hindern, wurde zum Beispiel das Fließband eingeführt. Dies hat jedoch zur Folge, daß mit der Arbeitsdauer die Anstrengung steigt, wobei die Anstrengung nicht nur in körperlicher, sondern auch in nervlicher Hinsicht, insbesondere durch steigende Konzentration, zu ver¬ stehen ist. Bei der Akkord- oder Stückprämienarbeit, der sehr weit verbreiteten Leistungslohnart, sinkt die Stückleistung mit der Arbeitsdauer beziehungsweise die Arbeitszeit steigt mit der Arbeitsdauer pro Stück¬ einheit. Diese Erkenntnis hat schon Prof. Abbe in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts bei Versuchen in den Zeiss-Werken gewonnen. Er ließ unter denselben Arbeits- und Produktionsbedingungen in einer Abtei¬ lung abweichend von der mit neun Stunden festgesetz¬ ten Normalarbeitszeit eine andere Abteilung acht Stun¬ den arbeiten und stellte bereits damals die höhere Arbeitsproduktivität pro Stunde bei der kürzeren Arbeitszeit fest. Versuche in den USA in umgekehrter Form, bei denen gegenüber dem Normalarbeitstag von acht Stunden eine Erhöhung auf zehn Stunden vor¬ genommen wurde, ergaben im letzteren Fall ein Ab¬ sinken der durchschnittlichen Stundenleistung bis zu 16 Prozent. Im übrigen war ein merkbares Ansteigen der Fehlschichten und Arbeitsunfälle zu verzeichnen. Schon damals kam die Wissenschaft zu dem Schluß, daß im allgemeinen bei Arbeitszeitverkürzung die Stunden¬ produktivität steigt (dieser Effekt wird aber um so geringer, je kürzer die Arbeitszeit an sich bereits ist) beziehungsweise bei Arbeitszeitverlängerung fällt. Eine Fallstudie jüngeren Datums, die in dieselbe Richtung weist, lieferte im Jahre 1960 das Bundeskanz¬ leramt-Verstaatlichte Unternehmungen5. In vier Ver¬ suchen wurden die Auswirkungen verschiedener Arbeitszeiten geprüft. Im Versuch 1 bei einer 36-Stunden-Arbeitswoche an sechs Arbeitstagen sechs Stunden täglich Im Versuch 2 bei einer 48-Stunden-Arbeitswoche an sechs Arbeitstagen acht Stunden täglich Im Versuch 3 bei einer 40-Stunden-Arbeitswoche an fünf Arbeitstagen acht Stunden täglich Im Versuch 4 bei einer 60-Stunden-Arbeitswoche an sechs Arbeitstagen zehn Stunden täglich Die Studie kam zu folgendem Resultat: „Sollte eine Produktivitätssteigerung durch Automation das Sozialprodukt erhöhen und damit eine Realisierung von Arbeitszeitverkürzung notwendig sein, so sind Arbeits¬ zeiteinteilung mit einer täglichen Arbeitszeit von acht Stunden in Verbindung mit einem freien Wochenende vor¬ zuschlagen. Begründet wird dieser Vorschlag durch die Tatsache, daß der Achtstundentag und die 40-Stunden- Woche belastungsmäßig auf den arbeitenden Menschen relativ am günstigsten wirkt, obwohl der Produktionsaus¬ stoß bei der 36stündigen Wochenarbeitszeit fast derselbe war." Erfahrungen in anderen Ländern Zu ähnlichen Resultaten kamen auch Studien in anderen Ländern. So ergibt sich aus einer Studie des National Bureau of Labor Research6: „Allgemein gesprochen zeigte die Untersuchung, daß unter sonst gleichen Umständen der Achtstundentag und die Vierzigstundenwoche in bezug auf Stundenleistung und 12 Absenzen am günstigsten sind und daß längere Arbeitszei¬ ten weniger befriedigend sind." Eine sehr eingehende Studie aus Frankreich7, die sich mit den wirtschaftlichen Auswirkungen einer Arbeits¬ zeitverkürzung befaßt, kommt in dem Teil „Auswir¬ kungen auf die Produktivität" — vor allem gestützt auf die Beobachtungen von Lehmann (Max-Planck- Institut, Dortmund) — zu demselben Ergebnis. Der Übergang von einer zehnstündigen täglichen Arbeits¬ zeit auf eine neunstündige für Arbeiten, die eine mit¬ telmäßige Anstrengung erfordern, verursachte trotz der Kürzung der Arbeitszeit um 10 Prozent nur einen Rückgang der Ergiebigkeit von 3,2 Prozent, so daß die Kürzung der Arbeitszeit mit mehr als 65 Pro¬ zent kompensiert erschien. Dieser Kompensations¬ effekt wird beim Übergang von neun auf acht Stunden mit 45 Prozent und beim Übergang von acht auf sie¬ ben Stunden mit 36 Prozent angegeben. Einen weiteren nicht unbeachtlichen Kompensations¬ effekt zeigt die Beobachtung, daß bei Arbeitern und Technikern, die Maschinen überwachen, eine Vermin¬ derung der Irrtümer und Fehlgriffe, die oft zu hohen Ausgaben führen, eingetreten ist. Ein weiterer Kom¬ pensationseffekt tritt durch den deutlich sichtbaren Rückgang an Fehlschichten und Arbeitsunfällen und sonstigen Abwesenheiten oder Nichtarbeit wegen Übermüdung ein. So wird zum Beispiel auf Erfahrun¬ gen in Amerika während des Krieges verwiesen: Unternehmer, die ihre wöchentliche Arbeitszeit fühl¬ bar erhöhten, verzeichneten gleichzeitig eine Steige¬ rung der Absenzen. Ähnliche Beobachtungen kommen aus Norwegen. Nach einem Bericht des norwegischen Untersuchungsausschusses hat man in den Jahren zwischen 1958 und 1960, als die Arbeitszeit auf 45 Stunden reduziert wurde, einen durchschnittlichen Rückgang der Absenzen um 0,3 Stunden pro Woche festgestellt. Dieser Rückgang kompensierte die in der¬ selben Zeit erfolgte Kürzung der wöchentlichen Ar¬ beitszeit um 12 Prozent. Eine weitere sozialpolitische Auswirkung der Arbeitszeitverkürzung könnte eine Verbesserung der Frauenbeschäftigung werden. Amerikanische Erfah¬ rungen zeigen, daß zwischen der Dauer der Arbeits¬ zeit und dem Anteil an beschäftigten Frauen ein ge¬ wisser Zusammenhang besteht. Die oben erwähnte französische Studie kommt zu dem vorsichtigen Schluß, daß bei einer zehnprozentigen Arbeitszeitver¬ kürzung etwa eine fünfprozentige Zunahme der Frauenbeschäftigung eintreten könnte. Kürzere Arbeitszeiten erleichtern auch die Wiedereingliederung von Körper- und Gehirngeschädigten sowie von älteren Arbeitskräften. Schließlich zwingt die bekannte Tatsache der zu¬ nehmenden Automation zu rechtzeitigen Konsequen¬ zen, denn in Zukunft werden immer weniger Men¬ schen immer mehr produzieren. Die Arbeitszeitverkür¬ zung hat daher auch die gesellschaftspolitisch unerhört wichtige Aufgabe, eine technologische Arbeitslosigkeit gar nicht erst eintreten zu lassen. ? Untersuchungen über den Zusammenhang von Arbeltszeit und Leistung von O. Hesse und E. Schiepani, Schriftenreihe des Bundes¬ kanzleramtes. — Verstaatlichte Unternehmungen, Heft 8. • NBLR, „Hours of Work and Output" (N'Y 1947). 1 Commission de la Main d'Oeuvre, Rapport General.