Chancen und Risken werden also in Belgien mit der Ent¬ schlossenheit akzeptiert, die dem großartigen Konzept die¬ ses modernen europäischen Kleinstaates das Gepräge geben. Belgien hat auch die erheblichen finanziellen Opfer nicht gescheut, die mit der Durchführung der Weltausstel¬ lung 1958 verbunden gewesen sind, und damit die Gele¬ genheit wahrgenommen, der städtebaulichen Ausgestal¬ tung seiner Hauptstadt einen souveränen Ausdruck zu geben. Chancen und Risken für Wien Es erhebt sich zum Schluß die Frage, ob und in Welchem Ausmaß ähnliche Voraussetzungen in Österreich gegeben sind. ? r*. Unbestreitbar ist die Tatsache, - daß die Bundeshaupt¬ stadt Wien etwas Einzigartiges an sich hat: sie-befindet sich nämlich an dem einzigen Punkt der Erdoberfläche, an dem nach 1945 die monolithischen Blöcke in Ost undWest so viel Raum gegeben Jiäben, daß zwischen den Blöcken der vor 1938 bestandene Staat frei, ungeteilt und unabhängig wie¬ derentstehen konnte. In einer Welt, in der es die Staats¬ kanzleien in Ost und West mit mehr Unruheherden zu tun haben, als ihnen lieb ist, bietet sich Wien geradezu als ein Clearing-Platz internationaler Beziehungen an. Darnach eignet sich aber Wien wie keine andere Stadt der Welt zur Ansiedlung von internationalen Organisatio¬ nen, zumal solcher, die auf der Basis der UNO bestehen. Vor zehn Jahren war die Ansiedlung der Internationalen Atomenergie-Organisation ein zaghaft begonnener Ver¬ such, dessen Prinzip Jahre hindurch nicht ernsthaft wei¬ terverfolgt worden ist. Erst in jüngster Zeit ist es den kon¬ sequenten Bemühungen der österreichischen Vertretung bei der UNO neuerdings gelungen, die Ansiedlung einer UNO-Organisation in Österreich vorzubereiten. Bei dem Vorvertrag, den Finanzminister Dr. Schmitz und Vizebürgermeister Slavik zum Zweck der Ansiedlung der UNIDO in Wien geschlossen haben, wird das Prinzip einer neuen Zusammenarbeit bei Teilung der Verantwor¬ tung und der Kosten sichtbar. Die Stadt Wien wird dar¬ nach den dritten Teil aller mit dem Projekt verbundenen Kosten auf sich nehmen und beträchtliche Vorbereitungen erbringen müssen. Diese Lösung ist (von dem augenblick¬ lichen praktischen Effekt abgesehen) deswegen von so grundsätzlicher Bedeutung, weil sie das Modell einer rich¬ tigen Koordinierung der Interessen und der Leistungen des Bundes und der Bundeshauptstadt ist und außerdem die Basis dafür, daß der weltstädtische Charakter Wiens erneut zum Tragen kommt. Der politische Himmel, der über der Ära dieses Ereignis¬ ses hängt, ist nicht wolkenfrei. Das Integrationsproblem hat für den Raum Wien ein beträchtliches Maß verschie¬ dener kalkulierter Risken; die Ost-West-Spannung, die im Zusammenhang mit dem Arrangement Österreich-EWG sichtbar wird, geht Wien ungleich stärker an als jeden anderen Punkt unseres Landes. Das System der künftigen Regionalplanungen in Öster¬ reich läßt noch nicht erkennen, ob damit verhängnisvolle Fehler, wie sie anläßlich der beiden Weltkriege entstanden sind, verfestigt und neue dieser Art hinzukommen wer¬ den, oder ob sich darnach das innerösterreichische Span¬ nungsverhältnis lösen wird; die Große Wohnungsreform, die auf dem Verhandlungstisch liegt, berührt aber das der¬ zeitige Thema 1 unserer Stadt, nämlich Wohnungen und Mieten, so wie das oben geschildert worden ist, geradezu existenziell. Die Untersuchungen dieses Aufsatzes müssen die Tat¬ sachenschilderung an einem Punkt der Entwicklung ab¬ brechen, an dem die Vorausberechnung der Zukunft Wiens eine Rechnung mit einigen unbekannten Größen ist. So wenig in einer Lage wie dieser eine visionäre Wissen¬ schaftlichkeit über Zukunftsrisken hinweghilft, so wenig würde der Stadt und ihrer Bevölkerung eine provisorische Daseinshaltung nützen. Man sagt den Wienern nach, sie wären ein genußfrohes, zuweilen willensschwaches oder gar ängstliches Volk; und doch haben an diesem Punkt zwischen 1848 und der Gegenwart die Auseinandersetzungen zwischen dem revo¬ lutionären und dem konservativen Prinzip der Politik mit einer ungeheuren Entschlossenheit und unter schwersten Opfern stattgefunden. Wenn es gelingt, diesen kämpferi¬ schen Selbstbehauptungswillen einer Bevölkerung nicht ia kriegerischen Handlungen zu erschöpfen, sondern an posi¬ tiven Leistungsaufgaben zu orientieren, dann wird es sich ereignen, daß die krisenhaften Ereignisse, die im letzten halben Jahrhundert unsere Stadt getroffen haben, nicht nur Quellen ihrer Kraft zum versiegen, sondern auch andere zu einem neueren und tieferen Aufquellen bringen werden. Das Bewußtsein dessen ist aber der Grund dafür, warum derzeit in Wien das Wort „Zusammenarbeit" nicht nur mit größeren Lettern geschrieben, sondern mit größe¬ rer Überzeugung praktiziert wird als an anderen Orten. „Kaiserliche Pracht" in der Wiener Staatsoper. , I ? ~~ . ??? ? 9 ? 1 / ? w /ÄifM. ?'IIIii I < II • ?????????x ?: % & 3;? &v1^ I , Hüf i — B ? ' >;• "Sil m IM I Im.. m mm