Seit dem Aktionsprogramm 1955 gehören die Ge¬ sundheitsprobleme zu den Schwerpunkten der gewerk¬ schaftlichen Sozialpolitik. Abgesehen von den erwähn¬ ten Erfolgen der Einführung der 45-Stunden-Woche und des 3-Wochen-Urlaubs konnten insbesondere in der Sozialversicherung mehr und neue Maßnahmen der prophylaktischen Betreuung der Versicherten ein¬ geführt werden. Der Erfolg all dieser Maßnahmen läßt sich nicht in Ziffern ausdrücken. Es kann jedoch sicher angenommen werden, daß die erschreckende Entwick¬ lung der Frühinvaliditätsziffern noch bedrückender wäre, wenn solche Maßnahmen nicht bestünden. Arbeitsbedingungen und Gesundheit Mediziner wurden um ihr Urteil gefragt, welchen Einfluß die Arbeitsbedingungen auf die Gesundheits¬ verhältnisse besitzen. Nahezu übereinstimmend wurde festgestellt, daß die modernen Arbeitsmethoden, die zunehmende industrielle arbeitsteilige Produktion und damit die Auflösung der Arbeitsvorgänge in wenige Handgriffe sowie die zunehmende Einführung auto¬ matischer Produktionsverfahren die Belastungen des Menschen zwar einerseits in mancher Beziehung ver¬ ringern, aber andererseits neue Belastungen zur Folge haben. Viele Arbeitskräfte werden während des Arbeitsganges nur sehr einseitig, etwa durch ständig gleichbleibende Handgriffe, belastet. Bei vielen Arbeitskräften hat sich die Belastung von der physi¬ schen auf die psychische Anspannung verschoben. Im allgemeinen wird der industrielle Arbeitnehmer wäh¬ rend seiner Arbeitsleistung immer weniger bewegt. Die vom Körper verlangte gleichmäßige Anspannung geht während der Arbeitstätigkeit verloren. Die Be¬ schleunigung der einzelnen Arbeitsvorgänge und die damit meist verbundene höhere Konzentration sowie oftmals der Wegfall von Arbeitspausen führen zu einer stärkeren nervlichen Anspannung und damit auch zu einer stärkeren Belastung des zentralen Nerven¬ systems. Daraus ist auch zu erklären, daß in der Früh- invaliditäts-, aber auch in der gesamten Krankheits¬ statistik die Herz- und Gefäßerkrankungen sowie die nervlich bedingten Erkrankungen eine immer größere Bedeutung erlangen. Der Autor hat sich mit diesen Fragen schon vor län¬ gerer Zeit beschäftigt und hiezu ausgeführt4: Ermüdung und Gesundheit „Jede Arbeit ist Energieverbrauch. Bis zu einer gewissen Grenze ist ein solcher für den Körper erforderlich, er be¬ günstigt die Erneuerung und Kräftigung der Organe. Innerhalb dieser Grenze ist mit wenig Aufwand ein günsti¬ ger Arbeitserfolg zu erzielen. Der vollkommen ausgeruhte Arbeiter braucht sogar einige Zeit, um in Schwung zu kommen. Bei längerer Dauer der Arbeit treten aber Er- müdungs- und Erschöpfungszustände ein, die auch die Arbeitsleistung absinken lassen. Während die Arbeit beim ausgeruhten Körper zunächst zu einer Erweiterung der Blutgefäße führt, tritt bei Übermüdung eine Verengung ein. Das Herz muß mehr Kraft aufwenden, um den Mus¬ keln Blut zuführen zu können. Der Übermüdung kann in ' Weißenberg: „Warum Verkürzung der Arbeitszeit?", Arbeit und Wirtschaft, Mai 1966. gewissem Umfang durch die Einführung von Kurzpausen entgegengewirkt werden, die in ihrer Wirkung vor allem auf den Ausgleich von partiellen Ermüdungen gerichtet sind. Der Arbeitsprozeß führt aber nicht nur zur Bean¬ spruchung einzelner Körperteile, sondern nimmt den ge¬ samten Körper in Beschlag. Er braucht nach der Anstren¬ gung genügend Zeit, um sich erholen zu können. Die Dauer der Arbeitszeit und der Ruhezeiten ist deshalb so zu be¬ messen, daß Verbrauch und Ergänzung der Körperaufbau¬ stoffe im richtigen Verhältnis zueinander stehen. Das tägliche Arbeitsvermögen ist begrenzt durch die Möglichkeit, dem Körper die notwendigen Aufbaustoffe zuzuführen. Wird ein Körper übermüdet und steht ihm nicht genügend Zeit zur Erholung zur Verfügung, so wer¬ den Übermüdungsreste von einem auf den anderen Tag hinübergeschleppt. Die Ermüdung am folgenden Tag tritt früher ein und führt rascher zu Erschöpfungszuständen. Der Produktionserfolg sinkt unter den gewöhnlichen Durchschnitt; bei Leistungslöhnen sinkt damit auch der Verdienst. Die Arbeiter werden bemüht sein, mit größerer Willens- und Körperanstrengung den Verdienstabfall zu vermeiden oder auszugleichen, so daß der Ermüdungszu¬ stand noch mehr vergrößert und schließlich zu einem Dauerzustand wird, der zum Zusammenbruch oder zu¬ mindest zum frühzeitigen Verfall der körperlichen Kräfte führen muß. Das neue Übel: Die Monotonie Man mag nun einwenden, daß alle diese Erkenntnisse schon im Kampf um den 8-Stunden-Tag vorgebracht wur¬ den, aber durch die Zunahme der Technisierung heute überholt sind. Tatsächlich wurde die schwere körperliche Arbeit durch die Maschine weitgehend abgelöst. Aber gerade die Technisierung hat neue Probleme entstehen lassen, die den alten Erkenntnissen neue Aspekte ver¬ leihen. Während die Arbeitsleistung der Vergangenheit aus einer Vielfalt von Arbeitsvorgängen bestand und ab¬ wechslungsreich war, haben die bis ins kleinste gehende Arbeitsteilung und die Technisierung und Rationalisierung des Arbeitsprozesses den modernen Industriearbeiter zur Eintönigkeit, zur Monotonie der Arbeit verurteilt. Natürlich mußte auch früher der Arbeiter wachsam sein, um Unfälle zu verhüten und die Güte des Produktes nicht zu beeinträchtigen. Während ihn aber die Vielfalt und Abwechslung seiner Tätigkeit anregte und in Spannung erhielt, kann der monoton beschäftigte Arbeiter seine Auf¬ merksamkeit nur mit hoher Willensanstrengung aufrecht¬ erhalten. Wer hat es nicht schon selbst an sich erfahren, daß er bei einem langweilig und monoton gehaltenen Vor¬ trag eingeschlafen wäre, wenn er sich nicht gezwungen hätte, doch zuzuhören. In diesem Falle ist man aber an seiner Aufmerksamkeit selbst interessiert, während der Arbeiter in der Regel seiner Tätigkeit doch nur das Inter¬ esse abgewinnt, den Arbeitsplatz und den Lohnverdienst zu erhalten. Die Monotonie der Arbeit beherrscht heute ein weites Gebiet unserer Produktion und wird insbeson¬ dere dort zu finden sein, wo an Stelle des Facharbeiters die angelernte Arbeitskraft getreten ist. Aus diesem Grunde sind auch besonders die Frauen gefährdet, die zum Großteil als angelernte Arbeiter tätig sind. Die Willenskonzentration belastet die Nerven. Natürlich werden diese nicht nur durch den Arbeitsprozeß ange¬ griffen, sondern es wirkt die gesamte Umwelt auf sie ein. Um so größere Bedeutung kommt aber gerade deshalb der Belastung durch die Arbeitsdauer zu, die ja einen Großteil des wachen Lebens ausmacht. Auch hier müssen, wie bei der körperlichen Belastung, Verbrauch und Erholung in das richtige Verhältnis gelangen. Zur psychischen Er¬ holung ist aber eine längere Dauer als zur physischen er- 10