Fragen der Arbeitszeitverkürzung Ein Gespräch mit Präsident Benya Arbeit und Wirtschaft: Am 12. September des ver¬ gangenen Jahres haben Sie, Kollege Benya, in einem Rundfunkinterview erklärt, eine der dringlichsten sozialpolitischen Forderungen sei die Herabsetzung der Arbeitszeit von derzeit 45 auf 40 Wochenstunden in einem Zeitraum von etwa drei Jahren. Führende Vertreter der österreichischen Wirtschaft sowie ihnen nahestehende Presseorgane, aber auch unabhängige Publikationen zeigten sich über diese Forderung äußerst überrascht und lehnten sie in vielen Fällen rundweg ab. Benya: Die Ablehnung ist verständlich, denn es gibt fast keine gewerkschaftliche Forderung, der die Unternehmerschaft sofort zugestimmt hätte. Nicht verständlich waren die Zeichen der Überraschung. Die Forderung nach schrittweiser Verkürzung der Arbeitszeit auf 40 Wochenstunden wurde nämlich sowohl vom 6. Bundeskongreß des ÖGB im Jahre 1967 als auch schon vom 5. Bundeskongreß im Jahre 1963 einhellig erhoben. Ja, sie liegt noch weiter zurück, weil sie schon in das Aktionsprogramm des ÖGB auf¬ genommen wurde, das der 3. Bundeskongreß im Jahre 1955 beschlossen hat. In einer „Stellungnahme zur Wirtschaftspolitik, Sozialpolitik und Kulturpolitik" hat der 4. Bundes¬ kongreß des ÖGB im Jahre 1959 diese Frage neuer¬ lich angeschnitten und die Forderung nach weiterer schrittweiser Verkürzung der Arbeitszeit im Sinne des Aktionsprogramms bestätigt. Genaugenommen liegt also die Forderung nach schrittweiser Verkürzung der Arbeitszeit in Richtung auf die Vierzigstundenwoche bereits seit mehr als dreizehn Jahren vor. Gewerkschaftliche Beschlüsse werden aber nicht gefaßt, um späteren Geschichts¬ schreibern als Beispiel für unerfüllte Wunschträume zu dienen, sondern sie werden gefaßt, um im Interesse der österreichischen Arbeitnehmerschaft verwirklicht zu werden. Arbeit und Wirtschaft: Dem Gewerkschaftsbund wird vorgeworfen, mit dieser Forderung handle es sich um einen Wahlschlager für die Nationalratswahlen des Jahres 1970. Benya: Das ist leicht zu widerlegen, denn alle Be¬ schlüsse in dieser Frage wurden in den maßgebenden Organen des Gewerkschaftsbundes von Vertretern aller politischen Fraktionen des ÖGB einhellig gefaßt, so auch am 24. September des vergangenen Jahres vom Bundesvorstand des österreichischen Gewerk¬ schaftsbundes. Arbeit und Wirtschaft: Während bei früheren Be¬ strebungen nach kürzerer Arbeitszeit — etwa vor sechzig oder siebzig Jahren — die Stellungnahme von Unternehmervertretern ein hartes Nein ausdrückte, gibt es jetzt etwas vorsichtigere Äußerungen. So er¬ klärte der Leiter der wirtschaftspolitischen Abteilung der Bundeskammer der gewerblichen Wirtschaft, Dok¬ tor Alfred Klose, am 6. Dezember in einer Fernseh¬ sendung, auch die gewerbliche Wirtschaft sei sich dar¬ über im klaren, daß es natürlich irgendwann wieder eine Arbeitszeitverkürzung geben werde. Die ständig steigende Produktivität werde das neben Einkommen¬ steigerungen, neben Lohnsteigerungen im Laufe der siebziger Jahre sicher ermöglichen. Die große Gefahr sei aber, gerade in einer politisch etwas hektischen Zeit eine Entscheidung eben zu frühzeitig zu treffen. Es wird also die Forderung anerkannt, aber gleichzei¬ tig festgestellt, daß gegenwärtig nicht der geeignete Zeitpunkt dafür sei. Benya: Wenn es um den geeigneten Zeitpunkt für die Erfüllung gewerkschaftlicher Forderungen geht, so ist er nach Ansicht der Unternehmer eigentlich fast nie gegeben. In der Hochkonjunktur kann man die Arbeitszeit nicht verkürzen, weil Arbeitskräfteman¬ gel herrscht. Während einer Konjunkturflaute vertra¬ gen die Unternehmungen keine zusätzlichen Belastun¬ gen, und bei einem Konjunkturaufschwung kann es erst recht keine Arbeitszeitverkürzung geben, weil sonst eben dieser Aufschwung gefährdet wäre. Die Wirtschaftsfachleute der Arbeiterkammern und des Gewerkschaftsbundes sind aber der Meinung, daß auch aus volkswirtschaftlichen Gründen die schrittweise Verkürzung der Arbeitszeit in Angriff genommen werden müßte. Arbeit und Wirtschaft: Wirtschaftsfachleute der Gegenseite erheben hingegen schwerste volkswirt¬ schaftliche Bedenken. Sie sagen, es müsse jetzt viel¬ mehr alles darangesetzt werden, den sich nur zögernd anbahnenden Konjunkturaufschwung nicht zu hem¬ men oder gar zu verhindern. Eine Arbeitszeitverkür¬ zung von auch nur geringem Ausmaße könnte aber 10 % V'?' $ os So sieht ein Unternehmerblatt die Gewerkschaftsforderung nach schrittweiser Kürzung der Arbeitszeit. Aus der Zeitung „Das Gewerbe" („Die Zeitung der österreichi¬ schen Gewerbetreibenden", Nr. 23/9. Jg., 10. Dezember 1968) 2