Bedrich Levcik gegenwärtige Zivili¬ sation nimmt ständig dynamischere For¬ men an, da sie stän¬ dig mehr durch die Wissenschaft, diesen „launenhaftesten Faktor der Zeitge¬ geschichte" (J. R. Forbers), beherrscht wird. Stabilisierte Bindungen und Rela¬ tionen, auf die sich bisher alle wissen¬ schaftlichen Progno¬ sen der Zukunft ge¬ stützt haben, werden umgewälzt. Auf diese Weise wird die reale Basis für die plan¬ gemäße Bewegung und Entwicklung unserer Zivilisation untergraben. Und trotzdem: Je schwieriger und komplizierter die Abschät¬ zung der zukünftigen Entwicklung wird, um so hart¬ näckiger versuchen die Menschen mittels neuer wissen¬ schaftlicher Methoden die Zukunft zu ergründen und die Möglichkeit ihrer planmäßigen Beeinflussung zu finden. Dieser Widerspruch unserer heutigen Zivilisation hat anscheinend gemeinsame Wurzeln: Je mehr die Wissen¬ schaft in das System der Produktivkräfte eindringt, desto mehr eröffnen sich die Voraussetzungen für eine rationelle Erfas¬ sung und planmäßige Beherrschung aller Zivilisationsprozesse, aber zugleich ver¬ mehren sich die Alternativen und die Dynamik, die eine Folge neuer wissen¬ schaftlicher Erkenntnisse sind. Die Frage, ob die Zukunft geplant wer¬ den kann, hängt also hauptsächlich von unseren Fähigkeiten ab, die Prozesse, welche bereits heute objektiv vor sich gehen, zu erfassen, sie in ihrer historischen Bedingtheit zu begreifen und ihren Ablauf planmäßigen Eingriffen zu unterwerfen. Aber diese Möglichkeiten ergeben sich erst dort, wo die gesamte Zivilisations¬ grundlage bereits das Ergebnis hochent¬ wickelter gesellschaftlicher Produktiv¬ kräfte ist und wo auch die Voraussetzun¬ gen rationeller Eingriffe im gesamtgesell¬ schaftlichen Interesse vorhanden sind. Und hier sind es gerade gesellschaftliche Be¬ dingungen, welche menschliches Verhalten der gesellschaftlichen Kontrolle unterstel¬ len und damit einen höheren Grad ratio¬ neller Steuerung gewährleisten können. Die ungeplante Zukunft führt zur Katastrophe In unserer gemeinsamen Forschungs¬ arbeit sind wir zu dem Ergebnis gekom¬ men, daß wir in einer Epoche ähnlicher grundlegender Veränderungen aller Zivilisationsprozesse stehen, die der industriellen Revolution der vergangenen Jahrhunderte in nichts nachstehen. Es zeigt sich, daß gerade diese Zeit der Umwälzung, die wir wissenschaftlich¬ technische Revolution nennen, zu einer Periode der Be¬ mühungen um eine zielbewußte Steuerung der Zivili¬ sationsprozesse und der langfristigen Planung der Zukunft überhaupt geworden ist. An Stelle der früheren, relativ kurzen Zeithorizonte der Fünfjahrespläne, deren Ablauf wesentlich durch die Dauer der Investitionszyklen der Industrialisierungsepoche bestimmt ist, treten die lang¬ fristigen Termine der Perspektivplanung, die weitgehend durch den Zyklus wissenschaftlicher Erkenntnisse und der Bildungsdauer hochqualifizierter Kräfte beeinflußt sind. Aber verlassen wir für einen Augenblick die Frage der Möglichkeit der Zukunftsplanung und stellen wir uns vielmehr die Frage der Alternative, der spontanen, un¬ gesteuerten Entwicklung im Zeitalter der wissenschaft¬ lich-technischen Revolution. Die unerhörte Macht der gegenwärtigen Wissenschaft und Technik gibt unserer Zeitgeschichte eine neue Dimension. Zwischen Mensch und Natur steht nicht mehr nur der Arbeitsgegenstand, das Instrument, welches er beherrscht, sondern ein in sich geschlossener, sich zum großen Teil selbst regulierender, also automatischer Produktionsprozeß, der sich der Macht des einzelnen entzieht, seine eigenen Gesetzmäßigkeiten und inneren Tendenzen hat und der nur durch die Kräfte der Wissenschaft beherrschbar ist. Und so ist die moderne Technik nicht nur imstande, die Kräfte des Menschen für seine eigene Entfaltung freizustellen, sondern zugleich auch die Menschheit zu vernichten. Bauwerk der Zukunft: Der englische Pavillon auf der EXPO 1967, Montreal. :-,x t • r \ 17