasse der kleinen Warenproduzenten absehen, nichts. Bauer? Arbeiter? Gewerbetreibender? „Kapitalist" oder „Prole¬ tarier"? Die Zuordnung wird nicht leicht fallen. (Auf der Wiener Messe.) ? ? t ?% was* * 17