schnitt, um ihn mit Fleisch füttern zu können. Irgendwo muß man die Leh¬ rer für das zusätzliche Schuljahr ab¬ zwacken, entweder von der Betreu¬ ung der bisherigen acht Jahre oder von dem Zuwachs an neuen Schülern. Aber die wichtigere Frage — darin stimmen wir überein — ist eher die pädagogische. Was würden Ernst Mayer und Hermann Schnell zu einem Baumeister sagen, der darüber klagt, daß er heute Schichten von schlechteren Arbeitern heranziehen muß, und daß er deshalb für den Bau einer Schule viel länger brauche als etwa in der Zwischenkriegszeit? Sie würden ihm doch wohl zu bedenken geben, daß die Zeitläufe ihm nicht nur neue Schwierigkeiten, sondern auch Erleichterungen gebracht ha¬ ben, etwa bessere Maschinen und neue Methoden. Ist es beim Unter¬ richt etwa anders? Wir haben nicht nur den programmierten Unterricht, den der Pädagoge nicht verachten darf, weil er den Schüler zur Aktivi¬ tät führt, von der ihn die herkömm¬ liche Schule abgehalten hat; wir ha¬ ben außerdem eine Fülle von Lehr¬ mitteln, die früher praktisch nicht er¬ reichbar waren. Viel wichtiger noch als diese rein technischen Möglich¬ keiten ist die verbesserte didaktische Darstellung des Materials etwa der Mathematik und der Naturwissen¬ schaften, die uns heute zur Ver¬ fügung steht. Der Unterschied zwi¬ schen den besten Einführungen in verschiedene naturwissenschaftliche Gebiete (man denke an die vielen Bücher von Gamov) und den her¬ kömmlichen Lehrbüchern in unseren Schulen ist unermeßlich. Eine Mobi¬ lisierung der großen „Produktions¬ reserven" der Pädagogik erfordert aber vor allem ein Umdenken der Bildungsinhalte und eine Neugestal¬ tung der Schule vom Anfang bis zum Ende, nicht nur der Höheren Schulen, sondern auch der Grundschule, die man heute nicht mehr isoliert be¬ trachten kann. Eine solche Aufgabe, auf die die Schulbehörden personell kaum vor¬ bereitet sind, erfordert freilich auch eine demokratische Zusammenarbeit mit den Lehrern, also praktizierte Demokratie, die in Österreich, ach, so unüblich ist! Das 13. Schuljahr erscheint mir deshalb so verab- scheuungswürdig, weil es ein Aus¬ weichen vor all diesen Aufgaben dar¬ stellt, ein Papier, mit dem man den Mist zudeckt, um wieder jahrelang so zu machen, als ob alles zum besten stünde. Die Schüler müssen nach¬ sitzen, damit es den Schulpolitikern erspart bleibt, nachzudenken. Das ist eine zweifach schlechte pädagogische Maßnahme. GEWERKSCHAFTLICHE RUNDSCHAU 7. Gewerkschaftstag der gastgewerblichen Arbeitnehmer Am 19. November wurde im Franz-Domes-Heim der Wiener Arbeiterkammer der 7. Gewerk¬ schaftstag der gastgewerblichen Arbeitnehmer eröffnet. Außer den rund 90 Delegierten aus ganz Öster¬ reich waren viele Ehrengäste aus dem Ausland erschienen. Kritische Worte Kritische Gedanken äußerte der Gewerkschaftsvorsitzende Fritz Sai- ler in seiner Eröffnungsrede. Wir sol¬ len — sagte Sailer unter anderem — neben den materiellen Zielen nicht die ideellen aus den Augen verlie¬ ren. So sind die Zurückhaltung und das Nicht-in-Selbstgefälligkeit-Ver¬ fallen gemeint! Wir können und wir dürfen uns nicht zufriedengeben, was die Schulung unserer Mitglieder an¬ langt! Hand aufs Herz: Auf dem Feld der gewerkschaftlichen Bildungs¬ arbeit waren wir bei weitem nicht so erfolgreich wie im Kollektiv¬ vertragswesen, in der Lohnpolitik, dem Arbeitsrecht und der Sozial¬ versicherung. Dieses Minus an gewerkschaft¬ licher Schulung fällt in eine Epoche 30 technischer, wirtschaftlicher und ge¬ sellschaftlicher Umwälzungen, für die der herkömmliche Lehrstoff schon unzulänglich wird! Die stete und rasante Weiterentwicklung ist es, die ein Mehr an Lernen und Wei¬ terbilden als unerläßliche Voraus¬ setzung erfordert, damit die nach¬ rückende Generation die gewandel¬ ten Probleme ihrer Zeit zu meistern vermag. Trotz aller materiellen Verbesse¬ rungen sollen wir nicht den techni¬ schen Fortschritt und das Zuwenig an Schulung aus den Augen verlie¬ ren. Bildungsarbeit tut not. Wir müs¬ sen uns auf diesem Arbeitsfeld noch viel mehr anstrengen als bisher! Ich denke nicht allein an das Vortrags¬ und Kurswesen in den Jugendgrup¬ pen. Von schicksalhafter Bedeutung für unsere Zukunft ist die Schulung der zwanzig- und dreißigjährigen Gewerkschaftsmitglieder, der jun¬ gen Betriebsräte und Funktionäre. Von Jahr zu Jahr vergrößert sich der Bedarf an jungen, überzeugten und hingebungsbereiten Mitarbei¬ tern in der Gewerkschaftsbewegung, um die Lücken zu füllen, die durch das Ausscheiden der alten Funktio¬ näre kontinuierlich entstehen. Gewiß, wir haben auch drückende materielle Sorgen. Aber in der Arbeiterbewegung darf niemals das Gelddenken die erzieherischen Ver¬ pflichtungen an die Wand drücken — auch wenn das Ringen gegen die Trägheit des Geistes und des Her¬ zens einer Sisyphusarbeit gleich¬ kommt. Bürgermeister Bruno Marek stellte fest, die Gewerkschaft der gast¬ gewerblichen Arbeitnehmer sei zwar nur eine kleine Gruppe, verfüge aber über eine stolze Tradition. Im wirt¬ schaftlichen Leben nehme sie eine Sonderstellung ein. Die Gewerk¬ schaft habe nicht zuletzt die Auf¬ gabe, die gastgewerbliche Arbeitneh¬ merschaft in den meist noch patriarchalisch geführten Betrieben zu Selbstbewußtsein und Stolz auf die eigene Leistung zu erziehen. ÖGB-Vizepräsident Abgeordneter Erwin Altenburger überbrachte die Grüße des Österreichischen Ge¬ werkschaftsbundes. Dabei wies er auf einige Fragen hin, die die Ge-