den Lebensstandard in Österreich stagnieren lassen oder gar senken. Benya: Ähnlich düstere Prognosen gab es auch vor einem Jahrzehnt, als der Gewerkschaftsbund die Fünfundvierzigstundenwoche anstrebte. So schrieb die Tageszeitung „Die Presse" am 4. Juli 1958: „Österreich würde ein unverantwortliches Risiko ein¬ gehen, wenn es eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung zu einem Zeitpunkt einführte, in dem man noch keines¬ wegs übersehen kann, ob dadurch nicht unsere Stellung auf dem internationalen Markt schwer erschüttert wer¬ den könnte ... In einem beträchtlichen Teil der Wirtschaft fehlen die Möglichkeiten zur Produktionssteigerung, so in vielen Zweigen des Gewerbes, bei den Klein- und Mittelbetrieben sowie bei den Betrieben des Handels, des Verkehrs und des Fremdenverkehrs." Das Wochenblatt der Bundeskammer der gewerb¬ lichen Wirtschaft, „Die Wirtschaft", drückte die Beden¬ ken unserer Wirtschaftspartner damals noch viel här¬ ter aus, indem es am 3. Mai 1958 schrieb: „Praktisch vermindert sich das nationale Arbeitspro¬ dukt bei einer Herabsetzung der Arbeitszeit von 48 auf 40 Wcchenstunden um 16,66, bei 45 Stunden vorerst um 6,25 Prozent. Der Lebensstandard muß daher um diesen Prozentsatz sinken." Als aber 1959 die Fünfundvierzigstundenwoche ein¬ geführt wurde, kam es weder zu einem Sinken des Lebensstandards, noch zu Produktionseinbußen. Die Produktivität stieg im Jahre 1959 um 6,2 Pro¬ zent, im Jahre 1960 um 7,4 Prozent. Das waren — das Jahr 1964 ausgenommen — die höchsten Produktivi¬ tätszuwachsraten im letzten Jahrzehnt. Das heißt, daß eine Arbeitszeitverkürzung auch den Anstoß für die Modernisierung von Betrieben gibt und die Unter¬ nehmerschaft zwingt, neue Initiativen zu ergreifen, während so mancher Unternehmer heute noch glau¬ ben mag, niedrigere Löhne und längere Arbeitszeit als in anderen westlichen Ländern könnten die inter¬ nationale Wettbewerbsfähigkeit österreichischer Be¬ triebe garantieren. Arbeit und Wirtschaft: In der bereits erwähnten Fernsehsendung hat Dr. Herbert Kinzel von der Bun¬ deskammer der gewerblichen Wirtschaft dieses Ge¬ werkschaftsargument zurückgewiesen. Er meinte, es würde, wenn es richtig wäre, voraussetzen, daß die österreichische Unternehmerschaft nicht ohnehin alles daran setzt, um die Produktivität zu erhöhen und dadurch im Vergleich zum Ausland wettbewerbs¬ fähig zu bleiben oder die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Man täte der Unternehmerschaft unrecht, wenn man annehmen würde, daß sie auf einen Ansporn durch eine Arbeitszeitverkürzung warten wollte. Benya: Selbstverständlich gibt es wirtschaftlich fortschrittliche Unternehmer. Das wollen wir gar nicht leugnen, aber gerade in wirtschaftlich gut ge¬ führten und leistungsfähigen Betrieben ist es heute schon möglich, mit einer kürzeren Arbeitszeit als 45 Wochenstunden in der internationalen Konkurrenz zu bestehen. Der österreichische Gewerkschaftsbund hat ja auch nicht, wie gelegentlich irreführend argu¬ mentiert wird, die Verkürzung der Arbeitszeit um EXPORT" a ARBEITSZEIT 48 45 43 iO dEN „Alles geht nach oben — nur Sie spielen nicht mit!" Aus der Monatszeitschrift des Deutschen Gewerkschaftsbundes „Die Quelle" (Jänner 1964) fünf Wochenstunden verlangt. So fragte zum Beispiel die von einem Institut der Industriellenvereinigung herausgegebene „Industriezeitung der Werktätigen", ob wir uns es wirklich leisten könnten, eine Stunde früher Feierabend zu machen. Die Forderung des Gewerkschaftsbundes geht eben nicht danach, eine Stunde früher Feierabend zu machen, sondern nach schrittweiser Einführung der Vierzigstundenwoche. Arbeit und Wirtschaft: Der bekannte unabhängige Wirtschaftspublizist Professor Horst Knapp, der den Gewerkschaften gegenüber durchaus vorurteilsfrei eingestellt ist, erklärte, die Frage, ob die österrei¬ chische Wirtschaft die Arbeitszeitverkürzung bewäl¬ tigen könne, sei nicht richtig gestellt. So wäre ein für 1968 zur Verfügung stehender Lohnerhöhungsspiel¬ raum .von nominell 7 Prozent durch eine Stunde Arbeitszeitverkürzung bereits zur Hälfte ausge¬ schöpft. Daß wir uns die Arbeitszeitverkürzung lei¬ sten und dennoch den Lebensstandard erhöhen könn¬ ten, sei nur in begrenztem Maße möglich. Wenn man aber die Arbeitnehmer klar vor die Alternative stelle, ob sie entweder lieber eine zweiprozentige Reallohn¬ erhöhung haben oder eine Stunde weniger arbeiten wollten und Urabstimmungen in den Gewerkschaften in Richtung Arbeitszeitverkürzung gingen, so sei er der letzte, der sich einem solchen demokratischen Ent¬ schluß widersetzen würde. Benya: Solche Urabstimmungen würden — das wis¬ sen die Unternehmer sehr genau — die Politik der Gewerkschaften bestätigen. Die Forderung des Ge¬ werkschaftsbundes wurde ja nicht im leeren Raum erhoben. Sie wird von der arbeitenden Bevölkerung zum überwiegenden Teil als notwendige Forderung betrachtet. Arbeit und Wirtschaft: Die Wochenschrift der Indu¬ striellenvereinigung, „Die Industrie", berichtete vor