kurzem, einem bekannten Industriellen, Chef eines der größten devisenbringenden Unternehmen Öster¬ reichs, hätten die Betriebsräte seiner Werke ihre Sorge wegen einer etwaigen Arbeitszeitverkürzung ausgedrückt. Die Arbeiter und Angestellten hätten schon jetzt Schwierigkeiten, ihre lange Freizeit und die sich daraus ergebenden Bedürfnisse zu finanzieren. In der Fernsehsendung vom 6. Dezember behauptete ein Unternehmer, der in Wien etwa hundert Einzel¬ handelsgeschäfte betreibt, seine Angestellten seien gegen die Forderung nach der Vierzigstundenwoche. Benya: Im ersten Fall wäre es interessant, wenn „Die Industrie" den Betrieb beim Namen genannt hätte, im zweiten Fall wäre es interessant, wenn der Fernsehreporter nicht den Unternehmer nach der Einstellung seiner Angestellten gefragt hätte, son¬ dern die Angestellten selbst. Die vom ÖGB geforderte Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf vierzig Stun¬ den wird in den Betrieben nicht nur lebhaft disku¬ tiert, sondern hat unter den Arbeitnehmern ein sehr positives Echo gefunden. Das ergab eine Untersuchung, die von der Arbeits¬ gemeinschaft für Sozialforschung in den letzten Wochen bei einem repräsentativen Querschnitt der österreichischen Arbeitnehmer durchgeführt wurde. Auf die Frage: „Wie stehen Sie persönlich zur Ver¬ kürzung der Arbeitszeit?" antworteten 52 Prozent „Die Vierzigstundenwoche hätte längst eingeführt werden müssen", 22 Prozent antworteten: „Die Vier¬ zigstundenwoche soll etappenweise eingeführt wer¬ den", 19 Prozent antworteten: „Es gibt zur Zeit wich¬ tigere Probleme" und nur 7 Prozent antworteten: „Die Vierzigstundenwoche ist aus wirtschaftlichen Gründen noch nicht zu verantworten." Die nähere Befragung jener, die vehement für die Arbeitszeitverkürzung eintreten, zeigte, daß sie auch auf ihrem eigenen Arbeitsplatz eine Arbeitsersparnis durchaus für möglich halten, vorausgesetzt, daß die Arbeit entsprechend koordiniert und rationalisiert wird. Arbeit und Wirtschaft: Kritiker der Gewerkschafts¬ forderung verweisen darauf, daß dies in einigen wesentlichen Wirtschaftszweigen — zum Beispiel im Gastgewerbe — gar nicht möglich sei. Benya: Schon bei der Einführung der Fünfundvier¬ zigstundenwoche wurde für einige Wirtschaftszweige diese Behauptung aufgestellt. Die Praxis zeigte aber, daß sich nach einer gewissen Übergangsperiode die neue, kürzere Arbeitszeit als durchaus tragbar her¬ ausstellte. Nach Kriegsende betrug im Gastgewerbe die Arbeitszeit noch 60 Wochenstunden! Die Ver¬ kürzungen auf 48 und später 45 Stunden wurden aber verkraftet, und bei einigem guten Willen wird auch die neue schrittweise Verkürzung aufgefangen wer¬ den. Auch im Gastgewerbe ist — zum Beispiel durch Einrichtung von Selbstbedienungsrestaurants in Bal¬ lungszentren des Fremdenverkehrs — eine gewisse Rationalisierung durchaus möglich. Das Fremdenver¬ kehrsgewerbe wird auch Arbeitnehmern aus jenen Industriezweigen, in denen Personalreduktionen vor¬ genommen werden müssen, neue Arbeitsplätze bieten können, denn die steigenden Übernachtungszahlen 4 wird man auf die Dauer ohnehin mit dem gleichen Personal nicht bewältigen können. Ausnahmen für einzelne Wirtschaftszweige wären schon deshalb ungünstig, weil sich dann die Abwande¬ rung in andere Berufe mit besseren Arbeitsbedingun¬ gen verstärken würde. Arbeit und Wirtschaft: Die Forderung nach schritt¬ weiser Verkürzung der Arbeitszeit wird also grund¬ sätzlich für alle Berufsgruppen erhoben. Benya: Die Forderung wird grundsätzlich für alle erhoben, wenn wir auch wissen, daß es leider heute noch gewisse Arbeitnehmergruppen gibt, die zwangs¬ weise längere Arbeitszeiten aufweisen als der Durch¬ schnitt. Wie sich die Verkürzung der Arbeitszeit im einzelnen auswirken würde, untersucht ja zur Zeit der Beirat für Wirtschafts- und Sozialfragen. Das Ergeb¬ nis dieser Untersuchung wird bald vorliegen, worauf es sicherlich zu weiteren Gesprächen zwischen Bun¬ deswirtschaftskammer und Gewerkschaftsbund kom¬ men wird. Arbeit und Wirtschaft: Vor zehn Jahren wurde die Arbeitszeitverkürzung durch einen Generalkollektiv¬ vertrag zwischen Bundeswirtschaftskammer und Ge¬ werkschaftsbund erreicht, und gesetzliche Bestim¬ mungen gab es dann nur für den öffentlichen Dienst. Warum verlangt der Gewerkschaftsbund dieses Mal eine Regelung im Rahmen eines Arbeitszeitgesetzes? Benya: Auch die Forderung nach einem modernen Arbeitszeitgesetz ist nicht neu, sondern wird von den Gewerkschaften seit Jahr und Tag erhoben. So steht in Österreich immer noch die „Reichsdeutsche Arbeits¬ ordnung" mit ihrer Achtundvierzigstundenwoche in Geltung. Ja, zwei der obersten Gerichtshöfe, der Ver¬ fassungsgerichtshof und der Verwaltungsgerichtshof, sind sich nicht einmal darüber einig, ob die kriegswirt¬ schaftliche Ausnahmeverordnung, welche den zehn¬ stündigen Arbeitstag und die sechzigstündige Arbeits¬ woche brachte, noch gilt oder nicht. Die Gewerkschafter betrachten es ganz einfach als eine Schande, daß in Österreich 23 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges noch Bestimmungen der Nazizeit gelten sollen, die in der Bundesrepublik Deutschland schon längst abgeschafft worden sind. Darum fordern die Gewerkschafter, daß dieser Ana¬ chronismus abgeschafft werde. Ein neues, modernes österreichisches Arbeitszeit¬ gesetz soll aber nicht nur die bestehende Fünfundvier¬ zigstundenwoche in unserer Rechtsordnung ver¬ ankern, es soll auch den etappenweisen Übergang zur Vierzigstundenwoche vorsehen. Das soll jedoch nicht nur für die starken Arbeitnehmergruppen der Fall sein, die sich diesen Fortschritt auf jeden Fall auch auf kollektivvertraglichem Wege erkämpfen könnten, sondern für alle österreichischen Arbeiter, Angestell¬ ten und Beamten. Arbeit und Wirtschaft: In der Diskussion um die Arbeitszeitverkürzung taucht immer wieder das Argument auf, die Arbeitnehmer wüßten mit ver¬ mehrter Freizeit ohnehin nichts Rechtes anzufangen oder sie würden jede Stunde neu gewonnener freier Zeit für Pfuscharbeiten und Nebenbeschäftigungen verwenden. Benya: Diese Behauptung ist nicht bewiesen, aber