Friedrich Adler vor dem Ausnahmegericht SK Am 21. Oktober 1916 hat Friedrich Adler den österreichischen Minister¬ präsidenten Grafen Stürgkh in einem Wiener Restaurant erschossen. Wenn man vom zaristischen Rußland und dessen besonderen Verhältnissen absieht, waren diese Revolverschüsse der einzige Akt individuellen Terrors in der mehr als hundert Jahre langen Geschichte des demokrati¬ schen Sozialismus. Diese Schüsse wurden auch nicht von einem radikalen Extremisten abgegeben, nicht von einem unbeherrschten, die Folgen sei¬ nes Handelns nicht bedenkenden Fanatiker, sondern von einem scheuen Stubengelehrten, einem selbstlosen, gütigen, jeder Gewaltanwendung abholden Idealisten, mit dessen ganzem Wesen eine individuelle Aktion dieser Art im Grunde unvereinbar schien. Was ihn bewegte und was ihn zum Attentat auf Österreichs Regierungs¬ chef veranlaßte, hat Friedrich Adler in den beiden großen Reden erklärt, die er am 18. und am 19. Mai 1917 vor dem Ausnahmegericht in Wien gehalten hat. Nachstehend ein Auszug aus einer dieser Reden, entnommen aus dem soeben im Europa Verlag erschienenen Buch „Friedrich Adler vor dem Ausnahmegericht". Man kann sich heute kaum noch die ungeheure, revolutionierende Wirkung vorstellen, die von den Anklagereden Friedrich Adlers ausging, der das Forum des Ausnahmegerichtes meisterhaft zur Verbreitung der Wahrheit über das Habsburgerreich im Ersten Weltkrieg benützte. Sein Auftreten vor dem Gericht, das ihn pflichtgemäß zum Tode zu verurteilen hatte, war eine entscheidendere Tat als die Schüsse aus Protest gegen Kriea. und Absolutismus, zu denen Adler sich entschlossen hatte. Wir Sozialdemokraten, und nicht nur ich — der viel schlimmer ist als die anderen Sozialdemokraten —, sondern die ganze Partei hat sich immer zu dem Grundsatz bekannt: Österreich wird ein demokratischer Nationalitä¬ ten-Bundesstaat sein, oder es wird nicht sein. Entweder kann sich Öster¬ reich zu jenen Formen der Demo¬ kratie entwickeln, die in der kapi¬ talistischen Epoche nötig sind, wo die Bürger nicht mehr als Untertanen be¬ handelt und nicht mehr regiert wer¬ den können von einer Obrigkeit oder, wenn das nicht möglich sein sollte, dann wird und muß es schließlich eben doch zugrunde gehen. Wir Sozial¬ demokraten sind der Meinung ge¬ wesen, es ist möglich, daß sich Öster¬ reich zur Demokratie entwickle, und gerade die Sozialdemokraten haben sich die größte Mühe gegeben, immer wieder zu beweisen, wie man sich auf dem Boden der Demokratie in diesem Staate einrichten, wie die Völ¬ ker miteinander auskommen könnten. Aber, meine Herren, das waren un¬ sere Wünsche. Heute wissen wir nicht, was aus diesem Staate im Kriege noch werden wird, wissen wir nicht, wie der Krieg endet. Vor allem wußte ich am Anfang des Krieges nicht, ob Österreich liquidiert werden oder ob es weiter bestehen wird. Ich stand und stehe auf dem Standpunkt, daß wir mit beiden Eventualitäten zu rechnen haben. Ich habe keine dieser Eventualitäten gefördert, sondern ich habe mich auf den Standpunkt der striktesten Neutralität gegenüber Österreich gestellt. Ich habe gesagt, unsere Sache, die Sache des Sozialis¬ mus, ist eine so große Sache, eine so viel größere als die irgendeines temporären Staatsgebildes, daß wir ihr Schicksal nicht verknüpfen oder es gar kompromittieren dürfen durch die zu enge Verflechtung mit dem Schicksal eines Staates ... So sehr ich aber bestreite, daß es sich bei der Begründung dieser An¬ klage irgendwie um die Frage der staatlichen Existenz Österreichs han¬ deln kann, und sowenig ich an¬ dererseits den Anspruch erhebe, „Patriot" genannt zu werden und in keiner Weise darauf reflektiere, so sehr spielt Österreich in meinen Motiven eine Rolle. Allerdings nicht Österreichs staatliche Existenz, son¬ dern seine moralische Existenz! Der österreichische Geist, der spielt, wie Sie sehen werden, in meinen Motiven eine wirklich große und erhebliche Rolle! Schon im Gymnasium war mir klar und tief und innerlich ergreifend das wahrhaft heilige Wort der Schrift, daß die größte Sünde, jene Sünde, die nicht vergeben werden kann, die Sünde gegen den Geist ist. Diese größte Sünde, das ist die in Österreich landesübliche Sünde ... Es ist ein Staat, in dem man stets Verachtung für die Überzeugung des Menschen hatte, es ist ein Staat, wo man niemals anerkannte, daß das ein¬ zelne Individuum nach seiner Uber¬ zeugung handeln soll... Meine Herren, dieses Abgleiten von jeder Überzeugungstreue, diese Prin¬ zipienlosigkeit ist es, die mir immer den tiefsten Haß, nicht gegen Öster¬ reich als Staatsgebilde, sondern gegen Österreich als unmoralisches Gebilde eingeflößt hat. Friedrich Adler vor dem Ausnahme¬ gericht. Herausgegeben und eingeleitet von I. W. Brügel. Europa Verlag, Wien 1967. 280 Seiten, Leinen, S 138.—.