Gunnar Myrdal, Stockholm Der Krieg in Vietnam und die politische und moralische Isolierung Amerikas Wir geben im folgenden den Wortlaut einer Rede wieder, die der bekannte schwedische Volkswirtschafter und Soziologe am 8. Dezember 1966 bei einer Großkundgebung im New-Yorker Madisqn Square Garden gehalten hat. Die Kundgebung, die vom amerikanischen Nationalkomitee und dem New-Yorker Komitee für eine vernünftige Atompolitik einberufen und von zahlrei¬ chen pazifistischen, religiösen, gewerkschaftlichen, politischen und akademischen Gruppen sowie von Bürgerrechtsorganisa¬ tionen unterstützt wurde, stand im Zeichen der Forderung nach sofortiger Beendigung des Krieges in Vietnam. Damit wollen wir unseren Lesern die in Österreich sonst kaum vorhandene Möglichkeit bieten, die Stellungnahme eines international hochangesehenen Gelehrten und Repräsentan¬ ten eines neutralen Landes zu einer Frage kennenzulernen, die — wie keine andere — zur Zeit die Weltöffentlichkeit be¬ wegt; dies um so mehr, als die Meinungen über diese Frage auch innerhalb der österreichischen Arbeiterbewegung geteilt sind. Die Redaktion Ich möchte mit einer persönlichen Erklärung beginnen. Ich bin ein Ausländer, aber einer, der im Lauf seines Lebens und seiner Arbeit Amerika kennen und lieben gelernt hat und der wirklich tief in die Probleme dieses Landes ver¬ strickt worden ist. Wann immer ich mir von meiner Arbeit als Sozialwissenschafter Zeit erübrigen kann, um an der öffentlichen Diskussion einer politischen Frage teilzuneh¬ men, so geschieht dies häufiger in Amerika als in Schwe¬ den. Dafür gibt es gute Gründe. Von meinen beiden gei¬ stigen Heimatländern ist Amerika nicht nur das größere und wichtigere. Es hat auch in seiner Innenpolitik mit viel ernsteren Problemen zu ringen. Und die Außenpolitik sei¬ ner Regierung schlägt einen Kurs ein, der jetzt höchst gefährlich geworden ist — für das amerikanische Volk und für die ganze Welt. Da ich im Geiste mit den ameri¬ kanischen Idealen so sehr übereinstimme und persönlich mit den Problemen Amerikas so stark beschäftigt bin, spreche ich heute hier nicht im Zorn, sondern mit Angst und Sorge im Herzen. Ich möchte Ihnen vor allem nachdrücklichst die Tatsache vor Augen führen, daß sich die amerikanische Regierung immer stärker in eine politische und moralische Isolierung begibt, deren Folgen Sie sich als Amerikaner sorgfältig überlegen sollten. Insbesondere der Krieg in Vietnam hat der Welt Anlaß gegeben, sich von der offiziellen amerika¬ nischen Politik zu distanzieren. Die nächstliegende historische Parallele ist wohl die zunehmende Isolierung Frankreichs während seines letz¬ ten, grausamen und hoffnungslosen Kolonialkrieges in Nordafrika. Nur indem Frankreich diesem Krieg ein Ende machte, gelang es ihm, in der Welt wieder moralisches Ansehen und politisches Prestige zu gewinnen. Der Unter¬ schied aber, der die Haltung Amerikas so ungleich gefähr¬ licher macht, besteht darin, daß Amerika reich und mäch¬ tig genug ist, seine Mißachtung der Weltmeinung viel wei¬ ter zu treiben. Krieg ohne Kriegserklärung: Die amerikanische Verfassung wurde umgangen Im Ausland stellen wir auch fest, daß es sich beim Krieg in Vietnam nicht um einen Krieg handelt, der offiziell erklärt wurde. Die Bestimmung der amerikanischen Ver¬ fassung, die nur den Kongreß, nicht aber den Präsidenten ermächtigt, Krieg zu erklären, ist umgangen worden. Und wir fragen uns, wie weit denn die Erosion des Systems der „checks and balances" (der Kontrollen und Gegen¬ gewichte), das von den Gründern dieser großen Demokra¬ tie so sorgfältig ausgedacht wurde, bereits fortgeschritten ist, wenn heute die Macht über Leben und Tod von hun- derttausenden und im weiteren Verlauf dieses Krieges vielleicht von Millionen Menschen in die Hände einer klei¬ nen Gruppe von Männern in Washington gelegt wird. Amerikas politische und moralische Isolierung hat ihre allererste Ursache im Denken und Fühlen der einfachen Leute im Ausland, auch wenn es ihre Regierungen zweck¬ mäßig finden, die Reaktionen der öffentlichen Meinung zu bagatellisieren und im übrigen ihre Ansichten für sich zu behalten. Die Großindustrie hat ebenso häufig ihre eigennützigen Gründe, mit dem offiziellen Amerika auf gutem Fuß zu bleiben. Überall übt sie einen übermäßig großen Einfluß aus. Die amerikanische Regierung hat offensichtlich Mittel und Wege gesucht, diese Großindustrie daran zu erinnern, daß man von ihr die richtige Nutzung dieses Einflusses erwarte. (Die „New York Times" vom 28. Oktober 1966 bringt einen Bericht ihres Stockholmer Korrespondenten über Meinungsäußerungen in Schweden, die gegen den amerikanischen Krieg in Vietnam gerichtet sind, und ent¬ hält auch folgende Information: „Der Botschafter hat seine Bemühungen auf private Unterredungen konzentriert und auch darauf, Industrielle, Geschäftsleute sowie andere Gruppen darauf hinzuweisen, daß die Schweden sehr viel zu verlieren hätten, wenn sich das ,image' (Leitbild) ihres Landes in den Vereinigten Staaten verschlechtern sollte. Man hofft, daß diese Gruppen ihrerseits versuchen werden, die schwedische Regierung davon zu überzeugen, daß sie ... die antiamerikanischen Angriffe entschärfen solle.") Was aber die Situation anlangt, in die die Regierung der USA dieses Land mit der Vietnam-Frage gebracht hat, so hat selbst der sonst so mächtige Drude großindustrieller Kreise in keinem fremden Land mehr viel zu bedeuten. Es gibt keine einzige Regierung in Westeuropa, die es vor ihrem Volk wagen würde, als symbolische Geste der Sympathie für die Politik der Vereinigten Staaten auch nur eine kleine Einheit von Soldaten nach Vietnam zu ent¬ senden. Nicht einmal die englische Regierung, die in ihren Bemühungen, das Pfund Sterling auf dem ihren Gläubi¬ gern versprochenen Kurs zu halten, so beklagenswert 2