Die katastrophalen Vernichtungsmöglichkelten der Kernenergie sind bekannt. Aber neue Gefahrenmomente entstehen auf allen Seiten. Ist es nicht nur eine Frage der Zeit, bis die Biologie zum genetischen Code durch¬ dringt und eventuell die Fähigkeit erwirbt, in die Struk¬ tur der lebenden Substanz einzugreifen? Was geschieht, wenn die Folgen dieser Entdeckungen nicht rechtzeitig erkannt, vorhergesehen und gesteuert werden? Oder noch schlimmer, wenn die Gesellschaftssysteme nicht fähig sein sollten, bereits erkannten möglichen katastrophalen Fol¬ gen auszuweichen? Hier geht es nicht um phantastische Vorstellungen der Science Fiction. Die unmittelbare Gegenwart beweist, daß die ungemeisterte Kraft der Wissenschaft vernichtend wirkt. Nehmen wir zum Beispiel die Bevölkerungs¬ explosion in der sogenannten „Dritten Welt". Man könnte der Meinung sein, daß diese Welt vor ganz anderen Problemen steht als denen der Wissenschaft und Technik. Aber dies wäre nur ein oberflächlicher Trug: Die Bevöl¬ kerungsexplosion ist doch nicht die Folge eines plötzlich erweckten stärkeren Fortpflanzungstriebs in drei Welt¬ kontinenten, sondern der Ausdruck des durch die Fort¬ schritte der Medizin und Hygiene gestörten ehemaligen natürlichen Gleichgewichts, das jahrtausendelang durch Epidemien und Hungersnot aufrechterhalten worden war. Der einseitige Fortschritt der Wissenschaft bringt un¬ gewollte Folgen. Die Ernährungsbasis hält nicht Schritt, ein sich ständig vergrößernder Prozentsatz der Welt¬ bevölkerung ist zu Armut und Hunger, aber zugleich zu Unwissen verurteilt und paradoxerweise gerade infolge der Fortschritte des menschlichen Wissens. Dies bedeutet zugleich, daß heute ohne die koordinierte Hilfe der Welt¬ wissenschaft und Technik die Problematik ganzer Kon¬ tinente unlösbar ist. In ausweglose Situationen würde die gesamte Mensch¬ heit geraten, wenn sie nicht rechtzeitig die Methode der rationalen Planung erlernt. Falls unsere Vorstellungen richtig sind, dann gibt es keine andere Alternative. Die ungeplante Zukunft in der Epoche der wissenschaftlich¬ technischen Revolution führt unweigerlich zur Kata¬ strophe. Die richtige Fragestellung lautet infolgedessen: Wie muß die Gesellschaft umgestaltet werden, damit sie fähig ist, ihre eigene Zukunft zu planen? Um diese kon¬ kretere Frage zu beantworten, ist es notwendig, den Charakter des beginnenden Prozesses der wissenschaft¬ lich-technischen Revolution zu begreifen. Tiefgreifende Strukturänderungen Eine Untersuchung der empirischen Daten läßt erken¬ nen, daß in den letzten Jahrzehnten eine Reihe von Tendenzen häufig unerwartet von früheren Entwicklungs¬ linien und Proportionen abweicht. Das ungeheure Wachs¬ tum der Wissenschaft, gemessen zum Beispiel an der steigenden Anzahl der Wissenschaftler und an den wach¬ senden Ausgaben für Forschung und Entwicklung in den letzten Jahren, ist bekannt. Eine sichtliche Beschleuni¬ gung der Arbeitsproduktivität macht sich bemerkbar: Nach amerikanischen Berechnungen ist die Produktion pro Arbeitsstunde in den letzten zwei Jahrzehnten um 75 Prozent schneller gewachsen als im vorhergehenden 1 Zum Beispiel V. Langenti&re, „Le capitalisme contemporain et la croissance" in Economie et Politique, 107—8, 109/1963. Zeitabschnitt. Analysen europäischer Autoren' lassen keinen Zweifel offen, daß die gleiche Tendenz für die Industriell hochentwickelten europäischen Staaten gilt. Zu bemerkenswerten Veränderungen kommt es in der Struktur der gesellschaftlichen Arbeitskraft. Diese neuen Tendenzen zeigen einen gesetzmäßigen Verlauf, der eine enge Korrelation zwischen dem Grad der technischen Entwicklung und der Zweigberufs- und Qualifikations¬ struktur der Arbeitskräfte aufweist. Bekannt und um¬ stritten ist die Verlagerung der Arbeitskräfte aus dem primären Sektor — der Landwirtschaft — zunächst in den sekundären Sektor (Industrie und Bauwesen) und später besonders in den tertiären Sektor der Dienst¬ leistungen, der nicht nur den gesamten Abstrom aus der Landwirtschaft auffängt, sondern in den entwickeltsten Ländern auch aus der Industrie. Auch in der Entwicklung der Berufsstruktur mit den entsprechenden Folgen für das Qualifikationsniveau zei¬ gen sich grundlegende Veränderungen ab. Eine der wich¬ tigsten Tendenzen hier ist das absolute und relative Anwachsen der Angestelltenkategorien. Innerhalb der Arbeiterberufe kommt es ebenfalls zu bemerkenswerten Qualifikationsverschiebungen. Es wächst der Anteil der Arbeiter, die komplizierte Maschinenaggregate als Maschineneinsteller, Instandhalter und Reparaturfach¬ leute bedienen, also in Berufen, die ein höheres und breiteres Qualifikationsprofil erfordern. In den nicht¬ manuellen Berufen wächst besonders die Anzahl von Ingenieuren und Technikern, ganz zu schweigen von der Anzahl von Wissenschaftlern. Selbstverständlich kommt im wirklichen Leben diese Tendenz nicht immer so klar zum Ausdruck, und neben einer allgemeinen Erhöhung der Qualifikationsanforderungen setzen sich manchmal auch Gegentendenzen durch. Aber die allgemeine grund¬ legende Richtung der Entwicklung ist klar: In den letzten Jahrzehnten erhöhten sich die Qualifikationsansprüche. An einer Scheidelinie der Geschichte Die Frage ist, wie wir diese empirisch beobachteten Entwicklungstendenzen bewerten müssen. Geht es hier lediglich um die Koinzidenz verschiedener Zufälligkeiten oder vielmehr um tiefere Tendenzen der gegenwärtigen Zivilisation? Selbstverständlich können wir nicht alle Wege unserer interdisziplinären Forschungsarbeit, besonders ihrer ersten analytischen Phase, hier wiedergeben. Aber wenn wir selbst unsere bisherigen Ergebnisse eine Arbeitshypothese nennen, beruht auch sie bereits auf fundierten Unter¬ suchungen und empirischem Material, welches uns er¬ laubt, von einer neuen Erscheinung der wissenschaftlich¬ technischen Revolution zu sprechen. Alles deutet darauf hin, daß wir uns — 100 bis 200 Jahre nach der industriel¬ len Revolution — am Beginn eines neuen Stromes von Zivilisationsveränderungen befinden, vor Umwälzungen eines neuen Typs, die zwar an die bisherige Entwicklung der Industriezivilisation anknüpfen, aber in vielen Rich¬ tungen andere und häufig — besonders im Bereich der gesellschaftlichen und menschlichen Zusammenhänge — direkt entgegengesetzte Tendenzen aufweisen. Falls dieser Schluß richtig ist, dann können wir für unsere weitere Forschung und noch mehr für unsere Prognosen und Zukunftspläne nicht mehr mit der Be¬ schreibung der an der Oberfläche liegenden empirischen 18